Berliner Spaziergang

David Garrett, der netteste Geiger der Welt

Sören Kittel, Reporter von Morgenpost Online, ist mit Star-Violinist David Garrett im Zug von Berlin und Hamburg gefahren und sprach mit ihm über Musik und Frauen. Für einen Spaziergang war keine Zeit.

Foto: M. Lengemann

Bevor ich David Garrett treffe, werde ich am Telefon gefragt, ob ich einen GHD mitbringen könne. Gesprochen: Dschi-Äitsch-Di. Davon hatte ich noch nie gehört. Später lerne ich: Der GHD ist ein Gerät zum Glätten der Haare. Es kostet rund 200 Euro. Doch die Media-Managerin, die David Garrett bei Presseterminen in Deutschland zur Seite steht, hat selbst einen dabei. Problem: erledigt.

Als ich auf dem Weg zum Hotel bin, ruft die Media-Managerin noch einmal an, sie stehe vor David Garretts Tür im "Westin Grand", klopfe, aber er mache nicht auf. Wir sind beide ratlos, schließlich wollen wir zu dritt gleich in den Zug nach Hamburg steigen. Er hat dort einen Termin, und für einen Spaziergang in Berlin war keine Zeit. Immerhin: Fast zwei Stunden Zugfahrt mit dem Star-Violinisten. Doch wo ist David? Unsere letzte Information war, dass eine junge, hübsche Make-up-Frau, Friederike, ins Hotelzimmer gegangen ist. Er habe darum gebeten, mit ihr allein zu sein. Nur Friederike, der GHD und er.

Das mit den Haaren und dem Aussehen ist so eine Sache bei David Garrett. Er hat einmal gemodelt, um Geld zu verdienen, aber im Grunde ging es bei ihm immer nur um Musik: Er ist mit seinen 30 Jahren einer der weltweit erfolgreichsten Violinisten, hat 2009 rund 140 Auftritte in den größten Musikhäusern in Asien, Amerika und ganz Europa absolviert. Er gilt als der schnellste Geiger der Welt (13 Töne pro Sekunde) und hat mit den größten Musikern zusammen auf der Bühne gestanden: José Carreras, Claudio Abbado, Yehudi Menuhin. Bis ins Jahr 2012 ist er ausgebucht, plant Konzerte, drei neue CDs.

Als ich am Hotel ankomme, haben sich die Probleme: erledigt. Friederike kommt mit geröteten Wangen aus dem Fahrstuhl, in der Hand den Make-up-Koffer. Die Media-Managerin war aber die ganze Zeit mit im Raum, sagt sie. Und dann höre ich den Satz, den jeder sagt, der mit David Garrett zu tun hatte: "Er ist sooooo nett und überhaupt nicht abgehoben." Schminke habe er fast gar nicht gewollt. "Es ging ihm wirklich nur um die Haare", sagt Friederike. Eitel sei er gar nicht. Eher: besonders unkompliziert.

Dann kommen sie schon, stellen sich beide mit Vornamen vor, Elke, die Media-Managerin, und David, der Star-Musiker. Nach dem Händedruck schiebt sich David Garrett gleich wieder eine Strähne hinters Ohr. Während Elke zur Eile drängt, bleibt David Garrett gelassen und läuft langsam in Richtung Auto. "Das liegt an den Stiefeln", sagt er. Sie haben keine Schnürsenkel. "Wenn ich schneller laufe, falle ich hin." Er trägt ein schwarzes Sakko, eine graue Jogginghose. Elke: "Die Hose hab ich ihm geschenkt, aber muss er sie gleich zum Interview anziehen?" Ich sage ihr, dass in den Clubs in Friedrichshain und Kreuzberg heutzutage alle graue Jogginghosen tragen. David: "Siehst du, ich hab dir gesagt, das ist total im Trend!"

Dann fahren beide mit dem Auto zum Bahnhof. Ich fahre S-Bahn. Elke ruft noch einmal an. Die Berlinerin stellt besorgt klar, dass wir bei diesem schlechten Wetter auf gar keinen Fall draußen vor dem Bahnhof herumlaufen werden. "Es ist zu kalt, und David darf wirklich nicht krank werden", sagt sie, "außerdem, haben Sie eine Ahnung von dem Menschenauflauf, den es dann geben wird ..."

Davids Anwesenheit kann in der Tat extreme Reaktionen hervorrufen. Als er den Saal in der Fernsehshow "Wetten, dass..?" betreten hatte, wollte der Applaus nicht mehr aufhören. Seine Konzerte sind fast immer ausgebucht. Die Fans klassischer Musik mögen ihn wegen seines klaren Tons, die Rockfans wegen des Hangs zum Cross-over, die Popfans wegen der Leidenschaft für große Gesten - und besonders Frauen sind von seinem Äußeren begeistert. Und daran haben sicher auch die glatten Haare einen Anteil.

"Ich bin doch nicht verrückt!"

Als wir uns nur wenige Minuten später auf Gleis 7 treffen ("Hauptbahnhof, tief"), muss ich einsehen, dass Elke recht hatte: David hat bereits sein drittes Erinnerungsfoto mit fremden Frauen geschossen. Er lächelt unendlich geduldig in Digitalkameras und sagt immer: "Na klar." Noch ein Foto, noch einmal lächeln, Hände über die Schultern der Frauen gelegt. Elke hält nach dem Zug Ausschau. David läuft, nein, schlurft ihr hinterher, trägt seine Geige auf dem Rücken. Eine echte Stradivari. In sechs Jahren wird sie 300 Jahre alt sein. Wird er das feiern? "Nö, wie feiert man den Geburtstag einer Geige? Ich bin doch nicht verrückt." Wir steigen in den Zug, Speisewagen, vier Sitze. Für Elke, David, die Geige und mich. Wir legen unsere drei Telefone auf den Tisch. Er sagt, dass sein iPhone (weiß) aufgeladen werden muss. Elke fragt die Kellnerin. Problem: erledigt. Die Kellnerin hält das Mobiltelefon wie ein besonders zerbrechliches Geschenk. Hat sie ihn erkannt? Als sie zurückkommt, bestellen beide bei ihr eine Portion Rührei (Elke: "mit Lachs", David: "mit Lachs"), und er fügt noch an, dass er kein Weißbrot haben möchte. Gesund leben ist gerade wichtig. Elke nickt. Dann lächelt David für einen Moment still vor sich hin, nicht nur mit dem Mund, sondern mit dem gesamten Gesicht.

Der Zug setzt sich in Bewegung, wir fahren am Regierungsviertel vorbei, Kanzleramt, Tiergarten. David erzählt, dass er eine Wohnung hier in der Nähe gefunden hat, zusammen mit seinem Bruder. Es gibt eine Badewanne und einen kleinen Balkon. Aber viel wichtiger war für ihn die Nähe zur Philharmonie. Dort hat er schon ein paar Mal gespielt. So richtig heimisch fühlt er sich in Berlin noch nicht. Die Wohnung muss noch eingerichtet werden, bis dahin schläft er im Hotel. Außerdem sei es schwierig für ihn, neue Freunde kennenzulernen. "Das liegt sicher auch an mir", sagt er. Er gehe nicht mehr so unbefangen auf Menschen zu. "Klar, wenn ich will, kann ich immer Sex haben, aber darum geht es mir jetzt nicht mehr."

Ich wechsle das Thema und frage ihn nach seiner Eitelkeit, nach dem GHD und was das alles soll mit seinen glatten Haaren. Er sagt: "Wenn ich die Haare nicht glätte, dann habe ich solche Locken wie du." Das wolle er nicht, wenn er fotografiert wird. Er selbst habe kein Glätteisen zu Hause. "Ich bin sonst nicht mehr oder weniger eitel als andere", sagt er, "aber es ist doch normal, dass ich kontrollieren will, wie ich auf Fotos rüberkomme, oder?" Dann wechselt er wieder das Thema und sagt: "Das ist wie bei einem ersten Date mit einer schönen Frau - da willst du den bestmöglichen Eindruck machen."

So langsam fällt auf, dass er von jedem Thema auf sein Lieblingsthema "Frauen" umlenkt. Damit pflegt er ein Image, das die Boulevardblätter von ihm und seinem Umgang mit Frauen erschaffen haben. Dort steht dann: "Er fiedelt sich in ihre Herzen" oder "David hat den Bogen raus" oder "Geigen-Gott liebt ,Playboy'-Model". Er selbst aber habe gar nichts gegen dieses Image. Nur Übertreibungen mag er nicht. "Irgendwo stand mal, ich hätte acht Freundinnen gleichzeitig, aber das war Quatsch." Insgesamt aber hält er das Reden über Frauen einfach für ein schönes Thema. "Nicht jeder will mit mir schließlich über meine Musik reden."

Dabei ist gerade die wieder ein Thema: Soeben hat er seinen zweiten Echo bekommen, davor ist sein elftes Studioalbum "Rock Symphonies" erschienen und gleichzeitig die dazugehörige Live-DVD - aufgezeichnet in der Berliner Wuhlheide. Euphorisch sei die Stimmung dort gewesen. Er spielt klassische Stücke und Orchesterversionen bekannter Hits wie "Smells Like Teen Spirit" oder "Hey Jude". Das letzte Stück spielt er in die Sommernacht hinein, der Fernsehturm leuchtet im Hintergrund. Die 16 000 Berliner jubeln ihm zu, und seine Ansagen funktionieren perfekt. Bei seiner ersten DVD-Aufnahme hat er noch gesagt: "Es ist schön, hier im Münchner Tempodrom zu spielen." Richtige Halle, falsche Stadt.

Einen Buhruf, sagt er im Zug nach Hamburg, habe er noch nie gehört. Auf der Bühne achtet er auf Perfektion, egal, ob er Klassik oder Rock spielt. Zur Kunst gehört Disziplin. Das hat er auch durch seine Erziehung gelernt. Einmal habe er 40 Grad Fieber gehabt. Seine Mutter, eine ehemalige Primaballerina, sagte: "Hier hast du ein Aspirin, und jetzt raus auf die Bühne mit dir." Ein anderes Mal sei er auf eine Biene getreten. "Ich war allergisch gegen das Gift, habe überall gezittert, und beide Füße sind angeschwollen." Sogar die Schuhe des Vaters waren zu groß "für den Bengel", also ging David in Socken auf die Bühne. Elke: "Schrecklich, die Geschichte kannte ich gar nicht."

David weiß, dass er seinen Eltern einen Großteil seiner Karriere zu verdanken hat. Dieser Unterricht in Härte gegen sich selbst hat letztlich dazu geführt, dass David Garrett bis heute kein Konzert, keinen Termin abgesagt hat. Schon in seiner Kindheit habe er viele Geburtstage allein in Hotels verbracht und kann sich heute an keine Freunde aus Kindertagen erinnern. In der WDR-Sendung "Zimmer frei" richteten ihm die Moderatoren deshalb ein "Kindergeburtstagszimmer" ein. Dort saß David dann auf einer riesigen Plastiktorte, umgeben von Konfetti und erklärte der Moderatorin Christine Westermann, warum sie mit ihm kein Mitleid haben müsse. "Meine Eltern haben immer gesagt, dass ich eine Verantwortung meinem Talent gegenüber habe. Sie hatten recht."

Und immer wieder die Frauen

Diese Wunderkind-Kindheit war auch daran schuld, dass er in praktischen Dingen keine Ahnung hatte, als er mit 19 Jahren in New York sein Studium an der Juilliard School of Music begann. Er musste lernen, sich mit Einkaufen und Mietverträgen selbst auseinanderzusetzen. Und dann: Mobiltelefone, Online-Netzwerke, das moderne Leben. Hat er ein Facebook-Profil? "Ich habe neun", sagt er. "Aber nur eines ist echt." Er musste sich irgendwann schützen, denn vor ein paar Monaten hatte eine Freundin von ihm 150 Fotos online gestellt. Er war zuvor mit ihr feiern gewesen. "Ich habe ihr gesagt, dass sie die Fotos nicht veröffentlichen soll." Diese Frau ist jetzt keine Freundin mehr von ihm. Weder bei Facebook, noch sonst irgendwo.

Die Zugfahrt ist bald zu Ende, die Kellnerin räumt die Teller ab. Elke tippt etwas auf ihrem Telefon. Ich frage ihn nach seinem Lieblings-iPhone-Spiel. Er fragt zurück: "Was meinst du mit Spielen?" Elke schaltet sich ein und zeigt eine kleine blaue Katze auf ihrem Display. "Schau mal, die heißt Tom und ist mein Liebling, ich kann sie streicheln und schlagen, nur virtuell." Dann prügelt Elke mit ihrem Zeigefinger auf das Zeichentricktier ein, bis es am Boden des Bildschirms liegt. "Dann sagt sie: "Ooooch, komm mal hoch, komm." Dann führt sie noch einen Trick vor: "Tom, sag dem Onkel Guten Tag." Die Computerkatze sagt mit Piepsstimme: "Sag dem Onkel Guten Tag." David lacht. Er selbst nutzt sein Telefon nur zum Telefonieren und Nachrichten-Schreiben.

Von der guten Stimmung am Tisch offenbar ermutigt, dreht sich plötzlich der Mann hinter Elkes Rücken um. Ob David wohl ein Autogramm ...? Elke nickt, greift wortlos in ihre Tasche, gibt David wortlos mehrere Autogrammkarten und einen Silberstift. David: "Na klar - für wen denn?" Dann schreibt er: für Lotte, für Sofia. Die Kellnerin kommt dazu, sagt: "Ach, wenn Sie schon dabei sind, für meine Tochter Jaqueline - ohne c." Sie wollte nicht beim Essen stören. Dann meldet sich noch jemand (für Laura) und schließlich der Kollege der Kellnerin, der zu schüchtern war, selbst zu fragen. Für Sandra.

Nachdem David Garrett fünf Frauen mit seinem Silberstift glücklich gemacht hat, ertönt die Durchsage, dass wir bald Hamburg erreichen. Wir packen zusammen. David geht der Kellnerin hinterher, um sein Mobiltelefon zurückzubekommen. Als wir allein sind, frage ich Elke, ob sie in den vier Jahren ihrer Zusammenarbeit sich schon einmal über David geärgert habe. Sie überlegt kurz, dann erzählt sie: "Als er seinen ersten Echo bekommen hatte, saß er morgens am Frühstückstisch und hat sich einfach so ein Stück von meinem Rührei genommen. Mann, war ich sauer. Da hätt ich ihm mit meiner Gabel in die Hand stechen können. ,Wenn du was willst, kannst du fragen', habe ich ihm gesagt." Er hat das nie wieder gemacht. Als wir aussteigen, sagt Elke: "Mach eine nette Überschrift, ja?" David sei ein sooooo netter Kerl.

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