Berlinale
Renée Zellweger und die gemeinen Po-Grabscher
Mittwoch, 3. Februar 2010 15:12 - Von Peter ZanderSie ist mal wieder verwirrt: In "My One and Only" spielt Renée Zellweger eine Mutter, die mit ihren beiden Söhnen quer durch das Land fährt, weil sie ihren Mann mit einer anderen Frau erwischt hat. Das klingt tragisch und konstruiert, ist aber erstaunlich lustig – und beruht auf einer wahren Geschichte.
„Schau nicht zurück“. Dieser Rat einer Mutter, aufs Leben betrachtet, ist vielleicht nicht der schlechteste. Ihn ihrem halbwüchsigen Sohn zu geben, als der gerade Auto fahren will und in den Rückspiegel schaut, ist dagegen pädagogisch vielleicht nicht ganz so ratsam. Gleichwohl gibt dieser Ratschlag die Richtung vor für so ziemlich jedes Roadmovie, ja für das Genre schlechthin. Geht es darin doch um den Aufbruch, der immer auch ein Abbruch ist, um das Fortkommen.
Ann Devereaux, diese schöne, aber leicht exaltierte Blondine, will mit ihren Söhnen George und Robbie um jeden Preis weg, nachdem sie gerade ihren Mann mit einer anderen im Bett erwischt hat. George, noch Teenager, darf mit dem letzten Geld aus der Bank einen nagelneuen Cadillac Eldorado kaufen. Und auf geht’s, zu dritt, fort aus New York und quer durch die USA. Aber nicht nur die drei sind on the road, sondern auch der Vater, ein Jazz-Musiker, der dauernd auf Tournee ist und ihnen nicht selten begegnet.Nun schreiben wir – das sagt uns nicht nur dieser Cadillac, das sagen uns auch schon die ganzen Werbeplakate und Radiosongs, die Kennedys und Atombombentests im Vorspann – die Fünfzigerjahre. Und in jener stockkonservativen Zeit war es noch nicht so ganz selbstverständlich, als Dame selbstständig zu sein. Die Mutter zieht deshalb von Stadt zu Stadt, und von einem Mann zum nächsten. Einfach eine Arbeit anzunehmen, doch, das versucht sie schon auch. Einmal. Als Kellnerin.
Aber beim ersten Kunden, der ihren Po begrabscht, weiß sie sich zu wehren – und wird sofort gefeuert. Also hält sich die an Luxus gewöhnte Dame an alte und neuere Bekannte, um ihr Glück zu versuchen. Landet dabei aber unentwegt bei Bankrotteuren, Despoten, Heiratsschwindlern oder Detektiven, die Prostituierten auflauern. Und so geht es immer weiter von der Ostküste Richtung Kalifornien.
Kleiner Running Gag: Der jüngere Sohn macht in jeder Stadt bei Theaterproben mit, schafft es aber nie zur Premiere. Und einmal, als es doch dazu kommt, in St. Louis, wird das Stück nach seinem ersten Satz abgebrochen: wegen einer Tornado-Warnung. Der ältere Bruder aber, George, sehnt sich nach Halt. Und Alltag. Er lernt die Menschen vor Ort kennen, mag sie nicht verlieren. Und gerät immer häufiger mit seiner Mutter aneinander.
Klingt nach reichlich Tragödie. Und ist doch herzlich komisch erzählt. Klingt auch reichlich konstruiert. Und basiert doch auf einer wahren Geschichte. Denn am Ende, in Hollywood angekommen, als Bruder Robbie vor einer Filmkamera versagt, macht George ihm vor, wie man den Westerner spielt, wird an seiner Statt unter Vertrag genommen und nennt sich nach dem richtigen Namen seines Vaters: Hamilton.
Ein großer Star freilich war er nie. Seine Geschichte aber sollte schon lange verfilmt werden, zehn Jahre lang zirkulierte der Stoff durch mehrere Studios – ohne Erfolg. Am Ende haben ihn die Filmemacher, die das Projekt angekurbelt haben, einfach selber realisiert, mit Richard Loncraine, der von Anfang an immer wieder als Regisseur im Gespräch war, und mit George Hamilton selbst – als Koproduzenten.
Schade nur, dass er, der in diesem Jahr 70 wird, „My One and Only“ nicht selbst auf der Berlinale präsentiert. Denn von George Hamilton darf man wohl künftig behaupten, dass sein schönster Film einer ist, in dem er gar nicht mitspielt. Und doch geht es in jeder Sekunde um ihn. Und um seine Mama. Eine Art Americana-Version von „Alles über meine Mutter“.Ein durchgeknallter Trip durch die Nation und jenes Jahrzehnt, in der die Reise, wie so oft in diesem Genre, das eigentliche Ziel ist. Ein Roadmovie, aber auch ein Drama des Erwachsenwerdens und eine Frauenemanzipationsgeschichte obendrein. Und das alles in einem einzigen Film. Zusammen gehalten wird er von einer überragenden Renée Zellweger. Die ist so etwas wie ein Dauergast auf der Kosslick-Berlinale. Sie war hier schon 2003 mit „Chicago“ und 2004 mit „Unterwegs nach Cold Mountain“.
Kritiker monieren gerne, dass sie immer denselben Typus darstelle und dabei, mit Verlaub, ein wenig enerviere. Nun, das tut sie auch in diesem Fall. Und doch muss man umlernen. Wie George (überragend als ihr gebranntes Kind: Logan Lerman) lernt auch der Zuschauer diese Rabenmutter erst langsam zu schätzen und zu lieben. Und steigt dann, obwohl schon ausgestiegen, doch wieder ein in diesen Familiencadillac.„Schau nicht zurück“: Das ist am Ende also doch kein so guter Ratschlag. Diese biographische Rückschau jedenfalls erweist sich jedenfalls als humorvoller und warmherziger Film, der beileibe nicht nur George Hamilton selbst erfreut.
Erschienen am 12.02.2009














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