Finanzen
In der Deutschen Oper herrscht Krisenstimmung
Das Orchster der Deutschen Oper ist schon fast nicht mehr konkurrenzfähig, sagt der Orchstervorstand. Dennoch werden wohl noch drei bis vier Stellen abgebaut werden müssen. Wenn es für Berlins Opern Geld gibt, bleibt für das Haus an der Bismarkstraße nur wenig übrig. Der Regierende Bürgermeister entscheidet.
Von Stefan Kirschner
Mit konkreten Vorstellungen hat sich der neue Generaldirektor der Berliner Opernstiftung, Peter F. Raddatz, im am Freitag veröffentlichten Interview mit Morgenpost Online zurückgehalten. Und das ist klug so. Denn Raddatz, derzeit noch geschäftsführender Intendant der Bühnen Köln, fängt seinen Berliner Job erst am 1. September dieses Jahres an. Da bleibt ihm noch Zeit, die Berliner Probleme zu studieren. Und wenn er Glück hat, ist bis dahin das eine oder andere schon gelöst. Weil es keinen Aufschub duldet.
Aber erfahrungsgemäß ist der Rat des Generaldirektors beim Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit und dem Kulturstaatssekretär André Schmitz eher weniger gefragt. Eigene Vorstellungen und gute Tipps sorgten schon bei Michael Schindhelm, dem ersten Generaldirektor, für die Ablösung. Ähnliche Erfahrungen durfte jetzt auch Stefan Rosinski machen, der den Posten im Sommer räumt.
In den Fokus wird jetzt wieder die Deutsche Oper rücken, um die es zuletzt etwas ruhiger geworden war. Dafür sorgt ein Defizit von 800.000 Euro, das 2008 angefallen ist. Zwar hat die Berliner Opernstiftung Anfang letzten Jahres eine Etaterhöhung von 20 Millionen Euro bekommen, aber finanziell sieht es bei den einzelnen Betrieben höchst unterschiedlich aus. So bildete die Staatsoper, die mit zehn Millionen Euro vom Extrageld profitierte, Rücklagen, um die Einnahmeverluste während des dreijährigen Aufenthaltes in der Ausweichspielstätte Schiller-Theater zu kompensieren. Denn dort stehen nur 976 Plätze zur Verfügung, fast 400 weniger als im maroden Gebäude Unter den Linden.
Auch die Deutsche Oper hatte Rücklagen gebildet, aber 1,2 Millionen Euro - und damit den größten Teil - in eine Art Energiesparprogramm investiert, um künftig Stromkosten zu senken. Das wurde mit dem Segen der Senatskulturverwaltung schon vor vielen Monaten beschlossen.
Unerwartete Sonderzahlungen
Doch dann bekam die Deutsche Oper im Herbst Post von der Versorgungskasse des Bundes und Länder - eine Art Rentenversicherung des öffentlichen Dienstes. Ein "Sanierungsgeld" wurde fällig. Das beläuft sich für die Deutsche Oper allein 2008 auf 900.000 Euro, bestätigt Axel Baisch, der geschäftsführenden Direktor. So kam es zu dem Defizit. Und bis 2015 fällt weiterhin jährlich dieser Solidarbeitrag an, wenn auch möglicherweise in etwas geringerer Höhe. Fein raus sind die beiden anderen Häuser. Denn die liegen im Tarifgebiet Ost - und sind deshalb von den Sonderzahlungen befreit.
Intern wurde kürzlich über die Auswirkungen dieser zusätzlichen finanziellen Belastung für die Deutsche Oper diskutiert. Bereits jetzt sind laut Baisch 42 Stellen unbesetzt - in Zukunft dürften es noch mehr sein. Drei bis vier Stellen im Orchester und dieselbe Anzahl beim Chor sind im Gespräch. Überlegt wird außerdem, die Zahl der Vorstellungen beziehungsweise der Premieren zu reduzieren. Der Geschäftsführer formuliert es etwas freundlicher. Er spricht davon, die Zahl der Premieren wieder dem Niveau von 06/07 anzupassen. Da gab es lediglich vier.
Wolfgang Wiest, der Vorsitzende des Orchestervorstandes, bezeichnet die Perspektiven als "ein bisschen enttäuschend". Man habe schon jetzt Probleme bei der Besetzung von Stellen, weil das Orchester mit anderen großen Klangkörpern in Hamburg oder München kaum mehr konkurrenzfähig sei. Von Daniel Barenboims Staatskapelle, die vom Bund ein Extra-Geld bekommt, redet er erst gar nicht. Die Hoffnung des Orchesters ruht auf Donald Runnicles, dem neuen Generalmusikdirektor.
Der starke Mann der Opernstiftung
Aber auch der wird keine Millionen mitbringen. Dafür ist eigentlich Klaus Wowereit zuständig, aber der Regierende Bürgermeister und starke Mann der Opernstiftung hat schon Ende Dezember in einem Morgenpost-Interview klargestellt, dass es nicht mehr Geld für die Deutsche Oper gibt. Auch wenn die für die neuen Belastungen gar nichts kann. Wowereit hätte es in der Hand gehabt, denn er hat letzlich über die Verteilung der 20 Millionen Euro Extrageld entschieden. So aber verschiebt sich das Gewicht weiter zu Gunsten der Staatsoper. Die hat mit Jürgen Flimm über kurz oder lang auch wieder einen Intendanten. Noch dazu einen, der als politisches Schwergewicht gilt. Der Forderungen durchsetzen kann.
Flimm hätte man sich gut für die Deutsche Oper vorstellen können, wo Kirsten Harms Vertrag 2011 ausläuft. Die Suche nach einem hochkarätigen Nachfolger dürfte schwierig werden. Denn Berlins Ruf ist in den einschlägigen Kreisen etwas angeknackst. Dass parallel mit mehreren Kandidaten verhandelt wird, scheint normal zu sein.
Als Ex-Kultursenator Thomas Flierl seinerzeit Michael Schindhelm als Generaldirektor der Opernstiftung nach Berlin holte, ging Bernd Fülle leer aus. Anschließend wurde Flierl brüskiert, weil sein Kandidat fürs Deutsche Theater, Thomas Oberender, von Wowereit durch Ulrich Khuon ersetzt wurde. Zuletzt schließlich verhandelte man mit dem Lyoner Opernchef Serge Dorny - und kurz vor Abschluss eines Vertrages präsentierte die Kulturverwaltung dann Jürgen Flimm. Ausgerechnet dessen Abwerbung von den Salzburger Festspielen könnte die Suche nach einem neuen Intendanten für die Deutsche Oper erschweren. Denn jetzt suchen auch die Österreicher. Und Salzburg gilt als erste Adresse.
Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
- Neuer Staatsoper-Chef: Spielplan wird Flimms größte Baustelle in Berlin
- Neuer Staatsoper-Chef: Salzburg lässt Jürgen Flimm nach Berlin ziehen
- Staatsoper-Intendant: Salzburg verweigert Jürgen Flimm die Freigabe
- Deutsche Oper: Intendantin Kirsten Harms kämpft um ihre Position
- Opernstiftung: Wenn Berliner Intendanten verstimmt sind
- Bühnen: Berliner Opern mit deutlichem Besucherplus
-
00:08Präsidentschaftswahl: Unterlegener Kandidat in Ägypten will gegen Wahler...
-
00:00Verkehrssünder: Flensburger Punktedatei soll weiter verschärft...
-
26.05.2012Festnahme: Toter in Friedrichshainer Bar: Verdächtiger gefass...
- 1. Relegationsspiel Hertha BSC und der Abstieg ohne Gnade
- 2. Formel 1 in Monaco Strafversetzung verdirbt Schumacher nicht die Laune
- 3. Nach Berufung Hertha BSC schickt seine Spieler in den Urlaub
- 4. Relegationsspiel Hertha BSC gibt sich offenbar geschlagen
- 5. Stromerzeugung Solaranlagen liefern so viel Strom wie fast 20 Atommeiler














