01.03.11

Architektur Wenn Häuser und Museen sich förmlich verstecken

Von Dankwart Guratzsch

Neuere Kunsthallen umgehen jeden Formenstreit, indem sie aus dem Stadtbild verschwinden: Ein solcher Entwurf gewinnt nun für Frankfurts Museum der Weltkulturen.

Könnte es, neben all den Gestalten, in denen uns neue Architektur vor Augen tritt, auch eine der "Kontemplation", des Rückzugs ins Innere geben? Schon zum dritten Mal in kurzer Folge soll ein Museum entstehen, das sich den Blicken entzieht.

Ein Bau, der Le Corbusiers berühmte Formel "Architektur ist das kunstvolle, korrekte und großartige Spiel der unter dem Licht versammelten Baukörper" in sein Negativ verkehrt, den Baukörper also zu einer Aussparung macht. Ein solcher Entwurf ist soeben in Frankfurt am Main als Sieger aus einem hochambitionierten Architektenwettbewerb hervorgegangen, aus dem Juryentscheid für den Erweiterungsbau des Museums der Weltkulturen.

Museumsufer soll geschont werden

297 Büros hatten sich beworben, 43 waren im Sommer ausgewählt worden, darunter, wie sich das Frankfurter Kulturdezernat schmeichelt, "weltweit renommierte Architekten". Die international besetzte Jury unter Vorsitz von András Pálffy (Wien) erteilte dem Berliner Team Kühn Malvezzi den Zuschlag, einer Gruppe, die schon beim Schlosswettbewerb in Berlin ein Favorit der Architekturpresse war.

Auf dem zweiten bis vierten Platz folgen Bruno Fioretti Marquez Architekten, ebenfalls Berlin, Trint + Kreuder d.n.a., Köln, und Adjaye Associates, London. Alle Entwürfe verbindet ein Gedanke: die Gebäudemasse möglichst zum Verschwinden zu bringen.

Maßgebend war die Vorgabe der Stadt, die bereits für das Vorgängerprojekt, den Erweiterungsbau für das Städel-Museum, gegolten hatte, das in den 80er Jahren geschaffene Museumsufer zu schonen.

Betongebirge lehnte die Jury ab

Die Parklandschaft mit großbürgerlichen Villen gehört zu den populärsten Schöpfungen der Ära des Walter Wallmann, der bis 1986 neun Jahre lang Oberbürgermeister Frankfurts war. Deshalb war vorgegeben, einen Großteil der Funktionsräume unterirdisch anzuordnen.

Dessen ungeachtet schlugen die meisten Architekten vor, im Museumsgarten wahre Betongebirge aufzurichten, darunter ödeste Gebrauchskästen und wild aufgetürmte Affenfelsen, die sich zwischen die Villen zwängen und sogar noch deren Dächer überragen sollten. Alle diese Vorschläge, selbst die fantasievollsten und skurrilsten, wischte die Jury vom Tisch. Übrig blieben die vier, die ein Bauwerk kaum noch erkennen lassen.

Das kann man konsequent im Sinne des Schutzes der Villenlandschaft, aber auch besonders zeitgemäß nennen. Auf eine Konfrontation mit den Wutbürgern will es heute keine Stadtverwaltung ohne Not ankommen lassen.

Eine Architektur der Innerlichkeit

Aber geht es vielleicht sogar um mehr? Seit Hans Holleins Mönchengladbacher Abteibergmuseum gibt es eine Museumstradition des Bergens, die auch eine des Verbergens ist. Zuletzt geschah es neben dem Städel-Erweiterungsbau in Frankfurt dem größten Museumsneubau Dresdens, dem Depot der Staatlichen Kunstsammlungen, das in einer riesigen Arche in den Hof des Albertinums gehängt wurde und von keiner Himmelsrichtung aus sichtbar ist.

Die Analogie lässt sich natürlich noch weiter ausziehen, bis hin zu Gebäuden, die alles andere als immateriell, aber nicht weniger auf das Inwendige fokussiert sind. Ihnen eignet etwas Schneckenhausartiges.

Ihr ferner Ahne ist das Guggenheim in New York. Ihre bekanntesten Verkörperungen aus jüngerer Zeit finden sich in Gehrys Museum von Bilbao oder in den Automuseen von München und Stuttgart.

Kühn Malvezzis radikale Konsequenz

Immer ist die Idee des Bauwerks auf Innerlichkeit gerichtet, den wie in einer Höhle eingeschlossenen Schatz. Das hat im Museumsbau eine lange Vorgeschichte, ist doch das Schätzehüten die Hauptaufgabe der Museumskultur. Nur die Art und Weise, wie sich dieser Gestus des Bergens nach außen präsentiert, unterscheidet sich von Epoche zu Epoche diametral.

Kühn Malvezzi legen ihre Raumfluchten konsequenter als alle ihre Konkurrenten unter der Grasnarbe des Museumsparks an und bekamen genau dafür den ersten Preis. Nach oben stülpt sich lediglich eine rechteckige Glasvitrine aus, die wie das Sehrohr eines Unterseeboots in die Zone der Sichtbarkeit vorstößt.

Hier dient sie der Belichtung unterirdischer Säle. Ein zweiter rechteckiger Ausschnitt aus dem Rasen ist die Negativform dazu: Die Vitrine mit ihren Glaswänden ist umgestülpt und in die Erde gesteckt. Hier bildet sie den Atrium-Lichthof zur tiefliegenden Bibliothek. Aus der Mitte wachsen Bäume.

Nun muss die Stadt entscheiden

Damit ist über den Neubau schon das Wesentlichste gesagt. Unter der Erde ist das Wege- und Raumnetz, wie bei den meisten Konkurrenten, mit den oberirdischen Altbauvillen des Museums verbunden, darunter ein ungeschickt proportionierter Neubaukubus in Kastenform und schwarzer Hülle.

Das für die Museumspädagogik bestimmte Haus ist an der dem Ufer abgewandten Seite platziert und greift es in die schützenswerte Silhouette der Villen nicht ein.

Nun liegt der Ball bei der Stadt. Wann es mit dem Bau losgeht, was er kosten darf und was noch korrigiert werden soll, ist offen. Mehr als Bilder einer Ausstellung sind die Entwürfe vorerst nicht.

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