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16.01.09

Sprach-Geschichte

Warum wir ausgerechnet dieses Deutsch sprechen

Am Anfang war das Wort "dheomodi": Eine Ausstellung in Berlin zeigt jetzt die Geschichte der Sprache Deutsch. Von den Anfängen bis in die Gegenwart. Dabei erfährt man unter anderem, warum Donald Duck für unser Deutsch ein wichtige Rolle spielt und dass wir beinah ganz anders sprechen würden.

© DHM
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Am Anfang des Deutschen steht die Bürokratie. Beim ältesten deutschen Buch, dem "Abrogans", handelt es sich um eine Synonymsammlung, in der schwierige Begriffe aus dem älteren Kirchenlatein für Priester der Karolingerzeit durch gängigere lateinische Wörter umschrieben wurden.

Irgendwann in der 2. Hälfte des 8. Jahrhunderts haben vermutlich Mönche in Freising dann neben die lateinischen Synonyme auch deutsche Erklärungswörter gesetzt. Neben dem ersten lateinischen Wort abrogans steht dann das althochdeutsche Wort dheomodi "demütig".

Es handelt sich also um ein reines Stück Verwaltungsliteratur ohne Handlung, ohne Witz, ohne Poesie. Denn die Klöster waren damals das, was am ehesten einer Beamtenschaft von heute nahe kam. Aber was für eine Fundgrube ist es für die Historiker der deutschen Sprache!

Knapp 3.700 Wörter des Althochdeutschen sind hier zu finden – und das praktischerweise auch gleich noch mit lateinischer Erklärung. Völlig zu Recht nimmt die älteste überlieferte Abschrift des Abrogans einen Ehrenplatz unter den 250 Exponaten der Ausstellung "Die Sprache Deutsch" im Deutschen Historischen Museum Berlin ein. Die Klosterbibliothek von St. Gallen, wo das Buch seit 1100 Jahren aufbewahrt ist, verleiht es schließlich auch nicht an jeden Hanswurst.

Denn der Abrogans ist gewissermaßen die Geburtsurkunde der deutschen Sprache. In der dunklen, weitgehend schriftlosen Zeit zwischen 500 und 800 schied sich unter dem Einfluss dessen, was Sprachwissenschaftler die "Zweite Lautverschiebung" nennen, das Deutsche von den übrigen germanischen Sprachen.

Zunächst betraf dieser Prozess übrigens nur den Alpenraum, und noch Jahrhunderte später hatte sich das so entstandene Oberdeutsche nicht weiter nach Norden als bis zur sogenannten "Benrather Linie" ausgebreitet – weshalb die norddeutschen Dialekte heute noch erkennbar größere Ähnlichkeit mit dem Englischen oder Holländischen haben.

Noch aus weiteren Gründen repräsentiert der Abrogans einen Beginn: Während der so genannten "karolingischen Renaissance" breitete sich im ganzen Frankenreich, angeregt von den Hofintellektuellen Karls des Großen wie dem Angelsachsen Alkuin, eine neue Schriftkultur aus.

Viele Quellen im 9. Jahrhundert

Schon für das 9. Jahrhundert also gibt es wieder recht viele geschriebene Quellen. Zu denen gehören auch die so genannten "Straßburger Eide" vom 14. Februar 842, mit denen die Enkel Karls des Großen, Karl der Kahle und Ludwig der Fromme, die Ost-West-Teilung des Frankenreichs besiegelten.

Und das nicht mehr in Einheitsfränkisch, sondern zweisprachig in Altfranzösisch und Althochdeutsch. Wenn der Abrogans die Geburtsurkunde des Deutschen ist, sind diese Eide gewissermaßen sein erster Personalausweis.

Es war übrigens damals noch keineswegs entschieden, dass sich das durch die Zweite Lautverschiebung entstandene Oberdeutsche einmal als Standardsprache durchsetzen würde. Wenn die Hanse es geschafft hätte, eine stabilere politische Organisation zu bilden und die Geschichte des deutschen Reiches in bürgerlich-kaufmännische Bahnen zu lenken, würde dieser Artikel heute vielleicht in einer modernen Variante des Niederdeutschen geschrieben sein.

Doch dann ging die Hanse nieder. Es kam Luther, der seiner Bibelübersetzung die Sprache sächsischer Juristenkanzleien zu Grunde legte. Damit impfte er dem Deutschen eine auf lateinische Einflüsse zurückgehende Schwerfüßigkeit ein. Erst Goethe kurierte die Sprache davon. Seitdem stand Deutsch endlich auf einer Höhe, die das Englische und das Französische schon viel früher erreicht hatten.

Heute sorgen sich viele Menschen, dass Jugendjargon, Werbequatsch, Mediensprache und SMS-Verwahrlosung diesem Deutsch der Klassiker endgültig den Garaus machen könnten. Doch die umstrittene Gegenwart dokumentiert breiter die Ausstellung "Man spricht Deutsch" im Bonner Haus der Geschichte, die man als Ergänzung zur eher historisch angelegten Berliner Schau sehen sollte.

In der Hauptstadt kann man jetzt aber lernen, dass die Deutsche Sprache schon ganz andere Stürme überstanden hat. Etwa im 16. Jahrhundert, als sich die Sprachschützer von der "Fruchtbringende Gesellschaft" in Weimar gegen die Überfremdung durch französische und italienische Einflüsse wehrten. Damals schien ja nicht nur die Sprache zu Grunde zu gehen, sondern auch noch gleich das ganze Land und Volk im Dreißigjährigen Krieg.

Voraussetzung für einen solchen Erkenntnisgewinn ist allerdings die Bereitschaft des Besuchers, viel zu lesen oder zu hören (die Ausstellung arbeitet auf der Höhe multimedialer Erkenntnisvermittlung). Sprache und ihre Geschichte erschließt man sich nun einmal langsamer als Bilder.

Dunkle Ausstellungsräume sind leider notwendig

Gedämpft wird die Wissbegier allerdings durch die Dunkelheit der Ausstellungsräume (denn kostbare alte Bücher darf man nicht grellem Licht aussetzen) und durch die Enge, in der viele interessante Exponate aneinandergedrängt sind.

Aber zum Glück ist einer Epochenfigur, von der man später einmal vielleicht sagen wird, dass sie die Grenze zwischen Neuhochdeutsch und Post-Neuhochdeutsch markiert, in der Ausstellung angemessen viel Raum gewidmet: der genialen Donald-Duck-Übersetzerin Dr. Erika Fuchs (1906-2005).

Der Schreibtisch, den ihr Ehemann Günter Fuchs – ein Erfinder und Fabrikant, der für manche Daniel-Düsentrieb-Inspiration sorgte – für sie gebaut hatte, steht in einer prominenten Vitrine.

Auf dem Tisch liegen u. a. eine Leselupe, mit deren Hilfe die alte Dame bis ins höchste Alter ihrem Beruf nachging, und ein Notizbuch, in dem sie sich in zwei Spalten Wendungen und Einfälle notierte. So vergilbt wie es ist, sieht das Büchlein ein bisschen aus wie ein moderner "Abrogans".

Fuchs war im vermeintlich trivialen Medium des Comics eine Geheimagentin des Wahren, Schönen und Guten. Sie schmuggelte nicht nur dauernd Schiller in die Heft-Texte (auch an Stellen, wo beim amerikanischen Duck-Zeichner Carl Barks gar keine Shakespeare-Zitate standen). Sondern sie benutzte den Klassikerwortschatz auch ganz selbstverständlich: "Schnurrli, was ficht dich an?" fragt etwa Donald, als sich eine erschrockene Katze auf seinem Kopf festkrallt.

Deshalb waren die Leser der Fuchs-Übersetzungen die letzten Kinder, die noch leicht in die Sprache der Weimaraner hineinwuchsen. Den von Donald Duck geprägten Jugendlichen begegneten Goethe und Schiller später nicht als Fremdlinge, sondern als Vertraute.

"Die Sprache Deutsch". Bis zum 3. Mai im Deutschen Historischen Museum, Berlin, Unter den Linden.

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