Bestseller
Ein Chinese rechnet mit Mao ab – und wird Millionär
Sein Roman "Der Zorn der Wölfe" ist eines der erfolgreichsten Bücher in China. Rund vier Millionen Mal wurde Jiang Rongs Werk, das jetzt in Deutschland erscheint, verkauft. Dass es die staatliche Zensur passierte, grenzt an ein Wunder. Denn im Buch flüchtet der Held vor dem Terror von Maos Kulturrevolution.
Von Wieland Freund
Offiziell gehorcht die Buchbranche im Reich der Mitte noch der Maxime Deng Xiaopings und pflegt ein "sozialistisches Verlagswesen mit chinesischen Charakteristika". Dass es als "kapitalistisches Verlagswesen mit chinesischen Charakteristika" treffender beschrieben wäre, ist dennoch unübersehbar.
Chinas neue Mittelschicht liest "Harry Potter" und Dan Brown, und am sagenhaften Erfolg von Jiang Rongs Roman "Der Zorn der Wölfe", der seit vier Jahren ein chinesischer Mega-Hit ist, war ein erfolgsorientiertes Verlagshaus ebenso beteiligt wie ein bekannter Marketingexperte.
Mehr als vier Millionen Mal hat sich "Der Zorn der Wölfe" seit seinem Erscheinen 2004 in China verkauft, Experten gehen von zusätzlichen 15 bis 20 Millionen Raubkopien aus. Genug, um Verlage in aller Welt aufmerksam zu machen.
In 20 Länder wurden Lizenzen verkauft, das britische Verlagshaus Penguin zahlte 100.000 Dollar für die englischsprachigen Rechte. Das ist relativ gesehen nicht viel, für einen chinesischen Roman aber Rekord. Die deutsche Übersetzung erscheint heute.
Zum Erfolg des Romans in China mag auch das lange Rätselraten um die Identität des Autors beigetragen haben. Denn offensichtlich ist Jiang Rong, zusammengesetzt aus den Namen zweier Nomadenstämme, ein Pseudonym. Der Autor, der Pekinger Wirtschaftsprofessor Lu Jiamin, lüftete es erst gut zwei Jahre nach Erscheinen.
Er nennt es heute ein Wunder, dass sein Roman von den chinesischen Behörden nicht verboten wurde. Lu Jiamin, 1946 in der südchinesischen Provinz Jiangsu geboren und mit der bekannten Autorin Zhang Kangkang verheiratet, war Ende der Siebzigerjahre an der Xidan-Bewegung, der sogenannten "Mauer der Demokratie" beteiligt und kam nach den Demonstrationen auf dem Platz des Himmlischen Friedens für 18 Monate in Haft, worüber er sich aus Gründen der Vorsicht ausschweigt.
Schützend mag zudem gewirkt haben, dass "Der Zorn der Wölfe" oberflächlich gelesen als wildromantische Abenteuergeschichte daherkommt, als chinesische Variation von Jack London. Dabei ist die Geschichte des jungen Chen Zhen spürbar autobiografisch.
Wie seine Hauptfigur ging der Autor zu Zeiten von Maos brutaler "Kulturrevolution" in die Innere Mongolei, wo er zwischen 1967 und 1978 als Hirte lebte und erlebte, was im Roman Chen Zhen erlebt: ideale Einfachheit und den Einklang mit der Natur des mongolischen Graslandes.
Mittlerweile leben etwa 40 Prozent der Chinesen in Städten, darunter die schmutzigsten der Welt; für manchen ihrer Bewohner wird "Der Zorn der Wölfe" Sehnsuchtslektüre sein. Über Hunderte von Seiten werden Abenteuer abgeschildert, die die mongolischen Hirten mit Wölfen erleben. Detail reiht sich an Detail, Szene an Szene, Jagdgemälde an Jagdgemälde.
"Der Zorn der Wölfe" ist ein grünes Buch, das viel Mühe darauf verwendet, das Ökosystem des Graslands zu erklären, das die Wölfe braucht, um Gazellen und Murmeltiere kurz zu halten. Umso tragischer, dass Chen Zhen der einzige Han-Chinese zu sein scheint, der das begreift.
Er wird zu einem Zeitpunkt zum inneren Mongolen, da die dominante han-chinesische Ackerbaukultur sich anschickt, das einzigartige Ökosystem zu zerstören und den Wolf auszurotten.
Unverhohlen formuliert Jiang Rong seine Kritik an blindwütigen Funktionären und einer staatlich gelenkten Wirtschaft. Der allegorische Gehalt dieses Romans wird im Westen irritieren. Denn Jiang Rongs Gleichsetzung der Mongolen mit Wölfen und der Han-Chinesen mit den allzu duldsamen Schafen hat etwas Machiavellistisches.
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