Dritte Generation
Holocaust-Überlebender streitet mit Berliner Schaubühne
Samstag, 21. März 2009 22:18 - Von Frank WeigandDer Holocaust-Überlebende Isaak Behar protestiert gegen Theaterprojekt „Dritte Generation" an der Berliner Schaubühne. Das Stück, gespielt von Schauspieler israelischer, palästinensischer und deutscher Herkunft, geht satirisch mit der Verarbeitung des Holocaust-Traumata um. Behar will die Aufführung verhindern.

Isaak Behar ist aufgebracht. Der Gemeindeälteste der Jüdischen Gemeinde Berlin engagiert sich seit Jahren gegen Antisemitismus und kämpft gegen jede Relativierung des Holocaust. Er, dessen gesamte Familie im KZ umkam, fühlt sich nun durch eine Theaterpremiere an der Berliner Schaubühne persönlich beleidigt. Unter dem Titel „Dritte Generation“ hat die israelische Regisseurin Yael Ronen mit zwölf Schauspielern israelischer, palästinensischer und deutscher Herkunft eine Satire über die Verarbeitung gemeinsamer Traumata entwickelt.
Behar, der von Bekannten von der Aufführung erfuhr, ist erbost darüber, dass dabei die Shoa und die Vertreibung der Palästinenser auf gleicher Ebene verhandelt werden. Als Überlebender empfindet er eine solche Gleichstellung als Affront.
Auch das Argument, es handele sich bei der Theaterproduktion um Kunst, die zum Nachdenken anregen will, lässt er nicht gelten: „Auch die Kunst muss ihre Grenzen haben.“ In einem offenen Brief forderte er die Leitung der Schaubühne auf, von einer Aufführung abzusehen, die seine persönlichen Gefühle und die vieler anderer Holocaust-Überlebenden verletzen würde.
Behar fühlt sich persönlich beleidigt
Die Diskussion scheint altbekannt. In einem Kontext, in dem Holocaust-Leugner weltweit immer wieder ein Podium finden, ihre unsauberen Thesen zu verbreiten, und überdies jüngste Studien von einem Anstieg rechtsradikalen Gedankenguts unter deutschen Schülern zeugen, ist das Thema mehr als sensibel. Fast möchte man Behar rückhaltlos Recht geben. Aber – er hat das Stück, das die Regisseurin seit über einem Jahr als Work in progress entwickelt und das in Vorabfassungen bisher in Halle, Tel Aviv, Parma und Madrid gezeigt wurde, nicht persönlich gesehen.
„Ich verstehe Herrn Behars Aufregung“, sagt Ronen. „Aber gleichzeitig muss ich darauf hinweisen, dass es sich um ein Missverständnis handelt. Nichts liegt mir ferner, als das Gedächtnis der Opfer zu beleidigen. Es geht mir darum, einen Dialog zwischen den Enkeln der Opfer und der Täter herzustellen, der sich satirisch damit auseinandersetzt, wie man mit Tabus umgeht.“ In einem Antwortbrief an Behar stellte Ronen klar, dass sie seine Position respektiert, wies aber auch darauf hin, dass das Thema ihrer Produktion ein ganz anderes ist.
Von Anfang an hatte das Projekt „Dritte Generation” mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Die Tatsache, Palästinenser, Deutsche und Israelis gemeinsam auf einer Bühne respektlos an generationenalten Schuldkomplexen zu kratzen, stieß zunächst auf wenig Gegenliebe. Als sich jedoch bei den Voraufführungen in den vergangenen Monaten herausstellte, dass Ronen und ihre um die 30-jährigen Akteure bei aller Provokation sensibel mit ihrem Thema umgingen, fanden sich immer mehr Förderer für das diffizile Projekt. „Die Provokation ist kein Selbstzweck“, sagt die Regisseurin. „Wir arbeiten mit unseren persönlichen Geschichten und wollen auch die Zuschauer so persönlich ansprechen, dass sie selbst zu Tabuthemen Position beziehen müssen.“ Jens Hillje, künstlerischer Ko-Leiter der Schaubühne, stellt sich hinter Ronen. Er spricht vom „aufklärerischen Charakter“ des Stücks, das verdeutlicht, wie sehr die Shoa und der Nahostkonflikt miteinander verwoben sind. Überdies habe sich die Produktion durch den jüngsten Krieg in Gaza weit von der ursprünglichen Thematik wegentwickelt. Auch Thomas Ostermeier, künstlerischer Leiter der Schaubühne, unterstützt Ronen: „Eine große Stärke der Arbeit ist, dass darin alle existierenden Haltungen zu Wort kommen. Zum Beispiel protestiert eine Schauspielerin vehement gegen den Vergleich des Holocaust mit anderen Traumata. So findet sich auch Herrn Behars Perspektive darin reflektiert.“
Ronen will schmerzhaften Dialog
Bei genauerer Betrachtung ist Behars Position gar nicht so weit von der der Regisseurin entfernt. Als einer der ersten organisierte er vor Jahrzehnten sportlichen Austausch zwischen jungen Deutschen und Israelis, um für gegenseitiges Verständnis zu werben. Und genau diesen Dialog führt Ronen weiter – allerdings in einer schmerzhaften und politisch unkorrekten Art.
Das eigentliche Problem der Diskussion ist laut Ronen die ständige Instrumentalisierung der Vergangenheit: „Es geht in meinem Stück darum, zu reflektieren, wie eine Gesellschaft ein historisches Gedächtnis manipuliert und für ihre politischen Zwecke nutzt.” Vielleicht sind junge Leute heute auf allen drei Seiten eher im Stande, über komplexe Wunden nachzudenken, über die ihre Väter und Großväter nach wie vor schweigen. Isaak Behar hält diese Art der Diskussion für verfrüht: „Kann man damit nicht noch ein paar Jahre warten, bis es keine Überlebenden mehr gibt? Mir tut ein solcher Umgang mit Geschichte einfach weh.“
Die Regisseurin Yael Ronen hat für diese Haltung Verständnis, unterstreicht jedoch die Dringlichkeit ihres Anliegens: „Wir wünschen Herrn Behar ein langes Leben. Aber es geht hier nicht nur um eine persönliche Geschichte, sondern um die Geschichte der Welt. Und die müssen wir alle ständig neu durchdenken und diskutieren. Auch wenn es wehtut.”
Erschienen am 20.03.2009







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