Nachruf

Rosel Zech - distanziert, aber mit Aura

Die Starke und Spröde, die Zarte und Zähe - all das traf auf die die große Theater-, Film- und Fernsehschauspielerin Rosel Zech zu. Am Mittwoch starb sie im Alter von 69 Jahren in Berlin. Ein Nachruf.

Mutter Oberin als Herbstzeitlose, der eine ewige Sehnsucht aus dem strengen Gesicht mit dem dünnlippigen Mund leuchtet. Und dann diese spröde, wie Sandpapier schmirgelnde Stimme, die sich im Tonfall nur hob, wenn ihre Besitzerin sehr indigniert war!

Die Größe einer Schauspielerin teilt sich immer dann besonders mit, wenn sie auch in dem demokratisch klein machenden Fernsehrahmen einer stereotyp vorgestanzten Serie über Jahre hinweg ihre Aura entfaltet. Wenn sie unverwechselbar ist. Und die in München residierende Klostervorsteherin der Rosel Zech in "Um Himmels Willen" hatte den immer platteren Drehbüchern zum Trotz genau das – Aura und Größe, Unverwechselbarkeit sowieso. Was seltsamerweise durch den jedes Haar aussparenden, die gern minimalistische Mimik dieser Darstellerin hervorhebenden Nonnenschleicher noch verstärkt wurde.

Das war nie Donna Camilla und Fritz (Wepper) Peppone. Dafür war Jutta Speidel als Schwester Lotte zuständig. Bei der Mutter Oberin ging es um die übergeordneten Dinge, die langfristigen Strategien, ihr Kloster Kaltenthal gegen den miefigen Stammtisch zu positionieren. Und immer leuchtete da über den vorhersehbaren Intrigen zwischen Klerus und Dorfpolitik und ihren seriengefälligen Lösungen eine Sehnsucht der Rosel Zech.

Rainer Werner Fassbinder hat sie für ihre wohl berühmteste Filmrolle in "Die Sehnsucht der Veronika Voss" mit Schwarz-Weiß und Sternenfilter grandios hintergründig eingefangen. Dabei spielte Rosel Zech darin eigentlich eine Kopie, kein Original. In dieser gleichzeitigen Hommage an sein Regieidol Douglas Sirk und die starken, überlebensgroßen, hingebungsvoll leidenden Ufa-Sirenen verarbeitete Fassbinder das Leben des morphiumsüchtigen Filmstars Sybille Schmitz. Wie eine Schlafwandlerin schwebt die Zech, immer im Schatten ihrer lesbischen, wie ein Vampir von Annemarie Düringer gespielten Ärztin, durch den Film. Die Stimme ist schwer, die Augen sind hinter Schleiern verschattet, doch das verräterische Glitzern ihrer Tränen ist zu sehen. Dafür bekam sie 1982 den Goldenen Berlinale-Bären.

Die starke und spröde, die zarte und zähe Frau. Das war Rosel Zech. Auch wunderbar komisch, wie in Fassbinders "Lola" als vulgäre, immerzu wegschauende Gattin des bayerischen Bauunternehmers Mario Adorf, der sich in die Hure Barbara Sukowa verguckt hat.

Zech kam spät zu Fassbinder, obwohl sie ihn seit den frühen Siebzigern kannte. Zu seiner von ihm abhängigen Film-Familie gehörte sie nie, wie auch sonst Rosel Zech eine aufrechte Einzelgängerin geblieben ist. "Bei ihm konnte man schön sein", sagte die Schauspielerin rückblickend über Fassbinder, obwohl gerade sie nie allein auf Äußerlichkeiten ihre Karriere gründete.

Zum Theaterregisseur Peter Zadek, dem zweiten künstlerisch prägenden Mann in ihrem Leben, hielte sie ebenfalls Distanz, war aber immer wieder eine seiner treuesten Protagonistinnen. Zunächst spielte sie bei ihm 1967 in Wuppertal, Stuttgart und in der TV-Verfilmung von Sean O'Caseys "Der Pott", dann folgte sie ihm ans Bochumer Schauspielhaus. Hier war sie meist damenhaft, ein hinreißender Hauch von Blaustrumpf umgab sie stets, selbst wenn sie einen Kerl spielte, wie 1977 den Polonius in Zadeks "Hamlet". Sie war auch Zadeks Hedda Gabler. Dafür wurde sie zur Schauspielerin des Jahres gewählt. Es passte perfekt: Diese auch auf der Bühne niemanden an sich heranlassende, oft eine Schwelle aufbauende Darstellerin und die am Ende mit einem Revolver die bitteren Konsequenzen aus ihrem verpfuschten Leben ziehende Hedda. Unsentimental preußisch wird gehandelt, nicht gejammert.

Geboren wurde Roselie Helga Lina "Rosel" Zech am 7. Juli 1942 in Berlin als Tochter eines Binnenschiffer-Ehepaars. Mit 20 Jahren trat sie ihr erstes Engagement in Landshut an. Schon 1966 holte sie das Theatertrüffelschwein Arno Wüstenhöfer an die Wuppertaler Bühnen. Die Theater wurden schnell größer, so wie der Name. Sie war irgendwann die Zech, spielte in Hamburg, Berlin, München und Wien, im Fernsehen, besonders gern bei Egon Monk ("Die Geschwister Oppermann", "Die Bertinis"), im Film. Schließlich wurde sie schon 1981 in der "Die Knapp-Familie" als Bergarbeitermutter Elfriede und ab 2001 in zehn Staffeln "Um Himmels Willen" auch noch zur nicht einfach zu mögenden Serienheldin.

Rosel Zech war bekannt, nicht berühmt. Aufhebens um ihre Person hat sie nie veranstaltet, auf Partys und Galas sah man sie kaum. Selten nur entwickelte sie Beziehungen, Kontinuität. Ihre Karriere war seit den Achtzigerjahren sprunghaft, obwohl sie ganz oben agierte. Man konnte sie nicht wirklich lieben, nur bewundern. Für die zerbrechliche Kälte etwa, die sie als Ostberliner, in Kotzebue/Alaska gestrandete Bibliothekarin Roswitha in Percy Adlons "Salmomberries" erst durch die Freundschaft zu einem Eskimokind auftauen ließ. Der Bayerische Filmpreis war dafür 1992 ihr Lohn.

Schon Tschechows mit ihrem Theaterfimmel enervierende "Möwe" Nina und ihre verstockt liebende Cordelia in Zadeks Bochumer "König Lear" waren kein zartes Mädchen mehr, sondern Biester. Wunderbar gläsern scharf ihre überkandidelte Turniertänzerin Doris in Botho Strauß' "Bekannte Gesichter, gemischte Gefühle", 1983 von Dieter Giesing in München inszeniert. Dort entfesselt sie auch mit Kitty Speiser als Elisabeth in "Maria Stuart" und 1996 mit Elsabeth Trissenaar und Nicole Heesters in Hans Neuenfels' manierierter "Zofen"-Inszenierung kalt glühende Zickenkriege der Sonderklasse.

Rosel Zech schien auf starke, komplizierte, schwierige Frauenrollen festgelegt. Dabei konnte sie auch schallend lachend, umwerfend komisch sein. Zadek wusste das, hat es in "Kleiner Mann, was nun?" im "Kaufmann von Venedig" oder in "Bunbury" hinreißend aus ihr herausgekitzelt. Sich selbst sah Rosel Zech genauso distanziert wie ihr Umfeld: "Ich bin Schauspielerin und habe Fantasie: Ich lerne meine Texte und dann lasse ich mir was einfallen – und der Regisseur auch."

In Berlin sah man sie zuletzt 2010 im Renaissance-Theater auf der Bühne. Da spielte sie in Moisés Kaufmanns Broadwayerfolg "33 Variationen" eine krebskranke Beethoven-Forscherin. Am Mittwoch ist Rosel Zech 69-jährig selbst an Knochenkrebs gestorben. "Sehr aufrecht und sehr bewusst", wie ihre Freundin Juliane Lorenz, die Fassbinder-Cutterin und Geschäftsführerin seiner Stiftung mitteilte.

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