Oper in Not
Deutsche Oper bleibt Berlins kulturelles Sorgenkind
Im Kulturausschuss des Abgeordnetenhauses gab die Deutsche Oper eine Solovorstellung. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit ergriff nur einmal das Wort: Um klarzustellen, dass es für das Not leidende Opernhaus nicht mehr Geld geben wird.
Von Stefan Kirschner
"Aufbruch und Ärgernis" lautete der Titel einer Diskussionsveranstaltung zur Situation der Berliner Opern vor einer Woche. Am Montag fand sie ihre Fortsetzung im Kulturausschuss des Abgeordnetenhauses. Weniger leidenschaftlich als im Radialsystem V, eher kühl, was möglicherweise daran lag, dass es im Ausschuss lediglich eine Solo-Vorstellung der Deutschen Oper gab. Denn die ist das aktuelle Sorgenkind.
Bekanntlich spielt der Rosenmontag in Berlin eine Nebenrolle, aber dass die Anhörung so sachlich, nüchtern und sogar ein bisschen frostig ablief, überraschte dann doch. Offenbar waren alle Beteiligten mit dem festen Vorsatz angetreten, dass jeder auf jeden Fall sein Gesicht wahren kann. Auch wenn letztlich nichts anderes für die Deutsche Oper heraussprang. Klaus Wowereit, der amtierende Kultursenator, ließ sie gewissermaßen im Regen stehen – aber verzichtete zumindest auf einen süffisanten Hinweis darauf, wo man Schirme erwerben kann.
Das Schweigen des Regierenden
Anlass für Nachfragen gab es reichlich, aber die ließ Intendantin Kirsten Harms abperlen. Und Wowereit schwieg auffällig lange. Nur ein einziges Mal während der Anhörung ergriff er das Wort. Um klarzustellen, dass es nicht mehr Geld gibt. Nicht für die Deutsche Oper, nicht für die beiden anderen Häuser – und auch für andere Kultureinrichtungen dürfte eine Etat-Aufstockung im Rahmen des kommenden Doppelhaushalts schwierig werden. Das sei angesichts der in diesem Jahr vermutlich dramatischen Einbrüche bei den Steuereinnahmen illusorisch, betonte Wowereit. "Bei allen Problemen, die wir auch in allen anderen Kulturbereichen haben, hier jetzt noch mehr Geld zu fordern oder zuzusagen, dazu fehlt mir die Fantasie." Wowereit erinnerte daran, dass man in der Politik eine Schuldenbremse befürwortet habe. "Aber jeder Kulturschaffende, der im Rahmen der Haushaltsberatung 2010 zu mir kommt, sagt, er braucht mehr Geld."
In gewisser Hinsicht muss Wowereit damit die Geister bändigen, die sein Kulturstaatssekretär André Schmitz rief. Denn der hatte sich erst kürzlich dafür ausgesprochen, dass das Land Berlin die ab 2010 anfallenden Tarifsteigerungen für die Kultureinrichtungen ausgleichen solle. Einer Forderung, der sich gestern auch Alice Ströver, die kulturpolitische Sprecherin der Grünen, anschloss: "Die Landesbühnen müssen seit 14 Jahren die Tarifsteigerungen selbst tragen. Es wird Zeit, das sie jetzt einen Ausgleich dafür bekommen."
Was diese absehbare zusätzliche Belastung für ein personalintensives Haus wie die Deutsche Oper bedeutet, darüber schwieg sich Kirsten Harms gestern aus. Hatte doch Wowereit schon im Vorfeld erklärt, dass die 20 Millionen Euro, die die drei Opernhäuser und das Staatsballett nach einer Initiative der Bundesregierung ab 2008 zusätzlich bekommen, auch dazu da seien, Vorsorge für Tarifsteigerungen zu treffen. Auch deshalb stieß der Hilferuf von Kirsten Harms – die Intendantin hatte im Januar die Politik in einem dramatischen Appell um Hilfe bei der "strukturellen Unterfinanzierung" ihres Hauses gebeten – beim Regierenden und anderen Kulturpolitikern auf taube Ohren.
"Erfreuliche Entwicklung"
Gestern nun sprach Kirsten Harms bei der Anhörung von einer "überaus erfreulichen Haushaltsentwicklung" an der Deutschen Oper. Das noch im Januar von ihr prognostizierte Defizit von 800.000 Euro schmolz auf 76.000 Euro zusammen. Geschäftsführer Axel Baisch rechnet auch in 2009 mit einem ausgeglichenen Wirtschaftsplan.
Der geht allerdings auf Kosten der Beschäftigten und der Aufführungen. Frau Harms kündigte an, dass zu den bereits jetzt nicht besetzten 42 Stellen in diesem Jahr weitere 12 hinzukommen. Außerdem soll es in der Spielzeit 09/10 nur noch vier Premieren geben, die Kinderoper fällt ganz aus und die Zahl der Vorstellungen "wird von 175 auf 155 reduziert". Angesichts einer "beispiellos knappen Personaldecke wirkt sich die Stellensperre verheerend aus", sagte die Intendantin. Eigentlich seien nur 140 Vorstellungen möglich, betonte Frau Harms, und konnte sich einen kleinen Seitenhieb auf die finanziell besser gestellte Staatsoper nicht verkneifen, indem sie darauf hinwies, dass Unter den Linden nur 130 Opernvorstellungen über die Bühne gingen.
Gastspiele ohne Gewinn
Ein Vertreter der Belegschaft der Deutschen Oper sprach im Kulturausschuss von einer "großen Unruhe" unter den Kollegen.
Der im Sommer aus dem Amt scheidende Generaldirektor der Opernstiftung, Stefan Rosinski, rechnet damit, dass die reduzierte Vorstellungszahl zu einer Steigerung der durchschnittlichen Auslastung von 63 auf 70 Prozent und damit zu Mehreinnahmen in Höhe von gut 700.000 Euro führt. Er schlug vor, eine Arbeitsgruppe einzurichten, die das finanzielle Potenzial der Deutschen Oper prüfen und dabei verschiedene Spar-Szenarien vorschlagen soll.
Ernüchternd fiel die Bilanz der Gastspiele beziehungsweise Koproduktionen aus: Die Reise der Deutschen Oper nach China im Herbst war laut Geschäftsführer Baisch zumindest kein Zuschussgeschäft wie die "Porgy und Bess"-Koproduktion im vergangenen Sommer: Die war zwar zu 78 Prozent ausgelastet, hat aber dennoch zu einem Defizit von 42.000 Euro geführt. Aber dafür neue Publikumskreise eröffnet. Möglicherweise zahlt sich das ja noch in dieser Spielzeit aus.
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