01.07.12

Staatsoper für alle

Daniel Barenboim begeistert Berliner Klassik-Fans

Bei "Staatsoper für alle" feierten 35.000 Besucher Daniel Barenboim. Das Event fand im Freien statt, denn noch ist das Haus eine Baustelle.

Von Martina Helmig
Foto: DAPD
Konzert der Staatskapelle an der Strasse Unter den Linden
Der Maestro: Wenn Daniel Barenboim dirigiert, strömen die Besucher herbei

Die Schirme auf der Hotelterrasse flattern im Wind. Schwere, grauweiße Wolken verhängen den Himmel. Das dramatische Wetter passt zu Tschaikowskys Musik.

Rucksacktouristen und Herren in weißen Sommeranzügen, Kinderwagen und Rollator treffen sich beim Open-Air-Konzert auf dem Bebelplatz. Auch ein Iron-Maiden-Fan hat sich vor die Bühne verirrt.

"Staatsoper für alle" feiert sein fünfjähriges Jubiläum mit einem Besucherrekord. 25.000 Menschen kamen zur Übertragung des "Don Giovanni" aus dem Schiller-Theater, 35.000 waren am Sonntag beim Konzert mit Daniel Barenboim und seiner Staatskapelle.

Eigentlich sind die Musiker froh gelaunt vom erfolgreichen Wien-Gastspiel zurückgekehrt. Ein bisschen wehmütig sehen sie aber doch auf die Baustelle, die bis vor zwei Jahren ihre künstlerische Heimat war.

"Toll, dass ihr alle wieder da seid. Ich bin der Intendant von dem Haus da, das bald fertig wird", ruft Jürgen Flimm in seiner eigenen Mischung aus Enthusiasmus und Ironie. Bis 2015 soll das Charlottenburger Exil schließlich noch dauern.

Freundlich aber kontrastarm

Yefim Bronfman vertieft sich in Tschaikowskys erstes und beliebtestes Klavierkonzert. Man weiß, dass er sich mit Bärenkräften in die Tasten werfen kann, doch er überrascht mit einem durch und durch lyrischen, geradezu lieblichen Beginn.

Das klingt freundlich, aber auch ein bisschen kontrastarm. Im zweiten Satz wird es dann ganz zauberhaft, da wiegt der Papa auf dem Platz sein Baby zur Musik in den Schlaf. Die Großbildleinwand zeigt erst die einleitende Flöte, dann die sensiblen Finger des Pianisten. Genießerisch breitet die Staatskapelle den Klangteppich aus.

Einst galt der Usbeke Bronfman als bestaunter Außenseiter aus dem fernen, quirligen, orientalischen Taschkent. Inzwischen ist er längst im Zentrum des abendländischen Musikbetriebs angekommen.

Auch in Berlin ist er ein Stammgast, vor ein paar Jahren hat er hier als Pianist-In-Residence der Berliner Philharmoniker gelebt. Das Tschaikowsky-Konzert hat er vor ein paar Jahren unter der Leitung von Mariss Jansons eingespielt.

Yefim Bronfman ist aber keineswegs auf das russische Repertoire spezialisiert. Zwischen Klassik und Moderne pflegt er einen weiten musikalischen Horizont. Der Ruf des kühl-brillanten Pianisten russischer Schule haftet ihm allerdings an.

Nie persönlich kennen gelernt

Diesmal spielt er mit innigster Empfindsamkeit dagegen an. Etwas mehr effektvolles Auftrumpfen könnte Tschaikowskys Konzert schon vertragen.

Silberne Luftballons des Sponsors BMW steigen in den düsteren Himmel. Die Zuhörer sitzen auf Decken und Hockern, auch der Stuhlverkauf floriert. Ein junger Mann überlässt einer älteren Dame seinen mitgebrachten Klappstuhl.

Trompeten und Hörner rufen das Schicksal an. Dazu donnert es von Ferne. Daniel Barenboim dirigiert Peter Tschaikowskys vierte Sinfonie, von der der Komponist sagte, sie sei das Beste, was er jemals geschrieben habe. Er hat sie "seinem besten Freunde" gewidmet, und damit meinte er seine große Mäzenin.

Im Jahr 1877, als er mit der Sinfonie begann, war Nadezhda von Meck in das Leben des scheuen Komponisten getreten und hat den Lebensuntüchtigen durch eine monatliche Leibrente allen finanziellen Sorgen enthoben. Die Beiden haben sich nie persönlich kennen gelernt, aber in einem Brief hat Tschaikowsky seiner Gönnerin das Programm seiner neuen Sinfonie mitgeteilt. Die Staatskapelle setzt es sehr plastisch und ausdrucksstark um.

Empörung über Terminverschiebung

Barenboim weiß Tschaikowskys Klangmassen zu bändigen. Er fasst das unausweichliche Fatum in harte, musikalische Ausrufezeichen. Daneben steht das Seitenthema als Ausflucht in wunderbare Traumwelten. Nach dem gesanglichen Andantino und dem huschenden Pizzicato des Scherzos stürzt sich das Orchester in die trubelige Volksfeststimmung des letzten Satzes.

Daniel Barenboim legt es auf eine machtvolle Steigerung an, das Wetter auch. Dramatisches Finale im leichten Regen, langer Applaus, und dann macht der Maestro vor der Zugabe noch einmal seiner Empörung darüber Luft, dass die Wiedereröffnung der Staatsoper noch einmal verschoben wurde.

Bis zum "Staatsoper für alle"-Event im nächsten Sommer spielen die Bohrer und Presslufthämmer in der Staatsoper ihr eigenes Konzert. Kräne, Gerüste und Baucontainer bleiben allein auf dem Platz zurück.

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