13.07.12

Larry Clark

Das Warten auf den besten Schuss

Eine Berliner Ausstellung, die nicht jugendfrei ist: Seit den Sechzigerjahren fotografiert Larry Clark amerikanische Teenager beim Sex und Drogen nehmen. Wir müssen ihm dankbar dafür sein.

Eine handgeschriebene Liste, die im ersten Stock der C/O Gallery in Berlin-Mitte hängt, sagt schon fast alles über diese Ausstellung: Amphetamine? Jede Menge. Marihuana? Ununterbrochen. Heroin? Natürlich. Kokain? Aber hallo. LSD? Nur zweimal. Magic Mushrooms? Sicher doch. Und so weiter.

Wahrscheinlich hat Larry Clark überhaupt nur zu schreiben aufgehört, weil der ärztliche Fragebogen des New Yorker St. Luke's Hospital bloß eine Seite lang ist. Sie hängt an der Wand wie eine Trophäe: Seht her, wie krass ich bin!

Ein Leben im Drogenrausch, ein Leben mit nackten Teenagerleibern, ein Leben mit dem Finger am Abzug. Larry Clark, das macht uns seine dokumentarische Kunst weis, lebt ein Leben im Darkroom, und ab und zu geht er zusätzlich in die Dunkelkammer, immer noch, obwohl er inzwischen beinahe siebzig ist.

Vaginas und Pistolen

Penisse, Vaginas, US-Flaggen, Drogen und Pistolen sind die Zutaten von Clarks visueller Rohkost. Ein Foto zeigt einen nackten Jugendlichen, der ein mit einem Seil auf ein Bett gefesseltes Mädchen gleich doppelt bedroht: mit dem Lauf eines Trommelrevolvers wie mit dem auf etwa gleicher Länge erigierten Glied. Die meisten Fotos haben keinen Titel, dieses heißt "Brother and Sister".

Auf einem anderen schaut ein verkleideter Freak in die Kamera. Hinter ihm geht die Sonne unter, am Ende einer Straßenflucht. Für den Freak indes, das ahnt man gleich, gibt es kein Entkommen.

Viele andere dieser scheinbar flüchtigen Schnappschüsse könnten als Grundlage eines Knigges für Fixer dienen; die Etikette, die sie lehren, ist der fachgemäße Umgang mit dem Spritzbesteck.

Drastische Schnipselarrangements

"Ich bin so hart und so nackt wie Jack Kerouac, ich bin so cool wie William S. Burroughs": Das schreit jedes der 200 Bilder dieser Larry-Clark-Retrospektive, ob aus der frühen Serie "Tulsa" (1971) oder ob eingebettet in die späten Wolkencollagen - drastische Schnipselarrangements aus Renaissanceporträts von Botticelli und steifen Schwänzen, die Apple so nie in seine Cloud lassen würde.

Die kalifornischen Puritaner würden das Datenpaket postwendend zurückschicken, versehen mit dem Sticker "Parental Advisory!", wie er auf jedem neuen Eminem-Album klebt. Die C/O Gallery ist ebenso verfahren.

Wer unter 18 ist, muss einen erwachsenen Anstandswauwau dabeihaben, "da Teile dieser Ausstellung gegen moralisches Empfinden verstoßen könnten".

Dienst in Vietnam

Larry Clark wurde 1943 in Tulsa, Oklahoma, geboren, als Kind einer, wie es heißt, vagabundierenden Babyfotografin. Von einem Vater ist keine Rede. Clark wollte sich gerade als Fotograf in New York selbständig machen, da musste er nach Vietnam.

Fünf Jahre nach seiner Rückkehr, 1971, veröffentlichte er seinen ersten Fotoband, schlicht nach seiner Heimatstadt betitelt. Die Kriegsbilder aus dem Dschungel ließ Clark in seinem Kopf stecken wie ein Schrapnell in der Nähe der Schlagader, das man nicht zu operieren wagt.

Gleichwohl schlug das Buch in der amerikanischen Kunstszene ein wie eine Napalmbombe, die alle Texturen wegfrisst und den darunterliegenden Körper freilegt. Ein bigottes Land, das schon mit den aufbegehrenden Blumenkindern genug Ärger hatte, sah sich nun auch gewissermaßen deren dunkler Knolle gegenüber.

Wo die Hippies den Sonnenschein reinließen, tauchte Clark überhaupt nie oberhalb der Grasnarbe auf. Er hatte keinen Sinn für die Schmetterlinge, bloß für die nackten, sich blind windenden Larven unten im Dreck.

Clark hatte Traumata

Vielleicht war wirklich Vietnam der Auslöser. Die anderen hatten Träume, Clark hatte Traumata. Auch fernab von Hanoi, im vermeintlich harmlosen Provinznest Tulsa, sah er nichts als die Nackten und die Toten, wie Norman Mailer zu jener Zeit ein Buch nannte.

Während die offizielle Ideologie die Suburb feierte, deren weiße Gartenzäune angeblich integre Bürger mit weißen Westen beschirmten, blickte Clark in einen Höllenschlund aus Heuchelei und Verdrängung. Mit seinen Fotos dokumentierte er den White Trash, bevor es dafür einen Namen gab.

Damit sind wir wieder bei Eminem, der zwanzig Jahre später diese Arbeit fortführen würde, denn irgendwer muss den Job ja machen. Und wenn die "Parental Advisory"-Aufkleber auch in erster Linie ein Marketinginstrument sind, dessen Zentrum wie gesagt die Koketterie mit der eigenen Krassheit ist, so gehen die Anforderungen des entsprechenden Jobs doch darüber hinaus.

Bei aller Drogenvernebeltheit ist das Projekt ein aufklärerisches. Solange ein westliches Land wie Australien noch einen Film wie Clarks "Ken Park" (2002; seit einer Weile dreht er hauptsächlich Filme) auf den Index setzt, weil sich nackte Minderjährige darin bei der Selbstbefriedigung zu Tode strangulieren, ist noch viel zu tun. Denn es ist nun mal die Wahrheit, es passiert. Und deshalb muss man es auch zeigen dürfen, besonders in der Fiktion.

Äußere Geschlechtsorgane

In einer Besprechung der Ausstellung auf "Spiegel online" wurde moniert, Larry Clark steigere über die Jahrzehnte die Dosis nicht: "Noch ein Penis, noch eine Scham." Die Ästhetik komme über die äußeren Geschlechtsorgane nicht hinaus.

Aber wo sollte Clark auch hin? Zum Snuff-Porn, dem Mitschnitt von realen Vergewaltigungen und Morden? Abgesehen davon, dass er sich mit so was strafbar machen würde, hat Clark eine solche Inflation der Bilder nicht nötig. Denn, wie seine neueren Arbeiten zeigen, bezweifelt er die Inflation der gesellschaftlichen Moral.

Die späteren Collagen mögen uninteressanter sein als die frühen Porträts, weil sie sich selbst schon deuten, dies nicht kaltschnäuzig dem Betrachter überlassen. Doch in der Berliner Zusammenschau ist das kein Nachteil. Denn man erkennt umso besser, worum es Clark immer schon ging: die Demaskierung bürgerlicher Doppelmoral - vielleicht das verdienteste Projekt der Moderne und auf jeden Fall das ergiebigste, von Flaubert bis Buñuel.

Wie manisch sammelt Clark Magazinschnipsel von gehypten Kinderstars und kontrastiert sie mit späteren Horrorstorys ihrer Drogentode in den Boulevardzeitungen. Macht nichts, es steht längst ein neuer süßer unverdorbener Fratz in den Startlöchern.

Die Geschichte mag alt sein, aber sie wiederholt sich. Clark zeigt lange vergessene Kinderstars der Siebziger, aber wir können uns Britney Spears und Macaulay Culkin dazu denken. Von Matt Dillon, den Clark als Teenagersternchen mit bloßem Oberkörper ausgeschnitten und aufgeklebt hat, hat man zumindest lange nichts mehr gehört.

Bürgerlichkeit und Religion

Zur Bürgerlichkeit gehört immer auch die Religion. Nach ihr muss man in Clarks Werk suchen, aber sie findet sich, mittelbar, wie eine Reflexion auf dem kalten Metall der Pistolen oder der heroingefüllten Spritze.

Ein "Dead" betiteltes Bild zeigt ihn selbst im Jahre 1970, ebenfalls mit bloßer Brust im Schneidersitz auf einem Bett. In den Händen hält er einen Revolver wie die Jungfrau Maria das Jesuskind: eine Pietà für Tulsa.

Man stellt sich vor, wie der junge Martin Scorsese gebannt auf diese Bilder starrte, während sich in seinem Kopf die ersten Szenen von "Taxi Driver" formten, den er fünf Jahre später drehen würde - ein Sittengemälde Amerikas zwischen Abschaum und Erlösung. Ohne Larry Clark wäre es kaum möglich gewesen.

Getrieben wie De Niro als Bickle

Er selbst scheint getrieben wie Robert De Niro als Travis Bickle. Und vom selben religiösen Motiv: der Schuld. In der Nähe der Drogenliste hängt eine andere Notiz Clarks: "Scham", steht dort, "hat notwendigerweise mit Entblößung zu tun, doch im Gegensatz zur Schuld fürchten wir nicht die Folgen der Entblößung, sondern die Entblößung selbst."

Clark fügt hinzu, dass Scham das Versteck sucht, Schuld hingegen häufig die Entdeckung. Demnach treibt Clark, den großen Entdecker, ein Gefühl der Schuld. Wohl deshalb bekämpft er so ausdauernd ihr Gegenteil, die Kultur der Scham, die noch längst nicht ausgestorben scheint.

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