20.02.09

Kritiker-Auszeichnung

Stasi-Stück erhält Friedrich-Luft-Preis der Morgenpost

Der Friedrich-Luft-Preis 2008 der Berliner Morgenpost geht an das Projekt "Staats-Sicherheiten" am Potsdamer Hans Otto Theater. Die Jury bezeichnete das Stück als eine "bewegende Geschichtslektion". Denn 15 frühere Häftlinge aus Stasi-Gefängnissen erzählen darin von ihrem Schicksal.

Von Stefan Kirschner
Foto: Stefan Gloede

Das Potsdamer Hans Otto Theater hat den Opfern eine Stimme gegeben – und zugleich ein berührendes Stück Dokumentartheater geschaffen: In "Staats-Sicherheiten" kommen 15 ehemalige Häftlinge aus den Stasi-Gefängnissen Berlin-Hohenschönhausen und Potsdam Lindenstraße zu Wort.

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Ex-Stasi-General Werner Großmann stellt seine Memoiren vor, frühere Stasi-Mitarbeiter "sprengen" durch ihr Auftreten eine Diskussion in Lichtenberg: Die DDR-Täter von einst verstecken sich längst nicht mehr. Selbst vor der Verhöhnung ihrer Opfer schrecken sie nicht zurück.

Das Potsdamer Hans Otto Theater hat den Opfern eine Stimme gegeben – und zugleich ein berührendes Stück Dokumentartheater geschaffen: In "Staats-Sicherheiten" kommen 15 ehemalige Häftlinge aus den Stasi-Gefängnissen Berlin-Hohenschönhausen und Potsdam Lindenstraße zu Wort. Sie schildern ihre traumatischen Erlebnisse, berichten von Verhaftung, Verhören, von ihren Schmerzen, Verlorenheiten und den Überlebensstrategien.

Die Betroffenen stehen selbst auf der Bühne. Sie erzählen ihre Geschichten nüchtern, gleichsam privat, ohne anklagenden Unterton. Regisseur Clemens Bechtel hat das biografische Material in knappe Szenen gefasst. Bechtel, 1964 in Heidelberg geboren, ist Absolvent des Gießener Instituts für Angewandte Theaterwissenschaften – gewissermaßen die Keimzelle der Renaissance des dokumentarischen Theaters.

Am Anfang steht Liedermacher Stefan Krawczyk allein auf der leeren Bühne und spielt Maultrommel. Nach und nach treten die anderen hinzu. Prominente wie die ehemalige Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld, die im Januar 1988 auf der Liebknecht-Luxemburg-Demo in Ost-Berlin verhaftet wurde. Oder die frühere DDR-Fernsehmoderatorin Edda Schönherz, die für ihren Fluchtversuch drei Jahre ins Gefängnis musste.

Die Stärke der "Staats-Sicherheiten" liegt in seiner Authentizität

Als "beste in Berlin und Potsdam herausgekommene Aufführung des Jahres 2008" erhält "Staats-Sicherheiten" den mit 7500 Euro dotierten Friedrich-Luft-Preis der Berliner Morgenpost. Die siebenköpfige Jury bezeichnete das nach einem Konzept von Lea Rosh und Renate Kreibich-Fischer realisierte Projekt als eine bewegende Geschichtslektion. Die Stärke der "Staats-Sicherheiten" liege in seiner Authentizität. "Ein Abend jenseits des konventionellen Theaterbetriebs, der die Zuschauer gleichermaßen berührt und aufrüttelt."

Die Entscheidung fiel einmütig nach intensiver Diskussion. Insgesamt waren in diesem Jahr acht Inszenierungen für den Theaterpreis der Berliner Morgenpost nominiert, sieben davon aus der Bundeshauptstadt. Gleich zweimal war Regisseur Jürgen Gosch dabei, der mit seinen beiden Tschechow-Inszenierungen gewissermaßen das Berliner Theaterjahr rahmte: Sowohl "Onkel Wanja" als auch "Die Möwe" waren in der Endrunde vertreten, außerdem noch Dimiter Got8scheffs "Das Pulverfass", eine Koproduktion des Deutschen Theaters und der Berliner Festspiele.

Luft-Preis geht erstmals in die brandenburgische Landeshauptstadt

Mit der Auszeichnung einer Produktion des Hans Otto Theaters (HOT) geht der Friedrich-Luft-Preis zum ersten Mal in die brandenburgische Landeshauptstadt. Die erste Reaktion von Intendant Uwe Eric Laufenberg: "Super. Das ist ganz großartig."

Laufenberg leitet das Hans Otto Theater seit 2004. Weil der Theaterneubau am Tiefen See erst zwei Jahre später bezugsfertig war, machte er aus der Not einen Tugend und ließ unter dem Motto "Unterwegs" ungewöhnliche, gleichsam spannende Orte in der ganzen Stadt wie das leerstehende Palais Lichtenau oder die Französische Kirche bespielen. Seine Erfahrungen mit improvisierten Spielorten dürften ihm auch bei seinem neuen Job zu Gute kommen: Im Sommer wechselt Laufenberg als Intendant an die Oper Köln. Das Gebäude soll in den Jahren 2010 bis 2013 generalsaniert werden.

In Potsdam hat Laufenberg das Theater, das wegen der ungeliebten, jahrelang genutzten provisorischen Spielstätte im Bewusstsein der Potsdamer schon an den Rand gerückt war, wieder ins Zentrum zurückgeholt. Mit märkischen Stoffen, mit prominenten Schauspielern, aber auch mit zeitgeschichtlichen Themen wie den "Staats-Sicherheiten".

"Aber wie hält man das aus, keine Bücher, nichts zu schreiben?", fragt Hans-Eberhard Zahn, der sieben Jahre inhaftiert war. "Ich habe alle Gedichte rezitiert, die ich jemals gelernt hatte." Und prompt trägt der 80-jährige Zahn in "Staats-Sicherheiten" ein Shakespeare-Sonett vor.

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