09.06.12

Deutsches Theater

Yasmina Rezas neues Stück wird in Berlin uraufgeführt

Sie ist die gefragteste Bühnenautorin weltweit. Im Interview verrät Yasmina Reza, warum die Uraufführung ihres Stücks in Berlin stattfindet.

Von Peter Stephan Jungk
Foto: Getty Images North America
Yasmina Reza
Verschlossene Schriftstellerin: "Ich habe Schutzmauern um mich errichtet", sagt Yasmina Reza

Die französische Erfolgsschriftstellerin Yasmina Reza, die durch ihre Stücke "Kunst" und "Der Gott des Gemetzels" weltberühmt wurde, hat sich entschieden, ihr neuestes Theaterstück "Ihre Version des Spiels" am Deutschen Theater Berlin uraufzuführen. Stephan Kimmig wird es inszenieren, die Premiere ist für Oktober geplant. Peter Stephan Jungk sprach mit der Autorin über ihr neues Stück, ihr Verhältnis zu Nicolas Sarkozy und warum sie nicht auf Lesereise geht.

Morgenpost Online: Sie haben entschieden, die Uraufführung ihres Stücks "Ihre Version des Spiels" in Deutschland stattfinden zu lassen, nicht in Frankreich. Warum?

Yasmina Reza: Das ist bereits mein drittes Stück, das in deutscher Sprache uraufgeführt wird. Das war schon bei "Drei Mal Leben" so, in Wien, unter Luc Bondys Regie, und bei "Der Gott des Gemetzels", einer Auftragsarbeit von Jürgen Gosch, die damals in Zürich stattfand. Was Frankreich betrifft, so habe ich dieses Mal etwas zum allerersten Mal gemacht: Ich habe diesen Text publiziert, ohne gleich an eine Theateraufführung zu denken, ich habe das getrennt gehalten.

Morgenpost Online: Hat das Deutsche Theater in Berlin Sie gebeten, das Stück uraufführen zu dürfen, oder war das Ihre Idee?

Yasmina Reza: Das ist eine lange Geschichte. Zu Beginn sah es ganz so aus, als würde die Uraufführung am Wiener Burgtheater stattfinden. Luc Bondy wollte es inszenieren, aber dann hat man ihn zum Direktor des Pariser Odéon ernannt, und alles wurde sehr kompliziert. Das Stück fiel Stephan Kimmig in Berlin in die Hände. Ich kannte ihn gar nicht. Ich war ja nach dem Tod von Jürgen Gosch ein wenig verwaist, denn seine Inszenierungen meiner Stücke waren immer äußerst erfolgreich.

Morgenpost Online: Und Sie wollten nicht, dass Bondy die Uraufführung am Odéon macht?

Yasmina Reza: Er hat mir vorgeschlagen, mich in der Rolle der Nathalie zu besetzen. Luc mochte das Stück sehr. Aber ich habe abgelehnt. Das kann ich nicht machen. Und Luc ließ mich wissen: Verzeih mir, aber ich kann mir einfach niemand anders in dieser Rolle vorstellen. Das kam für mich nicht infrage: Es sowohl geschrieben zu haben, als es dann auch noch zu spielen, das wäre mir zu nahe gekommen.

Morgenpost Online: Unsere Gesprächssituation ähnelt übrigens ein wenig jener in ihrem Vierpersonen-Stück "Ihre Version des Spiels", in dem eine Kulturjournalistin eine berühmte Schriftstellerin nach ihrem neuesten Werk befragt.

Morgenpost Online: Bestimmt nicht einfach, über diesen Text mit mir zu sprechen.

Yasmina Reza: Sie können antworten wie Nathalie Oppenheim der Rosanna Ertel-Keval.

Morgenpost Online: Wenn Sie mir dieselben Fragen stellen. Und das gleiche Temperament haben...

Yasmina Reza: Eher nein – ich empfinde die Journalistin Rosanna als ziemlich unangenehm.

Morgenpost Online: Sie kann einem auf die Nerven gehen, das stimmt. Aber ich empfinde immer Sympathie für all meine Figuren. Auch für Rosanna.

Yasmina Reza: Waren es Erlebnisse mit der Zunft der Journalisten, die Sie bewogen haben, dieses Stück zu schreiben?

Morgenpost Online: Absolut nicht. Ich selbst habe ja längst einen Weg gefunden, mit den Medien umzugehen. Ich gebe keine Fernseh- und kaum Radiointerviews, mache sehr selten Gespräche wie dieses. Außerdem will ich meine Antworten dann gegenlesen, auch die Fotos kontrollieren, die erscheinen, ich bin ein totaler Kontrollfreak. Ich habe Schutzmauern um mich errichtet.

Morgenpost Online: Ihre Stücke sind in der Regel eher weit von Ihrer Biografie entfernt. Das scheint im neuen Stück etwas anders zu sein.

Yasmina Reza: Von meiner tatsächlichen Biografie ist aber auch dieses weit entfernt. Sie spielen auf die Analogien zwischen Nathalie Oppenheim und mir an. Ein Schriftsteller verstreut seine Eigenschaften immer auf alle seine Figuren. Aber im neuen Stück gibt es nicht unbedingt mehr Analogien als in meinen anderen Texten. In anderen Texten komme ich mindestens so deutlich vor, wenn auch in maskierter Form, oft in der Rolle eines Mannes. Hier fühle ich mich keineswegs nur Nathalie nahe, sondern auch dem Bürgermeister des Örtchens Vilan-en-Volène. Alles, was er in seiner recht verrückten Art von sich gibt, spiegelt ganz und gar meine Weltsicht.

Morgenpost Online: Haben Sie je so einen tollen Kerl kennengelernt?

Yasmina Reza: Unter Politikern, meinen Sie? Nein, nie.

Morgenpost Online: Zurück zu den Parallelen zwischen Nathalie, Ihrer Figur, und Ihnen selbst.

Yasmina Reza: Sie ist Schriftstellerin, in meinem Alter, sie hat dieselben Vorbehalte gegen Interviews. Und viele Ähnlichkeiten mehr. Corinna Harfouch wird am Deutschen Theater eine völlig andere und daher weitaus interessantere Figur spielen.

Morgenpost Online: Gehen Sie, wie Nathalie, auf Lesereise?

Yasmina Reza: Nie. Mit einer Ausnahme, da bin ich in vier deutschen Städten aufgetreten – der Hanser Verlag bat mich darum, als mein Buch "Frühmorgens, abends oder nachts: Ein Jahr mit Nicolas Sarkozy" erschien. Es ist ja ein ziemlich ungewöhnliches Buch. Sarkozy war gerade gewählt worden, und mir lag daran, alle politischen Missverständnisse zu zerstreuen. In Frankreich wollte ich mich zu dem Thema nicht äußern und war bei seinem Erscheinen ziemlich angegriffen worden.

Morgenpost Online: Sind Sie mit Nicolas Sarkozy noch in Kontakt?

Yasmina Reza: Nein. Nie, nachdem er Präsident wurde. Als er verloren hatte, habe ich ihm eine kleine freundschaftliche E-Mail geschickt.

Morgenpost Online: Aber richtig unglücklich waren Sie nicht darüber, nehme ich an...

Yasmina Reza: Nein, ich glaube nicht.

Morgenpost Online: Sie glauben nicht?

Yasmina Reza: Ich belaste meinen Blick auf die politische Realität nicht mit Sentimentalitäten.

Morgenpost Online: Im Stück liest Nathalie lange Passagen aus ihrem Roman vor. Wird das am Theater nicht allzu statisch wirken?

Yasmina Reza: Nein. Erstens hat Theater nichts mit Bewegung zu tun. Es geht um die Intensität auf einer Bühne, nicht um Bewegung. Und zweitens hat Kimmig, den ich letztes Wochenende in Berlin besucht habe, eine sehr gute Idee für das Projekt: Er filmt die Schriftstellerin.

Morgenpost Online: Eine ganz andere Frage: Waren Sie mit Polanskis Verfilmung von "Der Gott des Gemetzels" zufrieden?

Yasmina Reza: Ich war sehr glücklich damit. Sehr froh, mit Roman Polanski zusammenzuarbeiten, den ich ungemein bewundere. Und froh auch, dass das Stück zuvor um die Welt gegangen war. Dadurch war ich nicht frustriert über etwaige Änderungen, die Polanski vorgeschlagen hat, vor allem seine Idee für das Ende. Mein Vorschlag wäre ein anderer gewesen, aber es stört mich nicht: Es ist eben ein Film. Es ist seine Version.

Morgenpost Online: Wie kam es eigentlich zu dem seltsamen Titel ihres neuen Stücks: "Comment vous racontez la partie", "Ihre Version des Spiels?"

Yasmina Reza: Das kommt von "How you talk the game", einem Satz, den ich dem amerikanischen Schriftsteller und Drehbuchautor Michael Herr geklaut habe. Er hat ein berühmtes Buch über den Vietnamkrieg geschrieben, "Dispatches", und eines über Las Vegas, "The Big Room". Da gibt es eine Stelle, wo jemand sagt: "Völlig gleichgültig, wer gewinnt und wer verliert, wichtig ist nur, wie man die Partie nacherzählt" – how you talk the game...

Morgenpost Online: Eine indiskrete Frage: Sie haben das neue Stück Ivan gewidmet. Wer ist Ivan?

Yasmina Reza: Ja, das ist indiskret.

Morgenpost Online: Das bleibt in Ihrem Herzen verborgen.

Yasmina Reza: Ist doch auch egal. Verwandeln Sie sich jetzt in Rosanna?

Morgenpost Online: Und was antworten Sie denen, die Sie fragen: Wer ist "G", dem sie das Buch über Sarkozy gewidmet haben? Manche glauben, "G" stehe für Gaston, das ist der zweite Vorname von Dominique Strauss-Kahn.

Yasmina Reza: Es wird ja immer indiskreter!

Morgenpost Online: Ihre Antwort spricht Bände.

Yasmina Reza: Ivan war das Vorbild für die Figur des leitenden Polizeidirektors Paul im Roman, aus dem Nathalie in Vilan-en-Volène liest.

Morgenpost Online: Rosanna fragt Schriftstellerin: Glauben Sie, dass Ihre Figuren eine Zukunft haben? Meinen Sie, dass Ihre Figuren eine Zukunft haben?

Yasmina Reza: Sie besitzen sicher mehr Unsterblichkeit als normale Menschen. Richard III. lebt, Heathcliff lebt, die großen Figuren der Literatur leben ewig. Alle Personen aus Tschechows Stücken leben...

Morgenpost Online: Schriftsteller zu sein, hat etwas Gottähnliches.

Yasmina Reza: Übertreiben wir nicht? Aber in seiner Art ist ein Schriftsteller ein kleiner Demiurg. Man kreiert Leben.

Yasmina Reza: Ihre Version des Spiels. Aus dem Französischen von Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel. Libelle, Lengwil. 88 Seiten, 12,80 Euro.

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