28.06.12

Konzert in der O2 World

Wie Megastar Madonna die Berliner mit "MDNA" berauschte

Während Hunderttausende zur Fanmeile strömten, zog es andere in die Berliner O2 World. Dort bot Madonna eine geradezu rauschhafte Revue.

Von Peter E. Müller
Foto: DAPD

Auch 2012 live zauberhaft: Madonna macht während ihrer Welttournee Station in Berlin und zeigt, wie gut ihr Körper trainiert ist.

5 Bilder

Der erste Blick fällt auf eine Unheil dräuende Kathedrale, im Zentrum ein gigantisches Kruzifix. Mönche in blutroten Kutten läuten die Glocke. Ein monströses Weihrauchfass schwingt benebelnd hin und her. Drei Priester in üppigen Gewändern fahren aus dem Bühnenboden und singen getragen "Ma-ha-don-na".

Es ist bereits Viertel nach Zehn. Madonna hat ihre Berliner Fans ganz schön lange warten lassen auf ihre Show. Mehr als eine Stunde ist seit dem Vorprogramm des französischen House-DJs und Madonna-Produzenten Martin Solveig vergangen. Es gibt lautstarke Buhrufe.

Endlich erklingt aus dem Off eine Stimme: "O My God!" sagt Madonna. Immer wieder. Und beichtet vorsorglich schon mal alle ihre Sünden. Schließlich entsteigt die amtierende Königin des Pop einer Art Reliquienschrein und eröffnet am späten Donnerstagabend in der mit 13.100 Besuchern prall gefüllten O2 World zu wummernden Beats ihre neue Bühnenshow mit "Girl Gone Wild".

Kirche, Erotik und Rollenspiele jeglicher Art sind Madonnas Lieblingsthemen. Genauso präsentiert sie sich auch in ihrem Tournee-Programm "MDNA", eine Anspielung übrigens auf die Partydroge MDMA. Scharenweise wollten Madonna-Fans ihre Konzertkarten auf Ebay und andernorts loswerden, nachdem klar war, dass dieser Donnerstag ein Fußball-Pflichttermin ist.

Während der Rest der Nation draußen die zweite Halbzeit des EM-Dramas Deutschand-Italien verfolgt, schreitet Madonna ganz in Schwarz, drahtig, durchtrainiert und kontrolliert bis in die Stiefelspitzen das weite Spielfeld ab, das fortan zu ihrem ganz persönlichen Dancefloor wird.

Die Mönche haben sich längst ihrer Kutten entledigt und stellen ihren Waschbrettbauch in wilder Choreographie zur Schau. Was hier für die nächsten gut zwei Stunden über Berlin hereinbricht, ist eine rauschhafte Revue, bei der Madonna nicht in alten Erfolgen badet, sondern einmal mehr als Entertainerin auf der Höhe der Zeit verstanden werden will. Wohl deshalb prägen gleich acht Stücke vom neuen, gar nicht mal so gelungenen Album "MDNA" die Show.

Die Frau kommt langsam in eine Zwickmühle. Seit gut 30 Jahren steht sie mittlerweile im Rampenlicht. Sie wusste stets durch gezielte Provokationen, mal sexueller, mal politischer Natur, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Sie hat seit ihrem ersten Nummer-1-Hit "Like A Virgin" von 1984 immer schneller als andere die Trends der Zeit erkannt und sie für sich und ihre Musik umgemünzt.

Die neue Generation steht in den Startlöchern

Sie hat früh erkannt, dass Popmusik auch immer mit Geschäft zu tun hat. Nur hat Popmusik auch etwas hemmungslos juveniles, und längst steht eine neue, junge, von Madonna angestachelte und geprägte Generation in den Startlöchern. Und macht der Queen of Pop plötzlich den Anspruch auf den Thron streitig. Den aber verteidigt die 53-jährige Vollblut-Entertainerin eisenhart mit einem aufwendigen Bühnenspektakel von rätselhafter Wucht.

Die Bühne formt ein Dreieck Richtung Publikum, eingefasst von zwei Laufstegen. Im Inneren ist Platz für Fans, die ihrem Idol ganz nah sein wollen. Zwei Leinwände tragen das Live-Geschehen bis in die letzte Reihe. Eine gigantische zentrale Bildwand illustriert die Songs. Der in Quader aufgeteilte Bühnenboden lässt sich imposant in die Höhe und in die Tiefe fahren. Sieben Musiker, dazu reichlich Elektronik und Konserven, besorgen den basspumpenden, schrillen, lautstarken Party-Sound.

Peinliches Pistolen-Spiel

"MDNA", Madonnas bislang neunte Tournee-Inszenierung, ist recht düster und morbid ausgefallen. Zumindest in der ersten halben Stunde. Gleich beim zweiten Stück "Revolver" fuchtelt und ballert das "Bad Girl" mit einer Kalaschnikow um sich, leckt am Lauf einer Pistole, reibt das AK-47-Sturmgewehr zwischen ihren Beinen. Ein bisschen pubertär wirkt das schon.

Bei "Gang Bang" im Anschluss hastet sie samt Knarre und Whiskeyflasche über das Bett in einer billigen Motel-Kulisse, wird von maskierten Kerlen angegriffen, die sie breitbeinig gnadenlos niederstreckt. "Bang bang, shot you dead, shot my lover in the head" singt sie. Dabei werden bei jedem Treffer flächendeckend Blutspritzer auf die Rückwand geklatscht. Das Ganze wirkt wie ein von Tarantino inspirierter Guy-Ritchie-Gangsterfilm.

Falls Madonna mit Songs wie diesen die Trennung von Ex-Ehemann Ritchie verarbeiten sollte, möchte man nicht in dessen Haut stecken. Aber vielleicht ist das Ganze auch als Warnung an bissige Konkurrentinnen wie Lady Gaga zu verstehen, wenn sie Zeilen wie "Now if you're gonna act like a bitch, then you're gonna die like a bitch" faucht. Man weiß es nicht.

"Papa Don't Preach" wird lediglich angedeutet um in "Hung Up" vom "Confessions on a Dancefloor"-Album (2005) überzugehen. Mehr als 20 Tänzer und Tänzerinnen umschwärmen die Pop-Diva, darunter auch Madonnas neuer Lebensgefährte Brahim Zaibat.

Für "I Don't Give A *", das wieder nach Abrechnung klingt, hängt sie sich eine Gitarre um, singt auf einem Podest mitten im Publikum, lässt Jungkollegin Nicki Minaj "There´s only one Queen and that´s Madonna" auf der Leinwand rappen und wird schließlich auf einer Art Altar geopfert. Szenenwechsel. Garderobewechsel. Durchatmen.

Cheerleader im Teenager-Land

Was die gestandene Frau geritten hat, sich für den zweiten Showblock in ein unvorteilhaftes Cheerleader-Kostümchen zu zwängen, weiß nur sie allein. Zu "Give Me All Your Luvin'" jedenfalls wird ein zutiefst amerikanischer Stadion-Rummel zelebriert. Cheerleader hüpfen Pompoms wedelnd über die Laufstege, eine uniformierte Trommlerband marschiert heftig klöppelnd übers Areal und geht im wahrsten Sinne des Wortes an die Decke.

Es ist ein herrliches Durcheinander im Teenager-Land, bei dem Madonna Louise Veronica Ciccone ganz in ihrem Element ist. Pures Entertainment, purer Spaß. Das, so scheint es, ist die Madonna, die das Publikum sehen will. Obwohl ihm viele Hits vorenthalten werden. "Holiday", "Into The Groove" oder "Music"" werden nur kurz per Video angespielt, als Einstimmung auf "Turn Up The Radio", zu dem Madonna wieder mit Gitarre und wieder ganz in Schwarz erscheint.

Das Publikum singt auch mit bei "Open Your Heart". Es gibt Baskenland-Folklore des trommelnden Kalakan-Trios, mit Choreographien zwischen Volkstanz und Breakdance. Madonna dankt ihren Fans für ihre Treue. Und singt die Ballade "Masterpiece", die auch ihren Weg in Madonnas gerade in die Kinos gekommenem Film "W.E." gefunden hat. Und wieder gibt's eine Videoeinspielung, diesmal von "Justify My Love". Das hätte man auch gern live gehört.

Mit "Vogue" kommt die Show weiter auf Touren und die laszive Madonna zum Zug. Sie zitiert zu fordernden Beats die legendären Broadway-Ziegfeld-Follies mit Tänzern in glamourösen Kostümen. Sie selbst trägt zum Hosenanzug ein Korsett-Etwas von Jean-Paul Gaultier. Der Star entblättert sich.

"Like A Virgin" als Walzer

Die Szene wechselt in ein umtriebiges Luxus-Bordell und mündet in einen der größten und zugleich stillsten Momente des Abends. Madonna, ganz allein auf dem Laufsteg, singt nur begleitet von einem Pianisten "Like A Virgin" als wehmütigen Walzer. Während ihr ein Tänzer das Korsett enger und enger schnürt.

Und schon wieder eine Videopause, eine hektisch die Gesichter wechselnde Collage zu "Nobody Knows Me", mit Live-Slackliners, die mehrfach an diesem Abend waghalsige Tänze auf Seilen vorführen. Und mit jenem sekundenkurzen Filmschnipsel, mit dem Madonna sich die französische Rechtspopulistin Marine Le Pen zur Feindin gemacht hat. Die Gesichtszüge der Parteichefin des Front National (FN) überlagern für einen Moment Madonnas Gesicht, plötzlich blitzen dabei kurz Hitlerbart und Hakenkreuz auf.

"I'm Addicted" wird zum breitflächigen Kung-Fu-Ballett, mit "I'm A Sinner" werden Gurus, Indien und die Hippie-Sixties beschworen und "Like A Prayer" prunkt mit einem üppigen Gospelchor wie neulich beim Super Bowl. Der Aufwand ist enorm, das Playback hält sich in Grenzen. Madonna singt über weite Strecken trotz ständiger Bewegung live. Sie ist gut bei Stimme. Eine Perfektionistin bei der Arbeit.

Dass mitunter ein leichter Hauch von Peinlichkeit durch die Showszenerie weht, fällt bei diesem extravaganten, mit Reizen um sich werfenden Superlativ von einer Show kaum auf. Und weil hier bei aller Düsternis letztlich doch das Leben und die Liebe zelebriert werden, geht dieses Schlachtschiff von einer Pop-Inszenierung um Mitternacht mit "Celebration" in ein quietschbunt fröhliches Finale. Keine Nachspielzeit. Madonna live ist auch 2012 noch zauberhaft. Und unerreicht. Potenzielle Thronfolgerinnen sollten sich warm anziehen.

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Multimedia
Welttournee

Madonna als Schulmädchen und Pistolenweib

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Belästigungsvideo "Ich betreibe Kampfsport und habe trotzdem…
Vorsicht Kamera! Hochzeit aus der Sicht einer Whiskey-Flasche
Nach Pokalsieg Pep Guardiola denkt nur noch an Borussia Dortmund
Israel Radikaler Rabbiner überlebt Attentat
Top Bildershows mehr
Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Kleine Horror-Show

Halloween, das Fest des Gruselns

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote