Kent Nagano

Meine Erinnerung an Olivier Messiaen

An diesem Mittwoch vor 100 Jahren wurde der französische Komponist Olivier Messiaen (1908-1992) geboren. Er schrieb zahlreiche wichtige Werke für die Orgel – und bedeutende Opern. Für Morgenpost Online würdigt der amerikanische Dirigent Kent Nagano seinen ehemaligen Lehrer.

Foto: picture-alliance / akg-images / akg

Gerade habe ich eine Pause zwischen zwei Aufführungen von "Saint Francois d'Assise" - die ersten übrigens in Kanada. Die zweite wird in den 100. Geburtstag ihres Schöpfers hineinklingen, weil sie bis nach Mitternacht geht. Wir haben auch fast alle nordamerikanischen Messiaen-Schüler hier, etwa 15 Leute, die alle in Paris bei ihm studiert haben. Man weiß bei diesem Stück nie, wie es wirklich ankommt, aber wir hatten großen Erfolg. Sicher hat es geholfen, dass es hier einen sehr katholischen Bevölkerungsteil gibt, aber es war eben nicht nur das.

Die Uraufführung, bei der ich assistiert habe, ist jetzt 25 Jahre her, und es ist unglaublich zu spüren, wie stark nicht nur meine Erinnerung daran noch wach ist und was für einen doch unerwarteten Einfluss dieses Werk auf die Oper generell und auf jüngere Komponisten gehabt hat.

Damals war es komplett neu, Messiaen wusste selbst nicht, wie die Reaktionen darauf sein würden. Vielen Komponisten ist danach die Form der Oper wieder näher gerückt. Das ist eigentlich das schönste Erbe, das Messiaen uns hinterlassen hat.

Natürlich kann sich das Publikum mit seinem Werk auch deshalb identifizieren, weil es in seiner Einbeziehung des Katholizismus wie eben auch der Vögel als Gottes Schöpfung einzigartig ist, gut in unsere nach einem Glauben suchende Zeit passt.

Aber das ist es nicht allein. Aus diesem Grund gibt es nicht so viele Aufnahmen etwa der "Vingt regards sur L'Enfant Jesus", die allein im letzten Jahr durchschnittlich zweimal pro Woche irgendwo auf der Welt gespielt worden sind. Auch der 100. Geburtstag mit seinen Möglichkeiten, die Beziehung zu einem Künstler, seine Wertigkeit zu überprüfen, hat das nicht allein möglich gemacht. Das kann nur die Qualität dieser Musik als solche sein.

Ich erinnere mich immer noch sehr gern an Olivier Messiaen und seine Frau Yvonne Loriod als ungemein freigiebige Menschen, denen ich sehr viel an praktischem Wissen verdanke. Er war die meiste Zeit seines Lebens nicht Kompositions-Professor, sondern lehrte Analyse und Ästhetik, das heißt er vermittelte die Musik anderer - und das hat er ganz wunderbar vermocht.

Ich als jemand aus der Neuen Welt habe bei beiden sehr viel über die Alte Welt gelernt. Und auch über die Provence! Als wir einmal ein Konzert in Avignon hatten und der Mistral wütete, Noten davonflogen, sogar ein Fagott und der Flügeldeckel, da sagte er nur, allein im Regen stehend, alle waren längst geflüchtet: "Warum hört ihr auf, es ist doch nur das Wetter!"

Der Autor ist Musikchef der Bayerischen Staatsoper und Chefdirigent des Orchestre Symphonique de Montréal. In den frühen Achtzigerjahren studierte er bei Olivier Messiaen.

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