Theatermarathon

Mit Koffeintütchen zum Theater-Dauerlauf

Foto: HAU

„Unendlicher Spaß“ - ein 24-Stunden-Theatermarathon, der sich quer durch die Stadt zieht. Kann man das schaffen? Wir versuchen's.

Wer einen Marathon läuft, bereitet sich gründlich vor. Wer einen Theater-Marathon absolviert, geht auch nicht einfach so an den Start. Zumal dann, wenn es sich um ein 24-Stunden-Projekt mit dem durchgeknallten Titel "Unendlicher Spaß" handelt.

Der Veranstalter empfiehlt für die Tour "wetterfeste Kleidung und festes Schuhwerk" und kündigt die Ausgabe von Carepaketen und Wachmachern an. Aber kann man das überhaupt durchhalten? Ein Versuch.

Erste Voraussetzung: Ausgeschlafen antreten. War etwas schwierig, weil am Freitagabend neben dem Packen des Rucksacks auch ein Blick in die literarische Grundlage dieses Theater-Marathons zweckmäßig erscheint, schließlich möchte man auch geistig nicht unvorbereitet in die 24 Stunden gehen.

Also noch mal im Buch blättern, die 1500 Seiten, so umfangreich ist David Foster Wallaces "Unendlicher Spaß", liest man nicht mal eben zwischen "Tagesschau" und "Aspekte".

Auf in den Grunewald

Erste Station am Sonnabendmorgen ist der legendäre Tennisclub LTTC "Rot-Weiß", attraktiv gelegen am Hundekehlesee. Fähnchen weisen den Weg vom S-Bahnhof Grunewald zu der Anlage, aber es ist so windig, dass die Richtungsanzeige verrückt spielt.

Das Gelände wird zur Enfield Tennis Academy, einem der zentralen Orte des Romans, wo junge, sportbegabte Menschen für eine Profikarriere gedrillt werden.

Matthias Lilienthal, Chef des Theaterkombinats Hebbel am Ufer (HAU), begrüßt einige Gäste persönlich wie die Leiterin der Bundeskulturstiftung, die dieses stadtraumerkundende und -erschließende Projekt, das einen passenden Abschluss seiner neunjährigen Intendanz bildet, gefördert hat.

Das Publikum stimmt Lilienthal, dessen Ironie trocken rüberkommt, mit den Worten "Richten Sie sich auf das Schlimmste ein, es kommt noch schlimmer" auf die 24 Stunden ein.

Der Präsident von Rot-Weiß trägt eine Krawatte in den Vereinsfarben – und als einziger Teilnehmer überhaupt eine. Tradition verpflichtet bei einem Club, in dem einst Steffi Graf und Boris Becker Erfolge feierten. Aber die fetten Jahre sind vorbei, Tennis auf Weltniveau findet nur noch selten auf dem Center Court statt.

Den hat sich heute die deutsch-englische Performancegruppe God Squad vorgenommen. Die spielen ein witziges Kommunikationsmatch auf dem Platz und nehmen damit ein Romankapitel auf, indem sich ein Vater als "professioneller Konversationalist" ausgibt, um mit seinem vermeintlich stummen Sohn ein Gespräch zu führen.

Bewusste Überforderung aus Prinzip

Lilienthal sitzt auf der Tribüne, mit seiner Sonnenbrille sieht er aus wie ein Mafiaboss. Sozusagen der Chef der organisierten Kreativität. Lilienthal hat am HAU Erfolgsgeschichte geschrieben, aus Geldnot eine Tugend gemacht, das Haus national und international vernetzt und ein Programm auf den drei Bühnen (und im Stadtraum) präsentiert, das den Rahmen eines Stadttheaters sprengte.

Die bewusste Überforderung, sie war Prinzip und damit passt das 24-Stunden-Abschlussprojekt wunderbar zu dieser Intendanz. Nach vier Stunden, einem Mittagessen und zwei weiteren Performances (unter anderem im Fitnessraum), bricht die Reisegruppe auf. Die 150 Teilnehmer werden mit farbigen Bändern auf zwei BVG-Doppeldeckerbusse verteilt.

Es geht zum Teufelsberg. Auf der ehemaligen Abhöranlage der Amerikaner hat man einen tollen Blick über die Stadt. Hier treffen sich ein US-Agent und ein Mitglied der kanadischen Rollstuhlattentäter zum Informationsaustausch und einer Wertediskussion.

Im Rahmen des 24-Stunden-Marathons werden Handlungsorte des Buches auf Berliner Lokalitäten übertragen, vorzugsweise auf architektonische Kleinode aus den späten 60er- und frühen 70er-Jahren. Die werden jeweils von Gruppen oder Regisseuren bespielt, die das HAU in den vergangenen Jahren geprägt haben.

Sechs Jahre Arbeit an der Übertragung

Im Vivantes Klinikum Neukölln schwächeln die ersten Teilnehmer. Bespielt wird die ehemalige Großküche, die sich in eine Entzugsklinik verwandelt. Zuschauer stehen hinter Glasscheiben, sitzen auf Tischen oder dem Boden. Es ist warm. Sehr warm. Manche haben die Augen geschlossen, lehnen an einer Säule.

Erst mit dem Ortswechsel in ein leerstehendes Bettenhaus kommt wieder Leben in die Gruppe. Der Videokünstler und Regisseur Chris Koldek hat dort mit den Schauspielern Hans Löw und Felix Knopp die Geschichte von Ken Erdedy wunderbar visualisiert. Der Abhängige wartet sehnsüchtig auf die Lieferung von 200 Gramm Marihuana, das er in drei Tagen komplett wegrauchen will, um dann endlich mit dem Kiffen aufzuhören.

Halbzeit im zum "David Foster Wallace Center" umgestalteten Institut für Mikrobiologie und Hygiene in Steglitz. Im Hörsaal gibt es eine Live-Videokonferenz mit dem Wallace-Übersetzer Ulrich Blumenbach, der sechs Jahre an der Übertragung gearbeitet hat.

Wiedersehen mit US-Agenten

Die seit dem Morgen dabei sind, haben mittlerweile jegliches Zeitgefühl verloren. Es werden jetzt Koffein-Tütchen gereicht. Nicht schnupfen, sondern in Mineralwasser auflösen, empfiehlt der Reiseveranstalter.

Es geht weiter zum Haus des Rundfunks, danach zum Umlaufkanal des Instituts für Wasser- und Schifffahrtstechnik – dort gibt es ein Wiedersehen mit dem US-Agenten in Stöckelschuhen. Und dann ab in den Norden. Um 2 Uhr morgens empfängt die Performancegruppe She She Pop im Fontane-Haus im Märkischen Viertel und dramatisiert die "Fußnote 24" aus dem Roman.

Und jetzt wird es Zeit für ein Geständnis. Den nächsten Ort, das Finanzamt Reinickendorf, wollte der Autor nicht besuchen, weil die Steuererklärung noch nicht fertig ist. Und weil er ein bisschen Schlaf für diesen Text brauchte.

Also endete die Tour nach 19 Stunden im Norden, denn das Bett war nicht weit. Wer weitergefahren ist, bekam am Morgen noch den Rest des Romans von Samuel Finzi im HAU erzählt. Viele haben durchgehalten.

Bleiben Sie informiert:
Die Berliner Morgenpost in sozialen Netzwerken.
Folgen Sie uns auf Twitter