28.04.12

Staatsballett

Primaballerina wird ein glänzender Abschied verwehrt

Polina Semionova durfte bei ihrer letzten Premiere in Berlin nur in der zweiten Reihe tanzen. Ein schäbiger Abschied für die Diva.

Foto: EnricoNawrath_1MB
Verlässt das Staatsballett: Polina Semionova - hier in Patrice Barts „Schwanensee“
Verlässt das Staatsballett: Polina Semionova - hier in Patrice Barts "Schwanensee"

Unwürdig! Dieser Abschied des Berliner Staatsballetts von seiner vielgeliebten und vielbewunderten Primaballerina fiel bei der Schiller-Theater-Premiere am Freitagabend höchst schäbig aus. Zwar wurde Polina Semionova in zweien der drei neuen Stücke mit Auftritten bedacht, doch sie waren eher beiläufig, und man musste geradezu raten, wer von den mitwirkenden Tänzerinnen denn nun überhaupt die scheidende Diva sei. Es war Semionova geradezu verwehrt, den Gipfel ihres Könnens zu zeigen.

Dabei hat Berlin sie von Anfang ins Herz geschlossen. Es hat ihr, Stufe für Stufe, den Weg in die weltumspannende Karriere geöffnet. Und sie hat sich immer wieder dafür mit Leistungen der Sonderklasse bedankt. Nun also sah man sie beinahe beiläufig scheiden. Ein Jammer! Drei Werke auf dem Programm – und keins davon eine Abschiedsgabe für sie.

Dafür machten sich Jubel-Cliquen geräuschvoll breit. Aber es gab auch einen einzigen Grund, lauthals "Buh" zu rufen, aber dieser Ruf blieb leider aus. Er hätte der unzulänglichen Wiedergabe der Musik Corellis und Scarlattis gelten müssen, die vom Tonband herabgemartert wurde. Und das in einem Institut, das sich, geradezu anmaßend, ausgerechnet Staatsoper nennt. Aufgeführt wurde Nacho Duatos bereits zwölf Jahre altes Tanz-Werk "Arcangelo", eine choreographische Suchaktion von vier Tänzergruppen nach Auswegen aus dem Leben hinüber in einen nicht zu fürchtenden Tod. Duato hat sich dafür eine Folge langsamer Sätze zusammengestellt und betet sie eindrucksvoll und anrührend choreographisch herunter.

In die Luft geschrieben

Schon hier aber fiel auf, was den weiteren Verlauf des Abends bestimmen sollte: es wurde in steigendem Maße mit Armen und Händen, nicht mehr mit Beinen und Füssen getanzt. Die Tanzbewegungen wurden in die Luft geschrieben, nicht mehr in gleichem Maß auf den Bühnenboden. Das normale tänzerische Element wurde allmählich zum Schweigen gebracht und auf kunstsinnige Weise annähernd beinahe erstickt.

Das geschah am nachhaltigsten in Marco Goeckes beschließendem Werk zu John Adams Musik. Es nennt sich, natürlich auf Englisch, "Und der Himmel an diesem wolkigen alten Tag". Wolkenlos klang glücklicherweise die Musik auf, denn jetzt saß endlich die Staatskapelle im Orchestergraben, zeigte unter Paul Connellys Leitung deutlich ihr Können und lehrte gleichzeitig das Staatsballett, dass es sich künstlerisch nicht auf vergleichbare Weise lohnt, sich von fragwürdigen Tonaufzeichnungen begleiten zu lassen. Das führt nur zu unwürdigem tänzerischem Schmierentheater.

Adams Musik setzt auf Schnelligkeit. Er rast mit ihr geradezu durch die französische Provence und füttert sich an ihren frischen Eingebungen. Connelly am Pult gab ihr das geradezu menschenmörderische Tempo mit auf den Weg. Im Gegensatz zu den beiden vorangegangenen, bereits reichlich abgelagerten Stücken, strotzte dies letzte rundum vor Frische, Unternehmungslust und Überraschungszauber. Und der Tanz zauberte ansehnlich und einfallsfreudig geradezu mit. Das Stück schien ein bisschen zu lang für Goeckes choreographische Puste. Einige Zeit bevor der Vorhang fiel, war er schon am Ende mit seinem dahinwirbelnden Tanz-Latein, das er nimmermüde mit den Tänzerarmen aus der Luft fischen ließ. Aber es kam immer erneut ein Abwechslungsreichtum auf, der gefangen nahm. Auch Malakhovs Auftritt profitierte davon.

Dass Kürze zusätzlich auch Würze zu geben vermag, wies William Forsythe mit seinem zwanzig Jahre alten, knappen "Herman Schmerman" nach, dessen Choreographie er unsinnigerweise sechs Monate nach der Uraufführung für das Frankfurter Ballett um einen angehängten pas-de-deux erweiterte und mit ihm den Knalleffekt des Schlusses der Erstfassung löschte. Alle drei Stücke fanden den angemessenen Beifall. Doch hielt sich bis zum Schluss der Eindruck eines Belehrungsabends in puncto Choreographie. Dabei hatte man doch im Grunde einen Festabend des Staatsballetts erwartet.

Staatsoper im Schiller-Theater, Bismarckstraße 110, Berlin-Charlottenburg. Tel.: (030) 20 35 45 55.

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