Neu auf CD
Amy Macdonald trällert für ägyptische Revolutionäre
Auf ihrem dritten Album widmet sich die schottische Sängerin Amy Macdonald verschütteten Bergarbeitern in China und Autorennen. Außerdem: Neues von Rumer, Superpunk und den Supremes.
Wer in Glasgow lebt, muss sich entscheiden: Celtic oder Rangers. Grün oder blau, irisch-katholisch oder britisch-protestantisch, Braveheart oder Royalist. Amy Macdonald hält es mit den Rangers. Ihrem Fußballclub hat sie jetzt eine Hymne komponiert, in "Pride" heißt es: "Ich würde Berge versetzen, wenn Du mich fragtest. Würde die sieben Meere durchschwimmen. Würde diejenige sein, die Deine Fackel trägt. Ich würde vieles für Dich tun."
Allerdings gibt es auch ein Lied auf ihrem dritten Album, das nicht nur die Schotten irritiert: "The Green And The Blue" feiert die sportliche Rivalität der Nachbarn, als ginge es dabei nur um Fußball. Ihr gehe es ja auch nur um die Musik, sagt sie und singt und spielt auch so.
Zwischen Folk und Stadionrock
Amy Macdonald ist die Meisterin des Sitzplatz-Songs. Es geht in Ordnung, wenn sie stolze Lieder anstimmt für verschüttete Bergarbeiter in China und Revolutionäre in Ägypten, über ihre Liebe zum Autorennen und die Alzheimer-Tragödie ihrer Großmutter.
Aber dann reißt sie alles wieder ein mit ihren freundlichen Arrangements. Das Schlagzeug galoppiert über die Tastenteppiche, Gitarren werden zwar verschwenderisch hinzugemischt aber von Waldhörnern wieder verweht. Amy Macdonald hat sich für den Folk entschieden, respektiert als faire Musikerin aber auch den Stadionrock.
Rumer: Boys Don't Cry
Sarah Joyce war bereits über 30, als sie sich 2010 unter dem Namen Rumer mit dem Album "Seasons Of My Soul" vorstellte. Ihre Mitbewerberinnen waren um die 20. Mädchen wie Adele und Duffy, die den Soul der Alten möglichst originalgetreu auf Platten sangen. Wo hatte sich Rumer bis dahin versteckt, was hatte sie getrieben? Heute weiß man: Sie hat alte Schallplatten studiert.
Auf "Boys Don't Cry" singt sie sich durch den anspruchsvollen Forschungsgegenstand. Durch Country, Soul und Folk, durch Rock und Pop. Ausschließlich Songs von Männern greift sie auf, sie hält den Mann an sich für komplizierter als die Frau.
Sie überdenkt ihre eigene Lage
Deshalb nimmt sie sich Lieder grundverschiedener Autoren vor: vom traurigen Trinker Townes Van Zandt, von fröhlichen Trunkenbolde wie den Faces, vom empfindsamen Todd Rundgren und vom hartgesottenen Isaac Hayes. Wer Rumer bisher für die Karen Carpenter des 21. Jahrhunderts hielt und für zu leicht befand, kann von ihr noch was lernen.
Ihr Musikgeschmack wirkt uferlos. Und wenn sie "P.F. Sloan" von Jimmy Webb singt, ein erfolgreiches aber verkanntes Lied über einen erfolgreichen aber verkannten Liedermacher, überdenkt sie ihre eigene Lage. "Boys Don't Cry", der Titelsong, kommt übrigens auf ihrem Album gar nicht vor.
Superpunk: A Young Person's Guide To Superpunk
Bands werden gegründet, sie geben sich Namen, die sie bald bereuen, und dann lösen sie sich wieder auf. Das ist der Lauf des Popgeschäfts. Als Carsten Friedrich seine Popband Superpunk ins Leben rief, vor 17 Jahren, stand die Zeitschrift "Bravo" Pate mit einem Artikel über Green Day und die "neuen Superpunks".
"A bisserl was ging immer" hieß sowohl ihr erstes Album 1999 als auch ihre Abschiedsreise kürzlich. Immer gab es ein paar Menschen, die sich darin einig waren, dass sich hinter Superpunk die beste deutsche Band verbarg. Mit Punk hatten sie nichts zu schaffen. Sie kamen aus Hamburg aber nicht aus der Hamburger Schule.
Sie sangen, was sie dachten
Dafür schweineorgelten sie pilzköpfig über ein Leben, das sie selbst nicht allzu ernst nahmen, und sangen trotzdem, was die Leute dachten oder fühlten, die zu ihnen kamen. "Ich habe keinen Hass auf die Reichen, ich möchte ihnen nur ein bisschen gleichen", hieß es in "Neue Zähne für meinen Bruder und mich".
Vielleicht war ihre Ironie zu unironisch, um die Stadien und Mehrzweckhallen zu erobern. Altpunkbands mit weitaus alberneren Namen wie Die Ärzte und Die Toten Hosen wurden reich. Von Superpunk bleibt eine letzte Platte, die mit ihren schlauesten und schönsten Songs daran erinnert, was aus ihnen hätte werden können.
The Supremes at the Copa – Expanded Edition
Zwei Jahre, nachdem Martin Luther King den Amerikanern seinen Traum verkündet hatte, wollten die Supremes ihn in Erfüllung gehen lassen: Der Copacabana war ein Nachtclub für erwachsene Weiße in New York. Für die Supremes, das schwarze Damentrio, schwärmten 1965 weiße Minderjährige und Schwarze jeden Alters.
"The Supremes at the Copa" war das erste Livealbum der Gruppe und zugleich das einzige in der Besetzung Florence Ballard, Mary Wilson und Diana Ross. Die Firma Motown hatte damit wieder zweierlei im Sinn: die Rassenfrage und den Markt der Mitte.
Tempel des New Yorker Kulturbürgertums
Die Supremes traten im Copa auf mit Strohhüten und züchtigen Kostümen. Eine Big Band spielte. Die Transistorradio-Hits, "Stop! In the Name of Love" und "Baby Love", klangen wie Ballhaus-Klassiker. Und von den Klassikern spielten sie auch welche: "The Boy From Ipanema" von der echten Copacabana, "Somewhere" von Leonard Bernstein und ein Medley von Sam Cooke.
Im Copa war Sam Cooke als erster schwarzer Sänger aufgetreten. Sammy Davis Jr. war der zweite: Er beschreibt den Club im Klappentext der ersten lückenlosen Dokumentation des Auftritts der Supremes als Tempel des New Yorker Kulturbürgertums. Die Popmusik wurde erwachsen und die kulturelle Farbenlehre fragwürdig. Im Sommer 1965, als Barack Obama seinen vierten Geburtstag feierte.















