05.07.12

Ferien-Satire

Schluckauf und Pinkeldruck, enervierend hochgejazzt

"Holidays By The Sea" versteht sich als Hommage an Jacques Tati. Hier offenbaren einige der markantesten Gesichter des franzöischen Films pantomimische Spiellust, doch bleibt der Film kopistisch.

Von Cosima Lutz

Als Jacques Tati 1953 seinen Monsieur Hulot in einem kriegslärmenden, maroden Oldtimer in die Ferien an die französische Atlantikküste schickte, wo der Tollpatsch bald schon eine Spur der Verwüstung hinterließ, damals, ja, da war die moderne Welt noch in Ordnung. Musste sie ja sein, sonst hätte Hulot sie wohl kaum derart punktgenau ins Chaos stürzen können, diese letztlich humorlose Realität, die jeder Strandurlauber mit sich herumtrug, dabei aber meinte, eben dieser Alltagswelt zu entfliehen.

Worte sind in Tatis legendärer Slapstick-Gesellschaftssatire deshalb gar nicht nötig, in aller Seelenruhe schaukeln sich der Sound der Dinge und die vorzivilisatorischen Fluch-, Brumm- und Behagenslaute der Menschen zu großartigen kleinen Sinfonien des Missgeschicks hoch. Nun also drehte der Comiczeichner und Regisseur Pascal Rabaté einen explizit als Tati-Hommage zu verstehenden Film und zieht, nach "Bäche und Flüsse" (2009), ans Meer: gleiche Gegend, andere Zeit.

Paarweise geordneter Haufen

In "Holidays By The Sea" gibt es ein lesbisches Punk-Pärchen, einen Sadomaso-Liebhaber mit knallrotem Sportwagen und wirklich ganz, ganz böser Domina, multikulturell aufgeschlossenes Kindertheater mit Männern im Nacktschneckenkostüm und einen toten Hasen. Anstelle eines Faktotums im auseinanderfallenden Auto sehen wir anfangs ein dickes Paar, das im Golfwägelchen anreist und sich auf der Landstraße ein grimmiges Wettrennen liefert mit zwei ebenfalls dicken Freunden in einem ebensolchen Wagen. Keine zentrale Figur gibt es mehr, an der sich der Rest der Strandwelt aufreiben könnte, jeder ist ein bisschen mit oder gegen jeden, ein bunter, meist paarweise geordneter Haufen.

Und so tauchen immer mehr Duos auf, niemand spricht, penibel hält sich Rabaté hier an sein Vorbild. Alle Figuren bringen mehr oder weniger bizarre Unverhältnismäßigkeiten mit, die sich ineinander verwickeln: Da sind zwei jüngere Ehepaare mit identischen Autos, wobei jeder heimlich den Ehepartner des anderen begehrt; da sind eine jüngere und eine ältere Frau, die offensichtlich um den Vater/Gatten trauern, was natürlich nicht lustig ist, aber durch einen Schluckauf nach Weihwasser-Genuss seine etwas angestrengte Komödienlegitimität verpasst bekommt.

Die schiere Menge und Variation des Skurrilen wird dabei zunehmend zum Wert an sich: Am Strand legt ein Vater zwanghaftes Zeltaufbau-Verhalten an den Tag, ein anderer wurde mit dem "Delikatessen"-Charakterkopf Dominique Pinon besetzt, was eigentlich auch schon alles sagt. Sie alle finden in einer Sturmnacht Unterschlupf ausgerechnet beim dicken Ehepaar, das sein größtmögliches Glück in einer telefonzellengroßen Hütte gefunden hat und beim Scrabble ausschließlich erfreuliche Wörter legt.

Wiederholter Weihwasser-Schluckauf

Es wäre jetzt schön, solche Ideen und den mutig durchgezogenen Stilwillen zum Beinahe-Stummfilm loben zu können, schon allein weil hier einige der markantesten Gesichter des französischen Films pantomimische Spiellust offenbaren, etwa Jacques Gamblin oder Maria de Medeiros. Doch werden auch die enervierenderen Regie-Einfälle – etwa der Weihwasser-Schluckauf oder der ans Bett gefesselte SM-Mann mit seinem leidvollen Pinkelbedürfnis – selbst noch in der gefühlt 28. Wiederholung musikalisch entweder mit der Singenden Säge oder mit possierlichem Balkansound zur längst nicht mehr vorhandenen Lustigkeit hochgejazzt.

Das größte Problem aber: Letztlich agieren diese Kunstfiguren wie unter Plexiglas, die zeitgenössische Lebenswelt, die Hulot noch aufmischen und spiegeln konnte, spielt kaum eine Rolle. So bleibt nicht viel mehr als der Eindruck einer nostalgischen, kopistischen Fleißarbeit.

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