Berliner Staatsoper
Sanierung scheitert an mittelalterlichen Holzpfählen
Die Eröffnung der Staatsoper ist auf 2015 verschoben worden. So wird das größte Kulturbauprojekt Berlins wohl teurer als gedacht.
Das Corpus delicti liegt gleich am Eingang zum Besprechungsraum des Baubüros: Ein Holzpfahl, baumdick, unschuldig dahinmodernd. Kurz darauf wird Senatsbaudirektorin Regula Lüscher wortreich mitteilen, dass sich die Eröffnung der Staatsoper Unter den Linden um ein weiteres Jahr verschieben wird, nunmehr auf 2015. Schuldig sind diesmal die Holzpfähle, die überraschend in 17 Metern Tiefe gefunden wurde.
Dadurch kann, so Frau Lüscher, die geplante unterirdische Verbindung zwischen dem Opernhaus und den Probebühnen nicht gegen das Grundwasser isoliert werden. Womit der zweite Schuldige an der Verzögerung ausgemacht ist: das Grundwasser. Es drohe durch die Betonsohle zu sickern und den Bau insgesamt in Schieflage geraten zu lassen. Deshalb habe man dieser Tage in Absprache mit der Senatskanzlei und der Opernintendanz entschieden, so die Senatsbaudirektorin, "frühzeitig die Bremse zu ziehen."
Dabei hat das größte Kulturbauprojekt der Hauptstadt jetzt schon deutlich Schlagseite bekommen. Aber ist der Ruf schon einmal ruiniert... Kulturstaatssekretär André Schmitz erschien entgegen einer Vorabkündigung nicht zum eilends einberufenen Termin, die Senatsbaudirektorin mühte sich stellvertretend, die neue Berliner Peinlichkeit sowohl im Detail als auch im Ganzen schön zu reden. Dazu gehört auch der Hinweis, dass die mehrheitlich vom Bund getragenen Kosten von 250 Millionen Euro dadurch nicht überschritten würden. Die Mehrkosten seien durch eine finanzielle Reserve für unvorhersehbare Probleme gedeckt, sagte Lüscher. Es handelt sich dabei um rund 18 Millionen Euro. Nach jetzigen Planungen bleiben also noch fünf Millionen für Unvorhergesehenes drüber. Bis 2015? Es lässt sich an fünf Finger abzählen, dass die Staatsopernsanierung am Ende teurer wird als geplant.
Baufolgen aus dem 17. Jahrhundert
Aber zurück zum Corpus delicti. Warum können hochdotierte Bauplaner überhaupt an schlichten alten Holzpfählen scheitern? Das ist skurril. Im Unterschied zur aktuellen Flughafenschlamperei hat Berlin im 17. Jahrhundert noch gründliche Bauarbeit geleistet. Wo heute die Staatsoper und das Magazingebäude stehen, führte früher der Festungswall entlang. 1658 wurde mit dem Bau begonnen. Aber bald schon brauchte die Stadt mehr Platz zum Wachsen, die Stadtmauern wurden wieder geschliffen. Bereits 1742 eröffnete das Königliche Opernhaus Unter den Linden an der Ort. Normalerweise seien die Pfähle nur fünf Meter im Erdreich, heißt es. Warum man damals an dieser Stelle 17 Meter tiefe Pfähle eingeschlagen hat, kann nicht einmal der anwesende Landesarchäologe Matthias Wemhoff erklären. Er glaubt dennoch, dass es mit der Befestigungsanlage zu tun hatte. Gründliche Arbeit eben. Jetzt muss die Betonsohle, auf der die Räumlichkeiten stehen, von 1,5 auf drei Meter Dicke verdoppelt werden. Zur Sicherheit. Frau Lüscher verweist auf das eingestürzte Kölner Stadtarchiv.
Dabei geht es bei der Verzögerung gar nicht um das hehre Operngebäude Unter den Linden, sondern lediglich um den 110 Meter langen und 17 Meter breiten unterirdischen Tunnel, der das Bühnenhaus mit dem Probengebäude auf der Rückseite verbindet. Und das ist genau genommen ein Neubau. Eine Führung über die Baustelle offenbart, wie unfertig das Ganze insgesamt noch ist. Bislang seien rund 65 Millionen der bereits beauftragten 170 Millionen Euro von den Firmen verbaut worden. Die Sanierung scheint komplizierter zu sein als gedacht.
Barenboim äußert Unverständnis
Dem Projekt gingen überhaupt leidenschaftliche Diskussionen in der Stadt voraus. Ursprünglich sollte der Innenraum komplett neu gestaltet werden. Generalmusikdirektor Daniel Barenboim wollte erklärtermaßen einen neuen, funktionalen Saal. Nach hitziger Debatte musste der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit bereits vorhandene Pläne zur Modernisierung beiseite schieben und die Renovierung des Saals verkünden, so wie ihn der Berliner Architekt Richard Pauly 1952 nach den Kriegszerstörungen wieder aufgebaut hatte.
Daniel Barenboim, der Generalmusikdirektor, und sein Intendant Jürgen Flimm haben noch am Freitagnachmittag eine eigene Pressekonferenz zur Hiobsbotschaft einberufen. Eine zweite zum Thema, wohl auch, um sich von der ersten zu distanzieren. Und sie drücken deutlich ihr Unverständnis aus über die erneute Verschiebung des Übergabetermins für das sanierte Haus. Es dürfte nicht passieren, schimpfte Barenboim, dass die "numerisch größte Kulturinstitution" der Stadt wegen "Unfähigkeit" nicht eröffnet werden könne. Und Flimm rechnete schon mal aus, was das kosten wird. Die Bühne wird in der Spielzeit 2013/2014 wegen des begrenzten Platzangebotes im Ausweichquartier Schiller-Theater wohl Verluste in Höhe von vier Millionen Euro machen. Im April 2015 sollen sie laut jetzigen Planungen das sanierte Haus übernehmen können, am 3. Oktober die Wiedereröffnung. Barenboim will das aber nicht akzeptieren, sondern an der Eröffnung bereits 2014 festhalten.















