Nachruf
Smartphones sind das Ende der Popmusik
Von Lili Marleen bis Lady Gaga: Der Musikhistoriker Ernst Hofacker schreibt einen tränenreichen Nachruf auf die Popmusik, trauert den alten Zeiten nach – glaubt aber an ein Weiterleben nach dem Tod.
So wie es aufhört, hat es angefangen: Während Thomas Alva Edison von 135 Jahren erstmals einen Ton festhielt, erfand Emile Berliner für das Telefon die Sprechmuschel und zehn Jahre danach die Schallplatte. Heute gibt es das Smartphone. Man kann damit nicht nur Menschen an-, sondern auch das Musikarchiv der Menschheit abrufen.
Das ist Ende der Geschichte: Die Geschäftsidee der Popmusik bestand darin, sie aufzunehmen, sie vom Ort und aus der Zeit zu lösen und in Scheiben zu verkaufen. "Die Ära der Tonträger", die vom Musikhistoriker Ernst Hofacker gewürdigt wird, spielte sich ab im zwanzigsten Jahrhundert, zwischen ihrem Morgenrot im späten neunzehnten und ihrer Abenddämmerung im frühen 21.
"Von Edison bis Elvis – Wie die Popmusik erfunden wurde", heißt die Grabrede. Und wie in allen rücksichtsvollen Nachrufen wird zunächst der Verlust beweint, um anschließend die jungen Jahre des Pops und Rocks ausführlich zu schildern, die berührende Vorgeschichte: von der Wachswalze zu Elvis Presleys erster nennenswerter Aufnahme im Sommer des Jahres 1954.
Das Musikleben verarmt
Hofacker beklagt, dass sich Musik wieder verflüchtigt. Er ist jetzt fünfundfünfzig Jahre alt und hat folglich als Kritiker die Popmusik beim Marsch durch die Institutionen begleitet, gewissermaßen vom Jugendzimmer ins Feuilleton. Jetzt sitzt er, der früher für den "Rolling Stone" und für den "Musikexpress" schrieb, zwischen seinen Schallplattenregalen und CD-Gebirgen und stellt fest: Zwar seien 13 Millionen Musikstücke im Internet verfügbar, aber das Musikleben verarme.
Dafür werde alles immer lauter. Andererseits gäbe es in Berlin schon stille iPod-Discos, wo sich jeder Tänzer selbst mit Tanzmusik versorge. Die Dateien seien nicht mehr greifbar in den digitalen Weiten. Und die Industrie winke den Stücken schimpfend mit veralteten Gesetzestexten hinterher.
Aber Ernst Hofacker schreibt nicht über Piraten, sondern über Pioniere. Pop beginnt für ihn erst nach den Spieluhren und volkstümlichen Liederbüchern, bei den Geistesblitzen großer Männer und ihren Erfindungen. Seine Geschichtsschreibung ist so marxistisch wie heroisch: Die Musik entwickelt sich aus den Maschinen, die es allerdings ohne die Helden, ihre Taten und Patente nie gegeben hätte.
Der erste Popstar war Caruso
So wurde das Grammofon dem Volk von Ernest Shackleton empfohlen, indem er es an den Südpol mitnahm, heil zurückbrachte und anschließend seinen Bericht in Schellack pressen ließ, als Hörbuch. Oder Fred W. Gaisberg, der nach Mailand fuhr und jeden Kostenrahmen sprengte, um Caruso 1902 in einen Trichter singen zu lassen und ihn in den ersten Popstar zu verwandeln.
1935, in der Band von Milton Brown, setzte Bob Dunn seine Gitarre unter Strom und spielte die Trompeten an die Wand. Es geht darum, wie Tüftler das Geschäft und die Ästhetik prägten. Mit dem Spurentonband, mit dem Synthesizer, mit dem Streaming.
Da war Leonardo Plugge, der einen Piratensender installierte, 1931 in der Normandie. Er konnte unbehelligt die Musik verbreiten, ohne Plattenfirmen und Verlage dafür zu bezahlen. Bereits damals, während der Weltwirtschaftskrise, stritten Radios und Rechtehüter miteinander wie heute die Gema mit den Videoportalen.
Eminem ist der Totenwächter
Ohne die Piraterie wäre "Lili Marleen" nicht zum ersten globalen Hit geworden, am Vorabend des Ersten Weltkriegs, wie heute die Songs von Lady Gaga über YouTube. Ernst Hofacker weist gern auf solche Parallelen hin: Schon immer gab es Krisen, es ging immer weiter mit der Popmusik. Im Kräftedreieck aus Kultur, Technologie und Markt.
Auf seinen letzten fünfzig Seiten eilt der Nachruf durch die zweiten fünfzig Jahre, in denen die Popmusik zur Leitkultur der Menschheit wurde: Elvis, die Beatles, der Synthesizer, MTV, der Walkman, die CD, Techno als letzte Jugendkultur, das MP3-Format und Eminem als Totenwächter.
Die Gemeinde trauert. Trost spendet der Veteran Keith Richards mit einem Zitat: "Musik wird einfach immer weiter da sein." Irgendwo in Netzwolken und auf den Festplatten als "Hausmusik 2.0" (Ernst Hofacker). Vor allem aber lieber wieder zu einer bestimmten Zeit an einem Ort – auf irgendeiner Bühne im Konzert wie schon vor dem Zeitalter der Tonträger und Telefone.















