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10.02.09

Berlinale

Michelle Pfeiffer beweist in "Cheri" Mut zur Falte

Die Briten bescheren dem Berlinale-Wettbewerb in diesem Jahr zwei große Höhepunkte. Michelle Pfeiffer stellt in "Cheri" ihr Alter äußerst mutig zur Schau. Der Favorit auf den Goldenen Bären, "London River", erzählt von Eltern, die fürchten, dass ihre Kinder bei einem Anschlag ermordet wurden.

DPA

104 Bilder

Der sechste Berlinale-Tag gehörte ganz den Briten. Die Insel war schon einmal im Wettbewerb vertreten, am Sonntag mit Sally Potters "Rage", eine formal hochinteressante, aber inhaltlich nicht überzeugende Abrechnung mit der Modewelt. Nun, am Dienstag, liefen zwei Beiträge, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten und die doch das Publikum zu Tränen rührten und hohe Anwartschaften auf die Bären stellen.

Der eine ein opulenter, mit jedem Atemzug auf großes Kino setzender Ausstattungsfilm, der andere ein stilles Kammerspiel, das auf kleine, quasidokumentarische Beobachtung setzt. Der eine ein Film, den ein in London lebender Regisseur in Paris, der andere einer, den ein in Paris geborener Regisseur in London gedreht hat.

Beginnen wir mit letzterem. "London River" handelt, ähnlich wie am Montag der US-Beitrag, von einem Seitenaspekt von Katastrophen und Kriegsmeldungen. Wir alle kennen, ob Irakkrieg oder Terroranschlag, die Bilder, die Aufregung in den Medien, die Toten und Verletzten.

Die Geschichten danach, wie sie sich auf die Hinterbliebenen auswirken, werden dagegen selten erzählt. "The Messenger" handelte von dem unangenehmen Job, die Todesnachrichten gefallener Soldaten zu überbringen. "London River" handelt von Eltern, die sich sorgen, ihre Kinder könnten bei einem Sprengstoffanschlag ums Leben gekommen sein.

Es geht um die Terroranschläge in London am 7. Juli 2005. Mrs. Summers (Brenda Blethyn) sieht diese Bilder, so wie wir sie damals auch sahen, nur im Fernsehen. Instinktiv ruft die Mutter bei ihrer in London lebenden Tochter an und bittet um einen Rückruf, nur um sich zu vergewissern, dass es ihr gut geht.

Der Rückruf kommt nicht. Die Mutter sorgt sich mehr und mehr, sie reist von den Kanalinseln in die Hauptstadt, steht, zum ersten Mal, vor der Wohnung ihrer Tochter. Wartet erst bangend. Fragt dann Nachbarn und Polizisten. Klebt Suchzettel an Wände. Und geht schließlich in Krankenhäuser und Leichenschauhäuser.

Der Film handelt auch von Ousmane (Sotigui Kouyate), einem Moslem aus Frankreich, der ebenfalls auf der Suche nach seinem Sohn ist. Ousmane und Mrs. Summers begegnen sich immer wieder, allmählich dämmert ihnen, dass ihre Kinder sich nicht nur kannten, sondern dass sie sich liebten.

Zunächst ist die Witwe voller Abwehr, wenn nicht latenter Fremdenfeindlichkeit gegen den Schwarzen. Bangt, ihre Tochter könnte von seinem Sohn manipuliert worden sein. Auch Ousmane fürchtet, sein Sohn, den er nicht großgezogen hat, könnte ein Terrorist sein. Allmählich kommen sich die beiden in ihrer Sorge näher und vertrauen sich schließlich gegenseitig ihre Ängste an.

Kurz blitzt eine Hoffnung auf, die Kinder könnten einfach in Urlaub geflogen sein. Man wünscht es diesen beiden Figuren, die man so lieb gewonnen hat; aber man wünscht es nicht für den Film, der kein fades Happy End zaubern darf. Zuletzt bleiben nicht einmal Leichen, die man beerdigen könnte, nur DNA-Spuren zerfetzter Körper.

Rachid Bouchareb, Regisseur u.a. von "Little Senegal" erzählt seine Geschichte ganz einfach, ganz linear, ohne jede Regiemätzchen. Er bleibt dicht an seinen Hauptfiguren, lässt sie den Film tragen. Und erzielt so eine Wucht, der man sich kaum entziehen kann. Ein klarer Favorit für den Goldenen Bären.

Ein wahrer Gegenentwurf zu dieser Art Kino ist "Chéri". Dieser Beitrag sorgt für ein Déjà-vu auf der Berlinale: Es ist genau 20 Jahre her, dass hier "Gefährliche Liebschaften" lief, ein Film von Stephen Frears (Regie) und Christopher Hampton (Drehbuch) mit Michelle Pfeiffer. Nun, zwei Dekaden später, ist die Trias Frears/Hampton/Pfeiffer abermals in Berlin vertreten, wieder mit der Verfilmung eines französischen Romanklassikers.

Damals war es Choderlos de Laclos, diesmal ist es Colette. Damals spielte die Pfeiffer eine tugendhafte junge Frau, die von einem durchtriebenen Vicomte verdorben werden sollte. Diesmal spielt sie eine ehemalige Kurtisane, die einen von der Pariser Lebewelt verdorbenen jungen Mann nun ja, nicht gerade auf den Pfad der Tugend, aber doch auf den geebneten Boulevard des Leben führen soll.

Das wünscht sich zumindest dessen Mutter, ebenfalls eine Ex-Kurtisane (Kathy Bates). Was niemand ahnen kann: Léa de Lonval (Pfeiffer) und der halb so alte Fred (Rupert Friend), genannt Chéri, verlieben sich ineinander – eine Beziehung, die nicht mal in der Welt der Kokotten standesgemäß ist.

Wie einst bei "Liebschaften" malt Frears ein opulentes Sittengemälde. Die Belle Epoque lebt hier mit all ihrer Verschwendung, ihrer Kostümpracht und ihrem Art-Déco-Zauber wieder auf. Ohne dabei, wie das so oft geschieht bei Kostümschinken, zum alleinigen Schauwert zu verkommen. Sie ist hier lediglich Kulisse für die haarnadelscharf gewitzten Dialoge Hamptons. Um Frau Pfeiffer ist es seit Mitte der Neunziger etwas ruhiger geworden.

Die Rollen, die sie lange gespielt hatte, wurden alsbald von Calista Flockheart übernommen, die Pfeiffers Mann David Kelley in seiner Fernsehserie "Ally McBeal" deutlich nach ihrem Ebenmaß aufbaute. Zuletzt aber war Pfeiffer wieder in dem schrillen Musical "Hairspray" und im Märchenfilm "Der Sternwanderer" zu sehen: beides Mal in kleinen Rollen als böse Hexe. Ihr großes Comeback feiert die 50-Jährige nun ausgerechnet in einer Rolle, die viele Gleichaltrige dankend ablehnen würden: in der sie das Hadern mit dem eigenen Alter mutig zur Schau stellt.

Am Ende harkt Brenda Blethyn, die Gärtnerin, verzweifelt auf ihre Salatbeete ein. Michelle Pfeiffer sitzt zuletzt vor dem Spiegel und begutachtet ihre Falten. Zwei starke und doch gebrochene Frauen, die uns so bald nicht mehr aus dem Kopf gehen werden.

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