Ausstellung
Von der Lust, ein Tagebuch zu schreiben
Dienstag, 17. März 2009 14:40 - Von Falko HennigVon alten Kladden bis zu Internetblogs: "@absolut privat? Vom Tagebuch zum Webblog" heißt die neue Ausstellung im Museum für Kommunikation in Mitte. Sie wandelt auf den Spuren des Tagebuchsschreibens und der Frage, warum wir den Drang haben, unser Leben zu verschriftlichen.
Was ist es nur, was die Menschen immerfort dazu bringt Chinakladden, Notizbücher, Kalender und sogar Holzblöcke mit Tagebuchnotizen zu beschriften? Diese Frage drängt sich angesichts der Ausstellung "@bsolut privat!" im Museum für Kommunikation auf.
Von den pietistischen Diarien des 18. Jahrhunderts, von Kalendern und Chroniken spannt die Ausstellung einen Bogen über das Journal intime des 19. Jahrhunderts, bis zu Christa Wolfs "Ein Tag im Jahr" und die verschiedenen Formen von Internettagebüchern, den so genannten Weblogs. Die Journale von Anne Frank finden genauso Berücksichtigung wie die Tagebücher des Nazi-Hetzers Joseph Goebbels.

"Niemanden interessiert, was du heute zu Mittag hattest", lautet ein Vorwurf, der den Bloggern gemacht wird, jenen Schreibern, die ihre privaten, intimen und angeblich belanglosen Diarien im Internet für jeden Leser präsentieren. Doch ist die gegenwärtige Verteufelung des Bloggens nur eine Wiederholung der Debatte um die "Lesewut" und "Lesesucht" besonders bei "Weibspersonen" im 18. und 19. Jahrhundert. Damals sahen die Bildungseliten ihr Vorrecht beim Lesen in Gefahr. Es spricht einiges dafür, dass heutige Autoren, die sich über die Banalitäten in den Internettagebüchern erregen, in Wirklichkeit ihr Privileg im Veröffentlichen von Texten bedroht sehen.
Warum nun die Menschen Tagebücher führen, scheinbar alle Schichten und Altersklassen, woher dieser Drang kommt, die Zeit schriftlich festzuhalten, kann diese Ausstellung so wenig beantworten wie die emsigen Tagebuchschreiber selbst. Es hat wohl jeder seine eigene Erklärung und so manchem wird es gehen, wie Hermann Hesse.
Der schrieb: "Ach, zehn und mehr Tagebücher sollte ich führen. Drei, vier habe ich schon begonnen. Eines heißt 'Tagebuch eines Wüstlings', eines 'Urwald der Kindheit', eines 'Traumbuch', und mit allen diesen zehn Tagebüchern wäre nur erst notiert, nur erst geschrieben! Noch nicht gemalt und musiziert, noch nicht Freundschaft, Liebe, Hunger, Geschlecht, Lebensfülle gelebt, nein, der Tag müsste 1000 Stunden haben."
Ausstellung "@bsolut? privat!", Museum für Kommunikation, Leipziger Str. 16, Mitte. Tel. (030) 20 29 40. www.museumsstiftung.de . 20. März bis 30. August. Katalog: 17,80 Euro.
Zur Ausstellungseröffnung am 19. März liest Manfred Krug aus seinem Buch "Abgehauen - Ein Tagebuch und ein Mitschnitt"






















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