Berlinale-Auftakt
"The International" ist besser als James Bond
Besser hätte die Berlinale nicht eröffnet werden können. "The International". Als hätte Tom Tykwer die Zukunft erahnt, zeigt sein Film die hässliche Seite der Finanz- und Bankenwelt. Das ist ganz großes Kino
Von Peter Zander
Darin kommen Eleanor Whitman (Naomi Watts) und Louis Salinger (Clive Owen) den Machenschaften der Bank IBBC auf die Schliche.
Die Finanzkrise hat jetzt ein Gesicht. Ein gar nicht so unsympathisches übrigens: das von Ulrich Thomsen. Der dänische Schauspieler - man kennt ihn aus dem ersten Dogma-Film "Das Fest" - sitzt hier traut am Familientisch und spielt liebevoll mit seinem Sohn. Aber mit einem Auge wacht er immer über den aufgeklappten Laptop und gibt seine Order. Schreckliche Order. So kann, so muss man sich skrupellose Bankiers wohl vorstellen.
Die Finanzkrise hat jetzt aber noch ein anderes Gesicht: das von Clive Owen. Der ermittelt als Interpol-Agent Louis Salinger im Bankenmilieu und schaut im Zuge seiner Ermittlungen immer fassungsloser und bestürzter drein. Weil er nicht glauben kann, was er alles herausfindet. Natürlich ist uns dieses Gesicht viel lieber als das von Thomsen; denn mit diesem Mann identifizieren wir uns alle, wie er können wir alle nicht glauben, was da gerade passiert. "The International" ist damit der Film zur Stunde: ein Werk, das die Bankenkrise vorausgeahnt zu haben scheint und sie zu einem bis zur letzten Minute atemberaubend spannenden Thriller verarbeitet.
Hier stecken wirklich alle unter einer Decke
Sein Filmdebüt feiert hier, gleich zu Beginn, der Berliner Hauptbahnhof. Wo ein Mitarbeiter vor den Augen des Interpolagenten liquidiert wird. Auch wenn dann später alle behaupten, es sei ein Herzinfarkt gewesen. Als weitere Locations sehen wir das Sony-Center am Potsdamer Platz, das Phaeno Science Center in Wolfsburg, den Pirelli-Turm in Mailand und viele weitere dieser kühlen High-Tech-Glaskästen mit ihren mondänen Chefetagen. Bauten, die für ihre moderne, transparente Architektur gepriesen werden, hier aber das Gegenteil davon symbolisieren: Schaltzentralen düsterster Komplotte. Die Banken kaufen sich aggressiv in Waffensysteme ein, sie operieren mit der italienischen und der Russenmafia, mit Terroristen und Alt-Stasikadern, mit Chinesen und der ganz gewöhnlichen Kapitalflucht. "Es geht um Kontrolle", wird Salinger in einer Schlüsselszene gesagt. "Von Waffen?" fragt dieser. Ach was: Von Schulden. "Wer die Schulden kontrolliert, kontrolliert alles."
Lange Zeit sieht sich "The International" wie einer dieser Verschwörungsthriller aus dem New Hollywood der siebziger Jahre an, nur dass hier nicht eine korrupte Regierung der Drahtzieher ist, sondern ein viel komplizierteres, noch schwerer auszumachendes System hinter dem System. Wie ein Oliver-Stone-Film: Die schönste Verschwörungstheorie ist die, in der alle unter einer dreckigen Decke stecken. Dann holt der Film zu einer großen Verfolgungsjagd durch diverse Länder und Metropolen aus, deren Spannung sich in einer wüsten Schießerei entlädt - mitten im New Yorker Guggenheim-Museum, deren berühmte Wendelgänge mit Einschusslöchern geradezu durchsiebt werden. "The International", ganz klar, ist ein Knaller.
Es ist ja nicht leicht mit Eröffnungsfilmen auf Festivals. Sie müssen einen gewissen Star-Auftrieb garantieren, aber auch eingefleischte Cineasten befriedigen. Wenn möglich, sollten sie auch noch eine gesellschaftsrelevante Thematik aufweisen. Nein, es ist nicht leicht mit ihnen. Und Dieter Kosslick hat da in der Vergangenheit durchaus nicht immer ein glückliches Händchen bewiesen; von seiner ersten Berlinale an, die ebenfalls - sorry, Tom! - mit einem Tykwer-Film, "Heaven", eröffnet wurde. Jetzt geht wieder ein Tykwer an die Startposition. Und diesmal stimmt alles. Clive Owen, Armin Mueller-Stahl und Naomi Watts liefern reichlich Star-Potential (auch wenn Watts nicht anreisen kann). Das Filmgenre wird spannungsgemäß ausgereizt. Ganz nebenbei wird mit diesem Werk außerdem der Filmstandort Berlin unterstützt: Tykwers Film, der so amerikanisch aussieht, ist überwiegend in Babelsberg gedreht worden, einschließlich die Szenen im eins zu eins nachgebauten Guggenheim. Und dann wird eben auch noch die Finanzkrise auf dem Silbertablett serviert.
Dabei spielte die Erstfassung des Scripts von Eric Singer noch in den siebziger Jahren und handelte von einem Holocaust-Überlebenden. Tykwer hat dies jedoch so weit beinflusst, dass am Ende ein hochaktuelles Werk herauskam, das sich vage an dem Skandal der BCCI-Bank Anfang der Neunziger orientiert. Im Film heißt die Bank, kaum verklausuliert, IBBC. Diese Bank schreckt auch vor Mord und Totschlag nicht zurück, und das geht, nach allen Regeln der Filmgenrekunst, vielleicht doch etwas zu weit. Aber den Banken, das ist die traurige Rezeptionshaltung, traut man momentan leider alles zu.
Im letzten, eher mäßigen Bond-Film gab es zumindest eine wunderbare Szene bei den Bregenzer Festspielen, in der Bond ein konspiratives Treffen skrupelloser Geschäftemacher verfolgte, die alle im Opernpublikum saßen. Ein gruseliges Bild, das sich einprägte: Sie sind unter uns. Sie sitzen überall. Und sie sind kultiviert. Das wird in "The International" fortgeführt. Die Killeraufträge werden stets im Museum erteilt; vor alten Gemälden, die zur kontemplativen Stille aufrufen. Erst in der Alten Nationalgalerie Berlins, dann im Guggenheim. Doch während bei Bond die malerische Kulisse der Seebühne sträflich ungenutzt blieb, wird bei Tykwer das halbe Guggenheim zerlegt.
Das Tempo wird schwer beizubehalten sein
Es gibt überhaupt überraschende Parallelen zu Bond: Clive Owen wurde ja selbst als potenzieller 007-Darsteller gehandelt, auch hier wird ein schuftiger Bankier von einem Dänen gespielt; und manche Verfolgungsjagden haben ebenfalls einen gewissen Déjà-vu-Effekt. "The International" hat aber, im Gegensatz zu 007 (beide Werke sind von Sony Pictures produziert) auch eine Geschichte, und eine, die uns alle angeht. "The International" ist der bessere Bond. Vielleicht hätte man bei "Ein Quantum Trost" statt auf Marc Forster auf einen anderen deutschen Regisseur setzen sollen.
Tykwer spielt in diesem seinen ersten Genrefilm gekonnt mit den Ängsten seines Publikums. Und hat damit obendrein auch noch den idealen Eröffnungsfilm für ein Festival geschaffen. So was ist auch Venedig schon lange nicht mehr und Cannes nur hin und wieder geglückt. Mit diesem Film legt die Berlinale einen kräftigen Start vor. Es könnte nur schwierig werden, dieses Tempo beizubehalten.
Wiederholungen Heute, Urania, 17.30 u. 22 Uhr
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