10.04.12

Martin Woelffer

Bühnen-Chef vom Kudamm nimmt den Existenzkampf an

Martin Woelffer, Direktor der Kudamm-Bühnen, spricht mit Morgenpost Online über subventionierte Karten und seine Sorgen mit dem Eigentümer.

Foto: Christian Kielmann
2004 übernahm Martin Woelffer die Direktion: „Die ersten Jahre waren sehr von Härte und Gegenhalten geprägt“
2004 übernahm Martin Woelffer die Direktion: "Die ersten Jahre waren sehr von Härte und Gegenhalten geprägt"

Er habe, sagt Martin Woelffer, ein wenig seinen inneren Frieden gefunden, und man nimmt ihm das ab. Der Chef der beiden Kudamm-Bühnen muss, nachdem er von seinem Vater 2004 die Geschäfte übernahm, im Grunde auf allen Fronten kämpfen. Er ließ jüngere, unkonventionellere Stücke aufführen als im Boulevardtheater üblich, die immer Gefahr bergen das traditionelle Publikum zu verschrecken. Zudem arbeiten seine Theater, nicht immer, aber doch häufig, defizitär. Und dann kommt noch das jahrelange Gerangel mit dem Eigentümer des Kudamm-Karrees hinzu, der irischen Ballymore-Gruppe. Lange wurde diskutiert, wann und wie lange Woelffers Truppen woanders spielen müssen. Nun sucht der irische Immobilienentwickler seinerseits einen Partner für den Kudamm-Bau. Das kann dauern. Er plane jetzt einfach immer 18 Monaten im Voraus, sagt Woelffer, und versucht die ganzen "Wenn und Abers" auszuklammern. Immerhin stehen die Privattheater vor der ersten größeren Finanzspritze. Veranschlagt wurde in den Haushaltsberatungen, dass Woellfers Betrieb einen Zuschuss von 500.000 Euro erhalten wird. Eine halbe Million Euro hilft bekanntlich immer dem inneren Frieden.

Morgenpost Online: Herr Woelffer, Berlins Sprechtheater boomen, aber dieser Trend geht an den Kudamm-Bühnen vorbei: Die Zahl der Besucher sank um fast 30.000 auf rund 200.000 im vergangenen Jahr. Woran liegt's?

Martin Woelffer: Wir haben immer dann massive Probleme, wenn bekannt wird – wie zuletzt im vergangenen Jahr –, dass der Umbau des Kudamm-Karrees unmittelbar bevorsteht und der Spielbetrieb eingestellt werden muss. Die Verunsicherung des Publikums spüren wir sofort bei der Nachfrage – ganz unabhängig vom Stück. Hinzu kam der gescheiterte Volksentscheid. Die Leute dachten, jetzt ist Schluss mit den Theatern. Trotzdem sind die Kudamm-Bühnen die erfolgreichsten Sprechtheater der Stadt.

Morgenpost Online: Welche Inszenierungen laufen denn gut bei Ihnen?

Martin Woelffer: "Gut gegen Nordwind", "Fettes Schwein", "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" und "Der Raub der Sabinerinnen" waren die größten Hits der letzten Zeit, also die neuere Schiene, die etwas gewagteren Stücke mit Besetzungen, die man hier vor ein paar Jahren nicht erwartet hatte.

Morgenpost Online: Verprellen Sie damit nicht das Stammpublikum?

Martin Woelffer: Das ist generell ein Risiko, das man eingeht, wenn man so einen Programmwechsel macht.

Morgenpost Online: Gibt es für Sie denn keine Alternative?

Martin Woelffer: Wir müssen diesen Weg gehen, weil eine ganze Generation von Unterhaltungsschauspielern langsam zu alt wird – und mit ihnen auch das Publikum. Wenn man das nicht rechtzeitig verjüngt, dann bleiben irgendwann die Sitze leer.

Morgenpost Online: Wie sieht denn Ihr Publikum heute aus, verglichen mit dem vor fünf Jahren?

Martin Woelffer: Das Durchschnittsalter haben wir gehalten – und das ist schon ein Erfolg. Ich denke, es wird so zwischen Ende 40 und Mitte 50 liegen. Aber wir wollen keineswegs die älteren Zuschauer verlieren.

Morgenpost Online: Touristenbusse fahren die Kudamm-Bühnen also weiterhin an?

Martin Woelffer: Ja, wir haben einen hohen Touristenanteil, aber Reiseveranstalter planen wahnsinnig lange voraus. Wenn es heißt, wir schließen bald, gehen sofort die Buchungen zurück. Insofern sind wir mittlerweile auf Touristen angewiesen, die sich spontan zum Theaterbesuch entschließen.

Morgenpost Online: Haben Sie eigentlich Abonnenten?

Martin Woelffer: Wenige, aus genannten Gründen auch kaum einen Neuabschluss in den letzten fünf Jahren. Berlin war noch nie eine Abonnenten-Stadt.

Morgenpost Online: Die Staatstheater tun sich in diesem Bereich auch schwer.

Martin Woelffer: Ein Abosystem funktioniert nur mit großen Preisnachlässen. So wie beim Berliner Ensemble. Aber auch an anderen Theatern gibt es Karten für zehn Euro.

Morgenpost Online: Da können Ihre Bühnen nicht mithalten?

Martin Woelffer: Nein, das ist eine ganz fatale Entwicklung. Es reduziert den Wert des Theaterbesuchs. Wenn ich für zehn Euro eine Inszenierung sehen kann, denn denke ich als Konsument, Theater ist nur zehn Euro wert.

Morgenpost Online: Kulturstaatssekretär André Schmitz rechtfertigt günstige Preise damit, dass auch junge oder arme Menschen ins Theater gehen können.

Martin Woelffer: Dass mit Subventionen die Theaterpreise an den Staatstheatern künstlich niedrig gehalten werden, macht uns Privattheatern das Leben schwer.

Morgenpost Online: Aber jetzt sollen Sie möglicherweise auch staatliche Unterstützung erhalten. Von 500.000 Euro ist die Rede.

Martin Woelffer: Dafür sind wir sehr dankbar. Das ist ein ganz wichtiges Signal. Die Politik zeigt damit, dass sie hinter dem Theater am Kurfürstendamm steht.

Morgenpost Online: Wissen Sie denn schon, was Sie mit der halben Million machen?

Martin Woelffer: Theater zu machen ist ein teurer Spaß. Nicht immer decken die Einnahmen die Ausgaben.

Morgenpost Online: Sie brauchen das zum Defizitausgleich? Wir dachten, Sie wollen investieren.

Martin Woelffer: Ich werde den Betrieb sanieren, das ist die Investition in die Zukunft. Ein Gutachten hat uns bescheinigt, dass es in dieser Stadt unmöglich geworden ist, Privattheater zu machen, weil die Eintrittspreise, die man angesichts der staatlichen geförderten Konkurrenz erzielen kann, zu niedrig sind, um die Kosten zu decken. Gleichzeitig wollen wir noch besser werden.

Morgenpost Online: Was kosten die teuersten Karten bei Ihnen?

Martin Woelffer: 39 Euro. Das ist wenig verglichen mit anderen unsubventionierten Märkten wie in London. Oder New York. Da zahlt man für eine Theaterkarte 90 Dollar.

Morgenpost Online: Das heißt aber auch, Ihre Bühnen sind chronisch defizitär?

Martin Woelffer: In den letzten Jahren haben wir häufiger ein kleines Minus gemacht. Wir reden hier nicht von riesigen Summen, wir sind nicht insolvenzgefährdet. Wir sind das Sprechtheater mit den meisten Zuschauern in der Stadt. Und wir nehmen mit rund 22 Euro durchschnittlich auch das meiste Geld pro Karte ein. Wir kommen an der Kasse auf jährliche Einnahmen von etwa 4,5 Millionen Euro. Wenn dann zum Schluss 100.000 Miese rauskommen, dann ist das nicht sehr viel, aber so etwas summiert sich. Man hat nicht die Chance, etwas auszugleichen. Mit dem Geld vom Land wollen wir den Betrieb langfristig sichern – und diesen Standort erhalten.

Morgenpost Online: Wie geht es denn jetzt weiter?

Martin Woelffer: Ballymore sucht einen neuen Partner, der einen großen prozentualen Anteil übernimmt. Das heißt, es wird wohl einen neuen Besitzer des Kudamm-Karrees geben. Wahrscheinlich wird dann ein neues Konzept erstellt.

Morgenpost Online: Dann steht der Architekturentwurf von Chipperfield zur Disposition?

Martin Woelffer: Das weiß ich nicht, aber es ist möglich.

Morgenpost Online: Also alles auf Anfang?

Martin Woelffer: Ja.

Morgenpost Online: Was heißt das für Ihre beiden Theater?

Martin Woelffer: Erstmal: Zeit. Wir können weiterspielen. Aber die Unsicherheit wie lange genau bleibt ebenfalls, klar.

Morgenpost Online: Wie hat diese latente Unsicherheit Sie verändert?

Martin Woelffer: Die ersten Jahre waren sehr von Härte und Gegenhalten geprägt. Das hat Kampfgeist freigesetzt. David gegen Goliath. Mit dem wunderbaren Gefühl, dass uns die Öffentlichkeit dabei unterstützt hat. Dann kam eine Phase, in der ich gemerkt habe, wie viel Kraft dieser Existenzkampf kostet. Später das Gefühl der Erschöpfung, der Frustration. Und dann hab ich irgendwann losgelassen und mich den Dingen zugewendet, die wirklich wichtig für den Betrieb sind. Ich habe erkannt, dass dieser Kampf 100 Jahre dauern kann. Wissen Sie, man muss schon ein bisschen verrückt sein, Privattheater in Berlin zu machen. Das geht nur mit Herzblut und Enthusiasmus.

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