12.06.12

EM-Literatur

Über den Busengrapscher im Warschauer Stadion

Fußball ist Spiel und zugleich ein Epos. Das Buch "Totalniy Futbol" geht auf eine polnisch-ukrainische Reise und berichtet über die Eigenschaft des Fußballs: Er kann ganze Nationen wieder aufrichten.

Foto: pap
Fußball: Polen - DDR 3:0 (1952 in Warschau)
Szenen aus dem verblassenden Warschau: Die Länderspielgeschichte der DDR begann 1952 in der polnischen Hauptstadt. Im alten Stadion gewannen die Polen 3:0

Allein schon die Namen! Na klar, Kiew und Danzig, Krakau und Lemberg. Aber eben auch Saska Kepa, Czytelnik, Drohobycz und Donezk. Fußball ist eine Mythologie und lebt neben den Helden und Bösewichtern von den weißen Flecken auf der Karte, die ausgefüllt sein wollen von der eigenen Fantasie.

Nie darf man wissen, was einen erwartet, welcher Zyklop hinter der nächsten Ecke lauert, um den Ball ins Tor zu hauen, wo sein Abdruck kleben bleibt, als Punkt unter dem Ausrufezeichen in den Annalen der kollektiven Erinnerung. Nicht umsonst sind "Odyssee" und "Ilias" mit ihren endlosen Kampfbeschreibungen in erster Linie Sportreportagen.

"Noch ist Polen nicht verloren"

Insofern ist die EM in Polen und der Ukraine ein Glücksfall. Einmal für die Polen und Ukrainer, diese Gebeutelsten unter den Europäern, die ungeachtet aller Autokratendreistheit und Oligarchenmauschelei von der gleichen Euphoriewelle getragen werden wie die Deutschen im Sommer 2006. "Noch ist Polen nicht verloren", konstatiert lakonisch die Nationalhymne. Aber eben nicht: "Noch hat Polen nicht verloren." Dass sich ganze Länder am Fußball wieder aufrichten können, weiß niemand besser als die Deutschen.

Von dieser wunderbaren Eigenschaft des Fußballs berichtet ein bei Suhrkamp erschienenes Buch mit einem Titel, der so sperrig anmutet wie ein Elfmeter von Arjen Robben: "Totalniy Futbol" (242 S., 18 Euro). Das heißt wahrscheinlich "totaler Fußball", aber so genau will man es gar nicht wissen, weil es doch um Zauber geht. Der ukrainische Lyriker Serhij Zhadan hat es herausgegeben. Acht Autoren aus den Gastgeberländern extemporieren zum Thema, und zwar grandios.

Ein Jude schoss das rettende Tor

Die Polin Natasza Goerke gibt zu, keinen Schimmer von Fußball zu haben. Ihr Essay heißt "Der Fußball und die polnische Frage" nach einem Witz: Ein Pole wird um eine Ausführung zum Thema Elefanten gebeten. Weil sich zu der Zeit alles um die Frage der polnischen Unabhängigkeit dreht, nennt er seine Abhandlung "Der Elefant und Polen".

Die meisten anderen, die hier versammelt sind, kennen sich besser aus. Trotzdem kann Goerkes Prinzip als Blaupause auch für ihre Arbeiten gelten. Der Fußball ist das Einfallstor in die Ukraine und nach Polen. Es geht um die Austragungsorte und die Menschen. In der ersten Geschichte, "Wie Herr Janek Legia Warschau besiegte" von Pawel Huelle, hören wir den rabiaten Weisheiten von Herrn Janek zu wie einer geisterhaften Kommentatorenstimme.

Ein Irish Pub in Wrzeszcz, einem Stadtteil von Danzig, wird zum Austragungsort eines Jahrhundertspiels. Herr Janek, zur Zeit der Erzählung tot, hat alles erlebt, die Pöbeleien der Nazis gegen die Juden bei einem Freundschaftsspiel 1933. Und als er selbst als Linksverteidiger einmal alle nach Messi-Art ausdribbelte und das Tor schoss, das den Abstieg in die Zweite Liga verhinderte, schwiegen die Zeitungen.

"Jo betatschte meine linke Titte"

Er war ein polnischer Vorkriegsdanziger. Seinen Vater hatten die Nazis im KZ Stutthof umgebracht. Und sein Onkel war von der Wehrmacht zwangsrekrutiert worden. Dann kamen die Sowjets, vergewaltigten seine Schwester: "Es war ihnen völlig egal, dass sie geschrien hat, sie sei Polin ... Was ging die Iwans das an? Sie fickten, was ihnen unterkam."

Marek Bienczyks "Der letzte Elfmeter" ist das zarte Porträt eines verblassenden Warschau in vielen Stimmen. "Jo betatschte meine linke Titte", erinnert sich eine der Figuren, "Kawka die rechte, ihre Finger trafen sich unter meiner Bluse wie Gierek und Honecker auf der Freundschaftsbrücke." Jo heißt nach Joyce, den er liebt. Vor dem Training zwingt er seine Freunde immer zum Nierchenessen, eine Anspielung auf "Ulysses".

Die Busengrapschmetapher ist so schön, weil sie so schief ist: Joyce und Kafka passen einfach so viel besser zum Fußball als jeder dahergelaufene Politiker. Denn diese Viererkette reißt nichts auseinander: "Fußball spielen, Schreiben, Tore schießen, Erzählen." Wenn die EM nur halb so toll wird wie dieses Buch, werden wir uns noch lange an sie erinnern.

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