Kunstprojekt
Berliner Tänzer weihen Neues Museum ein
Das Neue Museum auf der Berliner Museumsinsel wird nun auch künstlerisch eingeweiht. Choreografin Sasha Waltz zeigt mit ihrer Tanzcompagnie von Mittwoch an das Stück "Dialoge 09 – Neues Museum". Dabei greift sie die Idee von Architekt David Chipperfield auf und inszeniert in den beeindruckenden Räumen Alt und Neu.
Von Oliver Kranz
1999 hat Sasha Walz ihre Compagnie durch die noch leeren Gänge des Jüdischen Museums tanzen lassen, 2006 durch die Studios des gerade neu eröffneten Radialsystems und nun ist das Neue Museum an der Reihe. Hier zeigt sie am Mittwoch (18. März) "Dialoge 09 - Neues Museum".
Sasha Waltz ist die Tochter eines Architekten – da wundert es nicht, dass sie sich auch in ihren Choreografien gern mit Raumstrukturen auseinandersetzt. 1999 hat sie ihre Compagnie durch die noch leeren Gänge des Jüdischen Museums tanzen lassen, 2006 durch die Studios des gerade neu eröffneten Radialsystems und nun ist das Neue Museum an der Reihe. Das Haus auf der Museumsinsel ist fertig saniert, aber noch leer – für Sasha Waltz eine einmalige Chance, es mit 70 Tänzern, Sängern und Musikern zu erkunden. "Dialoge 09" heißt das Projekt, das Mittwochabend seine Premiere erlebt. Sasha Waltz nennt es eine "temporäre Ausstellung".
Morgenpost Online: Was fasziniert Sie an diesem Gebäude?
Sasha Waltz: Ich glaube, dass dem Architekten David Chipperfield etwas ganz Außergewöhnliches gelungen ist. Er macht die Geschichte des Museums sichtbar - mit allen Wunden und Zerstörungen. Verlorene Strukturen wurden nicht historisierend ersetzt, sondern in einer modernen Architektur - und trotzdem wirkt das Gebäude als Einheit. Es hat eine ungeheure Kraft - als ich zum ersten Mal hineingegangen bin, wusste ich sofort: Hier will ich was machen.
Morgenpost Online: Morgenpost Online: Welcher Raum gefällt Ihnen am meisten?
Waltz: Das Treppenhaus. Da stoßen Alt und Neu mit einer solchen Wucht aufeinander, dass es einem den Atem nimmt.
Morgenpost Online: ... und die breiten Treppengeländer laden zum Tanzen geradezu ein.
Waltz: Ich hab mich da eher zurück gehalten, weil man von diesen Geländern sehr tief stürzen kann. Bei der Aufführung können sich die Zuschauer frei bewegen, da kann es immer mal einen Zusammenstoß geben. Bei mir wird nur im unteren Bereich auf dem Geländer getanzt. Aber auch sonst war die Höhe des Raumes eine Herausforderung. Menschen wirken ganz klein in diesem Treppenhaus. Daher funktionieren viele Bewegungen dort überhaupt nicht.
Morgenpost Online: Das Haus macht Geschichte sichtbar. Was bedeutet das für das Stück?
Waltz: Die Räume haben eine sehr unterschiedliche Aura und ich habe - ähnlich wie Chipperfield - für jeden ein eigenes Konzept entwickelt. Im Nordkuppelsaal zum Beispiel, wo einmal Nofretete stehen wird, lasse ich zwei Priesterinnen auftreten, die ein zeitgenössisches Ritual ausführen.
Morgenpost Online: Der goldene Kopfschmuck der beiden und die schlichten schwarzen Gewänder wirken aber eher antik.
Waltz: Ja, doch dieses Alte trifft auf moderne Musik und eine zeitgenössische Bewegungssprache. Wir haben lange danach gesucht. Man braucht diesen Bruch, um das Gebäude stark wahrnehmen zu können.
Morgenpost Online: Am Anfang der Produktion – im griechischen Hof des Museums – treten die Tänzer unter einem antiken Fries auf...
Waltz: Dieser Fries zeigt die Zerstörung von Pompeji und Menschen, die die Stadt verlassen. Das übersetze ich in Bewegung. Zuerst stehen die Tänzer wie Statuen auf einem Mauervorsprung, dann werden sie lebendig und verschmelzen zu einem Relief. Man kann Szenen aus dem Fries wiedererkennen - auch später wenn die Tänzer in den Hof hinabgestiegen sind. Aber es gibt auch Bilder, die ich neu erfunden habe - einen Vulkanausbruch zum Beispiel. Da werden die Tänzer zu Steinklumpen, die durch den Raum fliegen...
Morgenpost Online: Bewegung spielt eine große Rolle. Trotzdem bezeichnen Sie die Produktion nicht als Tanztheater, sondern als temporäre Ausstellung. Die Premiere heißt nicht Premiere, sondern Vernissage. Warum?
Waltz: Weil wir uns in einem Museum befinden. Auf Bewegung folgt immer wieder Stille und dann werden die Tänzer zu Statuen. Die Zuschauer können von Raum zu Raum gehen, wie in einer Ausstellung. Aber es stimmt schon - man kann die Produktion schwer kategorisieren. Sie hat auch etwas von einem Tanzstück oder einem Konzert.
Morgenpost Online: Sie haben schon 1992 ein "Dialoge"-Projekt herausgebracht – im Künstlerhaus Bethanien, als sie noch ganz neu in der Stadt waren. Später haben Sie mit Ihrer Compagnie immer wieder die Bühne verlassen und neue Räume erkundet. Warum?
Waltz: Ein echter Raum ist einfach ein ganz anderer Partner als ein Theaterraum, sich mit ihm auseinanderzusetzen bringt ganz andere tänzerische Lösungen. Die Priesterinnen, die ich hier im Museum auftreten lasse, hätte ich woanders wahrscheinlich nie entwickelt. Die "Dialoge"-Projekte geben mir Impulse, mich künstlerisch noch mal neu zu bestimmen oder eine neue Richtung einzuschlagen, das sind Arbeiten, mit denen ich mich selbst herausfordere.
Morgenpost Online: Aber wenn man das Theater verlässt, muss man auf einiges verzichten – auf die Bühnentechnik zum Beispiel. Wenn die Zuschauer sich frei bewegen können, weiß man nicht, aus welcher Perspektive sie das Stück sehen.
Waltz: Stimmt. Diese Art zu arbeiten, hat auch ihre Defizite. Manchmal kommt mit dem Publikum eine Unruhe in den Raum, die die Vorstellung stört. Das möchte ich natürlich vermeiden. Ich habe diesmal die einzelnen Choreografien kurz gehalten - kaum eine dauert länger als 10 Minuten. Daher hoffe ich, dass die Zuschauer die Ruhe finden, sich alles von Anfang bis Ende anzugucken und nicht wie aufgescheuchte Hühner hier durchs Haus rennen, um nichts zu verpassen. Die Dinge brauchen Zeit, um sich zu entwickeln. Und dann soll man ja auch noch den Raum auf sich wirken lassen.
Neues Museum, Bodestr. 1-3, Mitte. "Dialoge 09", 18.-21. März, 23., 27., 28., 30. März, 19 Uhr; 22. und 29. März, 15 Uhr. Der Vorverkauf ist beendet, Restkarten gibt es an der Abendkasse.
Infos unter www.radialsystem.de
Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
- Spielstätte gesucht: Tanz-Ikone Sasha Waltz will eigene Großbühne
- Frühjahrsputz: Neues Museum bleibt drei Tage lang geschlossen
- Warteschlangen verhindern: Neues Museum bietet neue Tickets an
- Neue Bauarbeiten: Fassade des Neuen Museums wird nachgebessert
- Tage der Offenen Tür: Wieder stehen Tausende vor Neuem Museum Schlange
- Restaurierung: Erste Kuppel der Museumsinsel-Kolonnaden ist zurück
-
00:08Präsidentschaftswahl: Unterlegener Kandidat in Ägypten will gegen Wahler...
-
00:00Verkehrssünder: Flensburger Punktedatei soll weiter verschärft...
-
26.05.2012Festnahme: Toter in Friedrichshainer Bar: Verdächtiger gefass...
- 1. Relegationsspiel Hertha BSC und der Abstieg ohne Gnade
- 2. Formel 1 in Monaco Strafversetzung verdirbt Schumacher nicht die Laune
- 3. Nach Berufung Hertha BSC schickt seine Spieler in den Urlaub
- 4. Relegationsspiel Hertha BSC gibt sich offenbar geschlagen
- 5. Stromerzeugung Solaranlagen liefern so viel Strom wie fast 20 Atommeiler














