Konzert im Tempodrom HipHop-Star Lauryn Hill kehrt nach Berlin zurück

Foto: dpa /picture alliance / dpa /picture alliance/DPA

Grammygöttin Lauryn Hill feierte als Frontfrau der Fugees in den 90er-Jahren sagenhafte Erfolge. Jetzt ist sie wieder da – nach 13 Jahren auf der Bühne des ausverkauften Berliner Tempodroms. Freundlich singt sie ihre Songs im Lärmbrei ihrer Band, denn um einen Soundcheck hat sich im Vorfeld offenbar niemand gekümmert.

Es ist wie früher bei James Brown oder wie heute noch in Nordkorea. Zur Begrüßung werden ausführliche Lobgesänge angestimmt. Der Zeremonienmeister mit der roten Baseballkappe ruft: "The One! The Only! The Lovely!" Der Chor erwidert: "The One! The Only! The Lovely!" Die Anwesenden im Parkett und auf den Rängen sagen nichts, sie taumeln mit erhobenen Armen dem leibhaftigen Erscheinen jener Einen, Einzigen und Herrlichen entgegen. Lauryn Hill lässt auf sich warten. Lauryn Hill lässt sich gebührend feiern. Lauryn Hill kehrt nach Berlin zurück, nach 13 Jahren. Und dann steht sie plötzlich auf der Bühne, unter ihr ein Teppich aus dem Orient, mit dem könnte sie eingeflogen ein.

Das Tempodrom ist ausverkauft, sie galt einmal als größte Sängerin der Welt. Das war während der Neunziger, bevor die Krisen kamen, die der Welt und die persönlichen. Zunächst trat Lauryn Hill als rappender und singender Blickfang mit den Fugees auf. Das HipHop-Trio stammte nicht aus dem New Yorker Ghetto, sondern aus dem Mittelstand New Jerseys. Ihre Eltern waren schwarze Lehrer und Computerprogrammierer, und von ihnen liehen sich die Fugees ein apartes Lied von 1973, um berühmt zu werden: Roberta Flacks "Killing Me Softly With His Song", damit rahmt Lauryn Hill auch ihr Comeback an. Das Konzert beginnt mit einer längeren karibischen Version. Es endet mit einem Versuch, das Original aus zweiter Hand von 1996 aufzuführen.

Soundcheck! Soundcheck!

Zwischendurch singt Lauryn Hill sich durch ihr einziges Album "The Misseducation Of Lauryn Hill", den Klassiker, auf den sich heute alle einigen können, von Barack Obama bis Adele. Sie wurde dafür 1999 für elf Grammys nominiert und war die erste Frau, die fünf davon auf einen Schlag erhielt. Mit einem Sohn Bob Marleys hatte sie damals bereits zwei Kinder, sie bekam vier weitere. Zum Ausgleich gründete sie eine Plattenfirma und schrieb Songs für Whitney Houston und Aretha Franklin. Auf der Bühne stand sie seltener - und wenn, dann unter einer Afrokrause, mit der sie zwei Meter groß war, und mit der Protestgitarre vor der Brust. Zwischen den Liedern hielt sie rätselhafte Reden. Vor neun Jahren sang sie zum Advent im Vatikan und sprach: "Ich glaube nur an Gott, ich glaube an keinen Vertreter Gottes auf Erden. Ich bin hier, um euch zu sagen: Bereut, bereut, bereut!" Danach versuchte Lauryn Hill sich am Geschäft im Internet, indem sie ihre Autogrammkarten zu Wucherpreisen anbot. In Konzerten war sie irgendwo gelegentlich zu sehen, wieder mit den Fugees und allein. Als Künstlerin wurde sie unberechenbar. Bei einem Festival erschien sie drei Stunden verspätet und verkündete, ihr Nagellack sei endlich trocken.

Lauryn Hill verrät an diesem Abend nicht, woran es diesmal liegt. Sie tritt jetzt amtlich als Ms. Lauryn Hill auf und im Tempodrom in einem zweistündigen Misston. Es ist gut, dass man die Stücke kennt. "To Zion", "Superstar" und "Lost Ones" von ihr selbst, "Ready Or Not" von den Fugees und "Concrete Jungle" von Bob Marley, ihrem heiligen Schwiegervater. Offenbar hat ihr die Zeit oder die Lust gefehlt, die Boxen und Geräte, die sich ungeordnet um sie türmen, und ihre zehn Musikanten auf die Saalakustik einstimmen zu lassen. Soundcheck nennt man so was. Dafür hetzt ein älterer Herr während des Auftritts zwischen Tontechnik und Instrumenten hin und her, er wedelt mit den Händen wie ein Dirigent neben dem Bühnenmischpult. Lauryn Hill steht ungerührt am Mikrofon über dem Teleprompter mit ihrem wieder geschorenen Schopf und einem schwarzen Minikleid mit goldener Borte. Freundlich singt sie ihre Songs im Lärmbrei ihrer Band. In kurzen Reden fragt die Grammygöttin, wo die Leute vor ihr denn die ganze Zeit gewesen seien. Sie erklärt, wie sehr sie ihre Zuhörer vermisst habe, ihre Gemeinde. Dafür erntet sie ergebene Freude aber auch empörte Zwischenrufe. "Soundcheck! Soundcheck!" Eine zaghafte Palastrevolte.

Bleiben Sie informiert:
Die Berliner Morgenpost in sozialen Netzwerken.
Folgen Sie uns auf Twitter