Waldschutzprojekt

Berliner Staatskapelle gibt erstes Klimakonzert

Der indische Dirigent Zubin Mehta leitet die Staatskapelle und wirbt für ein Waldschutzprojekt in seiner Heimat. Die Einnahmen des Sonntag-Konzertes im Schiller-Theater werden daher an den WWF gehen.

Foto: picture-alliance/ obs

"Moment", ruft Zubin Mehta, da stehe ich bereits wieder im Wintermantel im Dirigentenzimmer, "wir müssen noch über das Benefizkonzert reden!" Das erste Klimakonzert der Staatskapelle zugunsten eines Waldschutzprojektes in Indien ist ihm wichtig. Leidenschaftlich erklärt Mehta den Unterschied zu den abgeholzten Regenwäldern in Brasilien, in Indien geschehe es wegen des Bevölkerungswachstums. Über Indien, Drogen, Wagner in Israel und Barockmusik befragte Volker Blech den Stardirigenten.

Morgenpost Online: Rocksänger Freddy Mercury, Schriftsteller Salman Rushdie, Politiker Feroze Gandhi und Sie verbindet, dass sie alle aus der altpersischen, dem Zoroastrismus verpflichteten Minderheit der Parsen…

Zubin Mehta: Salman Rushdie ist kein Parse. Er ist Moslem, ein guter Freund.

Morgenpost Online: Und die Queen-Ikone Mercury?

Zubin Mehta : Ja, aber ich habe ihn nicht gekannt und es erst aus seiner Todesanzeige erfahren. Er hieß Faredun Bulsara und war ein echter Parse.

Morgenpost Online: Sie sind nicht zufälligerweise verwandt?

Zubin Mehta: Nein, nein, obwohl wir alle irgendwie miteinander verwandt sind. Wir sind so wenige in der Welt. Einer davon ist mein Vetter Bejun Mehta, der ein Weltklasse-Countertenor ist und gerade zeitgleich an der Staatsoper probiert.

Morgenpost Online: Mit der indischen Kultur verbinden wir vor allem bunte Bollywood-Filme, Ravi Shankars Sitar-Klänge, Yoga, Tantra, Mantra, Haschisch…

Zubin Mehta: Haschisch? Ist nicht indisch. Das ist mehr arabisch. Nein, wir haben ein Getränk namens Tari. Das gewinnt man aus den Palmen ähnlich wie Gummi, man lässt ein Gefäß die ganze Nacht am Baum hängen, damit es hineintropft. Wenn man davon genug trinkt, hat man einen Schwipps. Als wir in Indien ab den Vierzigerjahren die Prohibition hatten, gingen Millionen dieser Bäume ein, weil sie nicht mehr abtropfen konnten. Das war ökologisch furchtbar. Die Prohibition hat seinerzeit eine ähnliche Kriminalität wie in Amerika ausgelöst. Die ganzen Al Capones haben doch nur durch illegalen Alkohol ihr Geld verdient. Verantwortlich war übrigens ein Minister, der nach Nehru später sogar Premier wurde. Er ist dadurch populär geworden, dass er jeden Morgen sein eigenes Pipi getrunken hat. Ganz Indien hat über ihn gelacht, obwohl er es aus Gesundheitsgründen getan hat.

Morgenpost Online: In den beiden Konzerten dirigieren Sie jetzt "The Divine Song" von Naresh Sohal, das auf einer zentralen Schrift des Hinduismus basiert.

Zubin Mehta: Die Geschichten darin sind vergleichbar mit der Bibel. Er hat zwei Figuren herausgenommen: Arjuna ist der große Kriegsheld und Krishna der Kulturgott, der Flöte gespielt hat. Aber Sohal hat gewissermaßen die Rollen getauscht: Arjuna will seine Feinde, die Verwandte sind, nicht töten. Und Krishna will ihn überzeugen, nicht zuerst an die Familie, sondern an die Gesamtsituation zu denken. Es ist ein pazifistisches Stück.

Morgenpost Online: Und das ist jetzt indische Klassik?

Zubin Mehta : Aber nein. Dieses Stück mit Sicherheit nicht. Sohal lebt in London und seine Musik ist wie von einem westlichen modernen Komponisten. Er hat natürlich ein großes Flötensolo drin, nämlich wenn Krishna redet. Aber es klingt nicht indisch.

Morgenpost Online: Bei der Israel Philharmonic sind Sie seit 1969 Berater, seit 1981 Musikchef auf Lebenszeit. Was hat sich in den Jahrzehnten im israelischen Musikbetrieb am meisten verändert?

Zubin Mehta : Es ist gewachsen. Die Israel Philharmonic war 1961 das einzige Angebot in Tel Aviv. Heute gibt es eine Oper, es gibt Kammerorchester, wie mittlerweile überall in Israel. Und warum ist das so? Weil Hunderte von Musikern aus Russland kamen. Unser Orchester hat über 60 Prozent Mitglieder aus der Ex-Sowjetunion. Aber auch das Theaterwesen hat sich enorm entwickelt. Museen sind gestiftet worden, von Amerika und auch Europa aus. Israel ist wirklich ein Kulturstaat geworden.

Morgenpost Online: Und immer wieder bricht die Diskussion auf, ob Wagners Werk im Konzert gespielt werden darf oder nicht.

Zubin Mehta : Es ist kein Aufreger, wir spielen es einfach nicht. Aber wir müssen es, und wir werden es in Zukunft spielen. Das kann ich versprechen. Ich war der erste, der 1981 Wagner aufführte. Auch Daniel Barenboim hat es versucht. Vor drei Jahren haben wir erneut ein Education-Programm annonciert. Aber dann gab es wieder eine politische Krise, und die Musiker meinten, jetzt sei die Zeit schlecht dafür. Daraufhin haben wir es wieder abgesagt, obwohl die Sänger bereits angereist waren.

Morgenpost Online: Gab es zuvor eine Abstimmung im Orchester wie beim ersten Mal?

Zubin Mehta : Nein, diesmal nicht. Sie wollen das spielen. 1981 waren es auch nur zwei Musiker, die es abgelehnt haben. Sie hatten die Lager überlebt. Andere Überlebende haben gespielt. Es entscheidet jeder für sich selbst. Auch 1971, als wir das erste Mal nach Deutschland kamen, wollten nur zwei Musiker nicht mitkommen. Wagner ist kein Konfliktthema unter Musikern. Und das staatliche Radio spielt Wagner bereits seit 40 Jahren. Das heißt, es ist keine Regierungspolitik, Wagner nicht zu spielen. Aber es ist eine allgemeine Tradition, dass, so lange es noch Menschen mit tätowierten Nummern auf dem Arm gibt, die Wagner im Lager hören mussten, man sie damit nicht beleidigen möchte.

Morgenpost Online: Sie sind in der Position, sich aussuchen zu können, was Sie dirigieren wollen. Am Schiller-Theater machen Sie dieser Tage die "Fledermaus", im Konzert Beethoven und ein indisches Stück. Gibt es Werke, die Sie nicht mehr dirigieren wollen?

Zubin Mehta: Ich habe immer dirigiert, was mir liegt und wozu mich meine Ausbildung in Wien gebracht hat. Dort gab es zu meiner Zeit beispielsweise keine Tradition für Barockmusik. Mit den Experten heute will ich mich nicht anlegen, also vermeide ich Barockmusik. Ich habe mich aber immer auch für zeitgenössische Musik eingesetzt.

Morgenpost Online: Ihr Vater Mehli Mehta ist Gründer des Bombay Symphonie Orchestra und damit einer neuen Tradition in Indien. Was würden Sie denn gerne gründen?

Zubin Mehta : Ja, mein Vater war jahrelang der Konzertmeister, dann hat er es auch dirigiert. Ich führe seine Arbeit in Bombay weiter, indem ich eine Stiftung in seinem Namen halte. Wir haben gerade eine Schule gegründet und unterrichten über 200 kleine Talente. Das ist mir sehr wichtig.

Schiller-Theater, Bismarckstr. 110, Charlottenburg. Tel.: (030) 20354555. Zubin Mehta dirigiert die Staatskapelle am Sonnabend um 20 Uhr und am Sonntag um 10.30 Uhr im Benefizkonzert für die Klimaschutzstiftung NaturTon.

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