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27.01.09

Literatur

Updike, Chronist der USA und der Ehebrüche ist tot

Der amerikanische Schriftsteller John Updike ist im Alter von 76 Jahren gestorben. Updike galt als einer der großen Chronisten der amerikanischen Gesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg. Regelmäßig schmückte sein Name die Bestsellerlisten. Den Literatur-Nobelpreis hat er nie bekommen.

Der amerikanische Schriftsteller John Updike ist im Alter von 76 Jahren gestorben. Amerika ohne John Updike? Eigentlich ist das undenkbar.


Zumindest das Amerika des Kalten Krieges scheint ohne Updikes "Rabbit"-Tetralogie heute kaum mehr vorstellbar. Die Vorstädte und die großen Wagen am Rinnstein, die makellosen Rasenflächen, all die Ehepaare mit Affären, aber ohne Aussicht. Und dazu, immer wieder: die Zäune.


Gäbe es noch Emblembücher, John Updike wäre dort mit einem Zaun verzeichnet, dem Symbol seines ängstlichen Glücks, das er sogar dann beschwor, wenn er über sein Hobby schrieb: "Was braucht ein Golfer mehr zum Glücklichsein, als einen Zaun, über den er seinen Mantel werfen kann?"

Schreiben aus "Angst vor Armut"?

Zwei Leidenschaften habe er in seiner Kindheit gehabt, hat Updike in seinen Erinnerungen "Selbst-Bewusstsein" zugegeben: Dinge geschehen zu sehen, ohne eingreifen zu können, und bei Regen auf der Seitenveranda unter einem Korbstuhl zu kauern – ein eigentümlicher Beobachtungsposten für einen Romancier.


Doch hat Updikes lebenslang unermüdliches, unerhört produktives Schreiben einen Ort, dann liegt es eben hinter einem Zaun. Dort hatte Updike und mit ihm der amerikanische Mittelstand sein fragiles Glück eingesperrt, dort liegt die Angst wie ein Hund an der Kette.


"Angst vor Armut", hat Updike einmal auf die Frage geantwortet, warum er Buch um Buch publiziere. Und die Angst hat Updikes berühmteste Figur – Harry "Rabbit" Angstrom – so im Nacken, wie er sie im Namen trägt. Dass er eine Jahrhundertgestalt ist, dieser Angstrom: keine Frage. Er trug Updike den renommierten Pulitzer-Preis ein und machte ihn zu einer Art Daueranwärter auf den Literaturnobelpreis.


Schenkt man Updike und seiner schonungslosen Selbstanalyse Glauben, dann war sein Schreiben bloße Kompensation. Kompensation seiner bescheidenen Herkunft, seiner Hautkrankheit, seines Stotterns, an dem er "mehrere Millionen Worte" vorbei geschleust hat, Kompensation des fremden Vorwurfs und der eigenen Befürchtung schließlich, er habe nichts zu sagen. Denn natürlich spielen Updikes Romane, von der Rabbit-Tetralogie über den Bestseller "Ehepaare" bis zu dem späten Monumentalwerk "Gott und die Wilmots" allesamt hinter dem Zaun.


Da konnte er noch so oft für den mondänen, schillernden "New Yorker" schreiben, dessen Redakteur er auch war, die Rolle des Kleinbürgers hat er doch nicht abgelegt. Updike war der Name, den Hollywood-Autoren für komische Nebenrollen bereithielten, und wahrscheinlich ist das so geblieben.


Doch so ein Zaun hält viele Widersprüche zusammen. Updike war ein bekennender Christ und ein prinzipiell unmoralischer Literat: "Na, die Sexszenen", sagte er, "sie sind lästig."

Glaube an Gott und an Amerika

John Updike glaubte an Gott und an Amerika. Er war ein konservativer Künstler, dem die Intellektuellen seine vage Befürwortung des Vietnamkriegs nie wirklich verziehen haben – er war Narziss und Masochist zugleich. Die Schonungslosigkeiten seiner Texte, Romane, Storys, Gedichte, Essays oder Kritiken galten ihm selbst und seinem Land – ziemlich sicher in dieser Reihenfolge. Und Updike lesend lernt man noch heute, dass man besser Angst hat vor den Ängstlichen und ihrem sezierenden Blick, der die Welt auf Bedrohungen absucht und deshalb bedroht.


Ein Schriftsteller, so sah es Updike, sei jemand, der sich verstecken könne und ein Surrogat seiner selbst ausschicke. Und so hat Updike sich über 40 Jahre lang auch immer selbst beschrieben. Der kleine Ort Shillington, Pennsylvania, wo sogar die Veranden vergittert waren, war deshalb nicht nur sein Geburtsort, sondern auch seine "Idee", und angesichts der Möglichkeit, dass jemand seine Biografie in Angriff nehmen könnte, ihn erkennen und verraten, packte Updike einstmals die Angst.


Jetzt ist John Updike gestorben. Wie sein New Yorker Verlag gestern mitteilte, erlag er einem Lungenkrebsleiden. "Wenn wir vollkommen stillhalten", hat er geschrieben, "können wir keine Erschöpfung, keinen Kummer erleiden und werden niemals sterben." Im Sommer erscheint noch ein Updike-Roman. Er heißt, angelehnt an einen seiner großen Erfolge, "Die Witwen von Eastwick".

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