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10.04.09

"Mein Leben"

Reich-Ranicki über Google und schwule Musik

Wie es ist, einen Film über sich selbst zu sehen? Mathias Döpfner sprach mit dem Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki über die Bücher seines Lebens. Reich-Ranicki erzählt, dass er nicht googelt, sondern googeln lässt und Angst hat vor dem fundamentalistischen Islam.

dpa

Marcel Reich-Ranicki in typischer Pose: Er ist Deutschlands bekanntester Literaturkritiker.

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Morgenpost Online: Das letzte Mal haben wir vor zehn Jahren hier in Ihrer Wohnung zusammen gesessen, um ein Interview zu führen. Was hat Sie seither überrascht?

Marcel Reich-Ranicki: Ich rechnete damals damit, dass meine Produktionsfähigkeit zu Ende geht. Und nun muss ich feststellen, dass ich immer noch arbeiten kann und meine Ware immer noch einigermaßen gefragt ist. Damit habe ich eben nicht gerechnet.

Morgenpost Online: War Ihre Autobiografie "Mein Leben" als Finale Ihres Schaffens geplant?

Reich-Ranicki: Das könnte man so sagen. Ich habe allerlei Dinge getan, bei denen ich dachte, das ist jetzt der Abschluss. Auch der Kanon war so ein Schlusswerk. Aber es geht immer weiter.


Morgenpost Online: Sie haben vor der Premiere des Filmes über Ihr Leben gesagt: "Ich hoffe, dass es ein guter Film wird, aber ich fürchte, es wird ein schlechter." Haben Sie sich etwa getäuscht?


Reich-Ranicki: Ja. Dass die beiden Hauptrollen von diesem Schweighöfer und der Schüttler so fabelhaft gespielt würden, damit habe auch ich nicht gerechnet.


Morgenpost Online: Wie ist es, einen Film über sich selbst zu sehen?


Reich-Ranicki: Na ja, bisher habe ich immer nur Dokumentarfilme über mich gesehen, da habe ich mich sozusagen selbst präsentiert. Aber sich von Schauspielern dargestellt zu sehen, das ist schon etwas ganz anderes. Die größte Überraschung war, als am Anfang die Schüttler erscheint und sagt: "Ich bin Teofila Ranicki, die Frau des polnischen Konsuls." Damit hatte ich nicht gerechnet. Also, diese Hauptrollen waren glänzend besetzt.


Morgenpost Online: Können Sie in eigener Sache überhaupt unterscheiden, ob es sich um einen positiven oder um einen guten Film handelt oder verliert der Kritiker hier die kritische Distanz?


Reich-Ranicki: Nein. Ich könnte diesen Film sehr gut rezensieren und sagen, was mir besonders gefällt.

Morgenpost Online: Welche Szene hat Sie am meisten berührt?

Reich-Ranicki: Genauso wie im Leben so im Film. Jemand pochte kräftig an die Haustür, offenbar mit einem Gewehrkolben. Bolek öffnete mit erhobenem Kopf. Vor ihm stand ein müder russischer Soldat und fragte laut: "Keine Deutschen hier?" Wo wir unentwegt fürchten mussten, jemand würde fragen: "Keine Juden hier?", wo diese Frage noch vor einer Stunde für uns den Tod bedeutet hätte, da wurden jetzt Deutsche gesucht. Bolek rief mich, er meinte wohl, ich würde mich mit dem Soldaten besser verständigen können. Der schaute mich scharf an und fragte mich: "Amchu?" Ich hatte keine Ahnung, dass es sich um ein in Russland gebräuchliches Wort handelt, mit dem sich Juden vergewissern, dass ihr Gesprächspartner ebenfalls Jude ist. Als er meine Ratlosigkeit sah, fragte er, ob ich ein "Jewrej" sei. Das ist die russische Vokabel für "Hebräer". Ich antwortete: "Ja, ich Hebräer". Darauf sagte er: "Ich auch Hebräer." Wir waren gerettet.

Morgenpost Online: Wie fand Ihre Frau den Film?

Reich-Ranicki: Sehr gut. Er hat uns gleich gut gefallen. Wissen Sie, meine Frau hat mein Leben gerettet, und ich habe ihr Leben gerettet. Alleine hätte sie das nicht geschafft. Und ich hätte alleine auch nicht überlebt. Das ist bis heute so geblieben. Und jetzt sehen wir gemeinsam diesen Film.

Morgenpost Online: Wie waren Sie in die Dreharbeiten involviert? Haben Sie Szenen und Drehbuchelemente autorisiert?

Reich-Ranicki: Nein. Am Anfang hat mir Gutmann die erste Fassung des Drehbuchs gezeigt. Das war alles. Ich wollte nicht, dass das ein von mir autorisierter Film ist, sondern ein Film über mich.

Morgenpost Online: Stimmt es, dass Sie für die Rolle des Marcel Reich-Ranicki Leonardo di Caprio vorgeschlagen haben, weil er Ihnen so ähnlich sehe?

Reich-Ranicki: Ich weiß gar nicht, wer Leonardo di Caprio ist. Ursprünglich dachte ich, dass Moritz Bleibtreu der richtige Schauspieler wäre. Aber er ist mittlerweile doch schon zu alt.

Morgenpost Online: Wie wichtig ist Eitelkeit im Leben eines Kritikers?

Reich-Ranicki: Ohne Eitelkeit gibt es kein Schreiben. Egal ob Autor oder Kritiker – Eitelkeit muss dabei sein. Sonst entsteht nichts. Thomas Mann war wahnsinnig eitel, Richard Wagner auch und Goethe und natürlich Schiller.

Morgenpost Online: Im Warschauer Ghetto haben Sie für die Zeitung "Gazeta Zydowsky" unter dem Pseudonym Viktor Hart Musikkritiken geschrieben. Gibt es die noch? Dürfte man die veröffentlichen?

Reich-Ranicki: Die gibt es natürlich noch, die liegen in Warschau im Museum. Aber veröffentlichen, nein, lieber nicht. Ich weiß noch, wie das anfing. Die brauchten einen Musikkritiker, daraufhin empfahl ich einen Freund. Doch der wurde krank, da musste ich ihn vertreten. Und dann sagten alle, ich solle einfach weitermachen.

Morgenpost Online: Wären Sie lieber Musikkritiker geworden?


Reich-Ranicki: Ja, wenn ich eine größere musikalische Begabung gehabt hätte. Aber ich war nicht musikalisch genug.


Morgenpost Online: Sollte Wagner in Israel gespielt werden?


Reich-Ranicki: Selbstverständlich.


Morgenpost Online: Obwohl er der größte bekannte Antisemit der Musikgeschichte ist?


Reich-Ranicki: Was bei Tristan und Isolde ist antisemitisch?


Morgenpost Online: Also zählt nur das Werk, nicht die Persönlichkeit des Künstlers.


Reich-Ranicki: Aber ja.


Morgenpost Online: 1986 haben Sie mich in der FAZ-Redaktion, als wir über Erotik in der Musik und Tschaikowsky diskutierten, mal mit der Frage verunsichert: "Gibt es homosexuelle Musik?"

Reich-Ranicki: Eine gute Frage!

Morgenpost Online: Ich wusste damals und bis heute keine Antwort. Deshalb möchte ich die Frage heute zurückstellen: "Gibt es sie?"

Reich-Ranicki: Ich glaube daran, dass bei der Entstehung mancher musikalischer Werke homosexuelle Gedanken eine Rolle gespielt haben können. Aber ob Musik vom Publikum als homosexuell verstanden werden kann, das weiß ich nicht. Mir hat mal jemand gesagt, die Vierte Symphonie von Tschaikowsky sei homosexuell. Ich glaube das nicht.

Morgenpost Online: Warum steht Ihnen Chopin so nah?

Reich-Ranicki: Chopin war im Warschauer Ghetto verboten. Wir mussten ihn heimlich hören. Als die Deutsche Wehrmacht in Warschau einmarschierte, sprengte sie als erstes das Chopin-Denkmal am Eingang des Königsparks. Sie haben es einfach gesprengt. Man unterstellte der Musik Chopins revolutionäre Gedanken.

Morgenpost Online: Anfang Mai wollen Sie bei einem Konzert anlässlich des zehnten Todestages von Yehudi Menuhin über Ihre Begegnungen mit dem Musiker sprechen. Erzählen Sie, wie Sie ihm begegnet sind?

Reich-Ranicki: Das erste, was ich von ihm hörte, waren als Kind in Berlin Anekdoten. Einstein soll gesagt haben, als er Menuhin zum ersten Mal spielen hörte: "Jetzt glaube ich an Gott." Ich bin ihm zum ersten Mal im Zug von Köln nach Hamburg begegnet. Ich habe mich ganz ordinär benommen und ihn gefragt: "Wer sind Sie?" Er stellte sich vor. Und dann redeten wir über Musik. Ich fragte ihn, ob es ihm nicht langweilig werde, jeden Abend das gleiche Repertoire zu spielen. Er sagte: "Wenn man sich an jedem Abend wirklich Mühe gibt, kann es nie langweilig werden. Es wird immer besser."

Morgenpost Online: Ich habe Menuhin am 9..November 1989 bei einem Konzert in München erlebt. Nachdem er sein geplantes Programm dirigiert hatte, ließ er das Orchester die deutsche Nationalhymne spielen. Dass ein Jude den Deutschen den richtigen Umgang mit Patriotismus zeigte – was für eine Pointe der Geschichte. Hätten Sie das auch gemacht?

Reich-Ranicki: Ich hätte es nicht gemacht. Bei seinem ersten Konzert mit den Berliner Philharmonikern hat Menuhin am Anfang das Kol Nidre von Max Bruch gespielt. Das gefällt mir besser.

Morgenpost Online: Warum hätten Sie die Nationalhymne nicht gespielt?

Reich-Ranicki: Weil ich in eine deutsche Schule ging. Und dort mussten wir immer "Deutschland, Deutschland über alles" singen. Es wäre nicht meine Sache, das Deutsche Volk zur Nationalhymne zu führen.

Morgenpost Online: Warum tun Sie seit Jahrzehnten so viel für deutsche Literatur und die Sprache der Nation, die den Juden, Ihrer Familie und Ihnen selbst das Schlimmste angetan hat, was man tun kann?

Reich-Ranicki: Aber das haben meiner Familie ja nicht Thomas Mann, Heinrich Mann, Alfred Döblin, Arthur Schnitzler und Franz Kafka angetan.

Morgenpost Online: Sie meinen, Adolf Hitler darf nicht das letzte Wort haben?

Reich-Ranicki: Ja, das ist gut. Stalin hat doch die Sprache von Dostojewski und Puschkin und Tolstoi auch nicht kaputt gemacht.

Morgenpost Online: Kannten Sie den polnischen Pianisten Wladislaw Spielmann persönlich?

Reich-Ranicki: Aber ja. Ich habe nur wenige Monate vor seinem Tod noch mit ihm lange geredet. Weil ich von ihm wissen wollte, welche Musik im Warschauer Ghetto gespielt wurde. Aber er konnte sich nur an seine eigene Musik erinnern.

Morgenpost Online: Haben Sie Roman Polanskis Film "Der Pianist" über Spielmann gesehen?

Reich-Ranicki: Ja, ein sehr guter Film.

Morgenpost Online: Für mich der beste Holocaust-Film, der je gedreht wurde.

Reich-Ranicki: Wirklich? Fanden Sie ihn besser als meinen Film?

Morgenpost Online: Na ja, eine andere Kategorie.

Reich-Ranicki: Aha.

Morgenpost Online: Stimmt es, dass Ihre Leidenschaft für Literatur bei einer Aufführung von Wilhelm Tell 1932 in Berlin geweckt worden ist?

Reich-Ranicki: Nicht die Leidenschaft für Literatur, aber die Liebe zum Theater. Es war eine Inszenierung von Jürgen Fehling, mit Werner Krauss und Bernhard Minetti.

Morgenpost Online: Welche Bedeutung hat Gustaf Gründgens für Sie?

Reich-Ranicki: Er ist der Schauspieler meines Lebens. Er ist der größte deutsche Schauspieler des zwanzigsten Jahrhunderts. Ein intellektueller Schauspieler. Ich habe ihn leider, leider nie persönlich kennengelernt. Ich wusste nicht, wie ich mich ihm vorstellen sollte.

Morgenpost Online: Wie beurteilen Sie Gründgens Rolle im Dritten Reich?

Reich-Ranicki: Sehr gut. Gründgens hat sehr vielen Menschen das Leben gerettet. Er hat unter anderem Ernst Busch das Leben gerettet. Er hat sehr viele Schauspieler, die durch das Dritte Reich gefährdet waren, beschützt und gerettet.

Morgenpost Online: Warum haben Sie Balzacs "Frau von 30 Jahren" nach der Ausweisung mit auf die Reise nach Polen genommen?

Reich-Ranicki: Das war reiner Zufall. Ich habe das Buch nie wieder gelesen. Es hat mich gelangweilt.

Morgenpost Online: Wenn Sie heute nur noch ein Buch mitnehmen dürften, welches?

Reich-Ranicki: Eines das ich selbst gemacht habe: "Meine Gedichte – von Walter von der Vogelweide bis heute."

Morgenpost Online: Seit Januar dieses Jahres veröffentlichen Sie eine Reihe über sechs große deutsche Autoren: "Mein Schiller", "Mein Lessing", "Mein Heine", bald kommen die Bücher "Mein Kleist", "Mein Kafka". Warum nicht "Mein Mann", "Mein Fontane", "Mein Goethe"?

Reich-Ranicki: Weil diese Bücher zu dick würden. Ich kann doch nicht Goethe machen ohne Faust. Und dann ist das Buch schon zu dick.

Morgenpost Online: Halten Sie es für richtig, dass der Suhrkamp Verlag nach Berlin ziehen will?

Reich-Ranicki: Ja, es ist richtig, dass der Verlag sich in diesem großen Zentrum Berlin ansiedelt. Aber keiner weiß ganz genau, wann das passieren wird. Erst dann wird sich herausstellen, wie tüchtig Ulla Berkéwicz tatsächlich ist.

Morgenpost Online: Sie haben daran Zweifel?

Reich-Ranicki: Auf jeden Fall kann man bestätigen, dass sie keine alltägliche Person ist. Die Zusammenarbeit mit ihr ist leider schwierig, weil sie sehr empfindlich ist.

Morgenpost Online: Es gab Probleme bei Ihrer neuen Edition der kleinen Klassikerbände?

Reich-Ranicki: Von dieser Serie kleiner Bücher sind die über Schiller, Lessing und Heine schon erschienen. Die weiteren Bände über Kleist, Büchner und Kafka folgen. Aber wegen rein finanzieller Streitigkeiten ist nur ein Band, nämlich Schiller, bei Suhrkamp erschienen. Alle anderen erscheinen bei Hoffmann & Campe. Ulla Berkéwicz war zu einem Kompromiss nicht bereit.

Morgenpost Online: Sie sind mit der Zusammenarbeit mit dem Hause Suhrkamp seit dem Tode von Siegfried Unseld anhaltend unzufrieden?

Reich-Ranicki: In der Tat war diese Zusammenarbeit, so lange Unseld lebte, tadellos, jetzt ist sie etwas schwierig. Der Verlag hat etwa für die große Kanonausgabe, sehr wenig, fast gar nichts getan. Und das ist nicht gut für die Bücher und für den Verlag. Ich möchte mich mit der Ulla versöhnen.

Morgenpost Online: Wie erleben Sie das Berlin von heute?

Reich-Ranicki: Ja, ja. Na ja. Ganz ordentlich. Das Berlin meiner Jugend kommt natürlich nicht wieder. Nehmen wir die Berliner Philharmonie. Man kann alles tun; das Haus wieder aufbauen, das Orchester wieder zusammenstellen. Aber eines kann man nicht wieder erschaffen: Das Publikum. Das war ja damals im Wesentlichen jüdisch. In der Staatsoper war ja angeblich mehr als die Hälfte der Anwesenden jüdisch.

Morgenpost Online: Das ganz deutsche Bildungsbürgertum ist im Kern eine jüdische Errungenschaft.

Reich-Ranicki: Das ist übertrieben, aber man kann das so sagen. Und das kommt nie wieder.

Morgenpost Online: Sind sie Kulturpessimist?

Reich-Ranicki: Nein. Das bin ich gar nicht. Berlin wird schon wieder was werden. Aber Sie erleben es nicht mehr.

Morgenpost Online: Wie nehmen Sie die Debatte um die Stiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung" und Erika Steinbach in Polen wahr?

Reich-Ranicki: Ach, dazu kann ich nichts sagen. Das interessiert mich nicht. Politik interessiert mich nicht.

Morgenpost Online: Aber ein intelligenter Mensch muss sich doch in einem gewissen Maße für Politik interessieren.

Reich-Ranicki: Ein Mensch muss gar nichts, in einem freien Land. Verstehen Sie?

Morgenpost Online: Falsche Politik kann in Katastrophen führen. Das Appeasement der Dreißigerjahre hat dazu beigetragen, dass Auschwitz nicht verhindert wurde.

Reich-Ranicki: Ja. Aber das kann ich doch nicht ändern.

Morgenpost Online: Haben Sie heute keine Angst vor dem Iran und dem fundamentalistischen Islam?

Reich-Ranicki: Ja, davor habe ich große Angst. Das ist furchtbar. Aber mein Lieber, ich bin beinahe 89 Jahre alt.

Morgenpost Online: Wie erklären Sie es, dass der Antisemitismus des fundamentalistischen Islam hierzulande fast gesellschaftsfähig ist, zumindest nicht ausreichend für Beunruhigung und Widerstand in der Gesellschaft sorgt?

Reich-Ranicki: Das hängt mit einer starken Antipathie einiger oder vieler Deutscher zusammen. Es ist ein Antisemitismus, der vielen Deutschen ganz genehm ist.

Morgenpost Online: Wie akut ist die Gefahr des Antisemitismus in Deutschland heute?

Reich-Ranicki: Ich kann das nur unzureichend beurteilen. Meine Frau und ich haben Umgang mit Schriftstellern, Redakteuren, Verlagsleuten, Intellektuellen. Das ist eine Gruppe, in der Antisemitismus eine eher geringe Rolle spielt. Das ist eine Ausnahmewelt. Vor einigen Jahren wurde der Antisemitismus etwas zurückgedrängt. Jetzt kommt er allmählich zurück. Aber es ist interessant, dass Sie mich auf Antisemitismus ansprechen. Seit Jahrzehnten ist mir eine wirklich direkte Frage nach dem Antisemitismus nie in irgendeinem Interview gestellt worden.

Morgenpost Online: Wie erklären Sie sich das?


Reich-Ranicki: Ich glaube, es ist den Menschen unangenehm, dieses Thema mit mir zu berühren.


Morgenpost Online: Von der Politik haben Sie sich Ende der Fünfzigerjahre fast trotzig abgewendet und wurden hauptberuflich und ganz ausschließlich Literaturkritiker. Es gab nur noch Literatur. War dies eine Flucht aus der Umarmung durch den polnischen Geheimdienst?


Reich-Ranicki: Wir, meine Frau und ich, waren freiwillig zum Militär gegangen. Da wir Fremdsprachen kannten, was in der polnischen Armee damals Seltenheitswert hatte, waren wir der Zensur zugeteilt worden. Schon daraus wollte man mir in der Bundesrepublik einen Strick drehen. Jene, die das tun wollten, wussten nicht, dass im Ersten Weltkrieg von Jünger bis Joseph Roth viele Schriftsteller an der Postzensur stark interessiert waren. Was ich nicht wusste: Dass im kommunistischen Polen die Postzensur dem Sicherheitsministerium unterstand. So wurde ich dem Auslandsnachrichtendienst zugewiesen. Erst wurde ich nach Berlin geschickt, später vom Außenministerium, wo ich einige Zeit arbeitete, nach London. Was ich für diesen im Entstehen begriffenen Nachrichtendienst getan habe, kann man in meinem Buch "Mein Leben" genau nachlesen. Ich habe es satt, immer dasselbe zu erzählen. Als ich vom Sicherheitsministerium in Warschau entlassen wurde, wurde ich ernsthaft gewarnt: Sollte ich etwas über die lächerlichen Methoden des Nachrichtendienstes verraten, würde ich mit den schlimmsten Konsequenzen bestraft werden.


Morgenpost Online: Mit dem Tode?


Reich-Ranicki: Ja.


Morgenpost Online: Sie hatten Todesangst und wollten dem System entfliehen in die für Geheimdienste harmlose, uninteressante, apolitische Welt der Literatur?


Reich-Ranicki: Nein, zur Liebe meiner Jugend, der Literatur.


Morgenpost Online: 1957 schrieben Sie Ihre ersten Artikel in der "Welt". Hatten Sie damals diesen brennenden Ehrgeiz, ein bedeutender Literaturkritiker zu werden, es allen zu zeigen?


Reich-Ranicki: Nein, daran habe ich damals nicht gedacht. Ich wollte zunächst einfach nur schreiben, um etwas zu essen zu haben für mich, meine Frau und den Sohn.

Morgenpost Online: War der Journalismus damals in Deutschland in einem besseren oder schlechteren Zustand als heute?

Reich-Ranicki: In einem viel schlechteren. Viel schlechter.

Morgenpost Online: Sie teilen das Lamento über den Niedergang des Journalismus nicht?

Reich-Ranicki: Überhaupt nicht. Die Qualität der Texte ist heute viel besser. Aber die Menschen verklären die Vergangenheit gerne.

Morgenpost Online: Hat der Computer den Stil der Journalisten verschlechtert?

Reich-Ranicki: Nein, der Computer hat den Stil ganz entschieden verbessert. Und das kann ich Ihnen genau erklären. Man schreibt einen Satz, stellt fest, dass eine Kleinigkeit noch besser sein könnte, und sofort kann man es verbessern. Also tut man es. Früher, mit der Schreibmaschine, tat man es nicht.

Morgenpost Online: Das Gegenargument kennen Sie: Früher hat man länger nachgedacht, bevor man losgetippt hat.

Reich-Ranicki: Das hat Günter Grass mir immer versucht einzureden, er behauptete, der Computer verderbe den Stil. Unsinn.

Morgenpost Online: Die Guten denken nach und ändern. Die Schlechten nicht.

Reich-Ranicki: Wir sind uns einig.

Morgenpost Online: Lesen Sie Texte online?

Reich-Ranicki: Ich weiß nicht, was das ist.

Morgenpost Online: Wissen Sie, was ein Blog ist?

Reich-Ranicki: Nein.

Morgenpost Online: So eine Art digitaler Leserbrief...

Reich-Ranicki: ... das will ich nicht lesen.

Morgenpost Online: Googeln Sie?

Reich-Ranicki: Ich lasse googeln.

Morgenpost Online: Google hat schon 15 Millionen Bücher gescannt, 1,5 Millionen davon sind für mobile Lesegeräte zugänglich. Ist das gut oder schlecht für die Literatur?


Reich-Ranicki: Weder noch.


Morgenpost Online: Wird das Internet den Bücherschrank ersetzen?


Reich-Ranicki: Es wird beides geben. Ich habe nichts gegen solche Geräte. Hauptsache die Texte sind gut.

Morgenpost Online: Ist der Journalismus leidenschaftsloser geworden?

Reich-Ranicki: Das mag wohl sein.

Morgenpost Online: Ich erinnere zwei Merksätze, die Sie vor 25 Jahren auf den Fluren der FAZ immer wieder gedonnert haben: "Nichts voraussetzen!" Und: "Man muss überzeichnen, um verstanden zu werden."

Reich-Ranicki: Jaa! Das ist selbstverständlich. Ohne Übertreibung geht’s nicht.

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