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01.01.09

US-Autor

"Fuck" gebrauchte J. D. Salinger am liebsten

"Der Fänger im Roggen" ist entweder Lieblings- oder Pflichtlektüre von Pubertierenden auf der ganzen Welt. Sein Autor Jerome D. Salinger. Der Roman über einen 16-jährigen Aussteiger war im prüden Amerika ein Skandal – und inspirierte Charles Manson und den Mörder John Lennons.

© Sander
Roggenfeld
Hauptfigur Holden Caufield im Roman "Der Fänger im Roggen" (1951) hat keine Lust sich zu vergesellschaften. Mit dem rebellischen Helden Jerome D. Salingers konnten sich viele Jugendliche indetifizieren.

Am 19. Juni 1965 war Schluss. Jerome David Salinger veröffentlichte zum letzen Mal. "Hapworth 16, 1924", eine zwanzigtausend Wörter lange Story, erschien im "New Yorker" und zeigte Buddy Glass, eine der vielen autobiografischen Figuren Salingers, grauhaarig, zigarettenrauchend, müde und erschöpft, aber glücklich, weil allein in einem Raum, mit Stift, Papier und Schreibmaschine für sich.

"Ich hätte nicht den geringsten Einwand dagegen, wenn dies der letzte Anblick meines Lebens wäre", sagt dazu der Erzähler Seymour Glass. Und in gewisser Weise war er das – der letzte Blick, den der Autor dem Leser gestattete. Trotz eifrigen Bemühens zahlreicher Reporter bleibt J.D. Salinger seit 43 Jahren nahezu unsichtbar und stumm.

Nicht ein einziger Text jedenfalls ist seitdem aus seiner Festung der Einsamkeit – einem abgelegenen, bescheidenen Anwesen in Cornish, New Hampshire – in die Öffentlichkeit gedrungen. "J.D. Salinger, 1919 bis 1965", schrieb deshalb Ian Hamilton, sein cleverster, garstigster und von Salinger am heftigsten bekämpfter Biograf.

Der Autor machte sich rar

Andererseits: in Hamilton sprach ein verletzter, weil vom Autor abgewiesener Bewunderer im Zorn. Dass er lange über 1965 hinaus noch geschrieben hat, gilt als sicher. Und vielleicht kommen diese Texte ja irgendwann ans Licht und krempeln Amerikas Literaturgeschichte um; oder es kommt anders und alles bleibt, wie es ist.

Salinger verabschiedete sich auf dem Zenit seines Ruhms. 1951 hatte der bereits hochgehandelte Autor von Kurzgeschichten seinen einzigen Roman veröffentlicht, den "Fänger im Roggen". Nach und nach wurde das Buch zur Bibel der "Teenage-Revolution", und Holden Caulfield, Salingers jugendlicher Held, zur "Collegeboy-Version von Marlon Brandos Lederjacke".

Die Verehrung für dieses Werk trug bisweilen bizarre Züge. Mark David Chapman, der Mörder John Lennons, trug das Buch am Tag der Tat bei sich und gab an, sich mit Caulfield zu identifizieren. Auch der umstrittene Sektenführer Charles Manson erwähnte einmal, sich als der "Fänger im Roggen" zu sehen. Ebenso befand sich das Buch im Besitz von John Hinckley, Jr., der das Attentat auf Ronald Reagan im Jahr 1981 verübte.

Im "Fänger im Roggen" (benannt nach einem Gedicht von Robert Burns) findet Holden, der Schulscheiterer, in einem kalifornischen Sanatorium fernab der Welt endlich Gelegenheit, eine durch und durch verlogene Gesellschaft erzählend abzustrafen und ihr das Bild einer reinen, unschuldigen Kindlichkeit entgegenzuhalten. Vielleicht war "Der Fänger im Roggen" damals ja wirklich so etwas wie Amerikas "Werther".

Heinrich Böll übersetzte

So unmittelbar wie Salinger jedenfalls, schien’s, hatte vorher noch keiner geschrieben: so wenig "David-Copperfield-Mist" und so viel "ich" und "goddam" und "phony" und "fuck". Heinrich Böll, der den "Fänger" aus einer schon entschärften britischen Ausgabe übersetzte, empfand seine Arbeit damals, wie er sagte, als "Befreiungsakt".

Seit mittlerweile fünf Jahren nun liegt Eike Schönfelds hervorragende und auch viel genauere Neuübersetzung vor – eine von denen, wie man sie Klassikern nach ihrer Überführung in montags geschlossene Museen angedeihen lässt.

In gut dreißig Storys und dem einen Roman schuf Salinger ein kleines Universum, in dem ein Stern den anderen beleuchtet. Man kann viel Zeit damit zubringen, die vielfältigen Beziehungen und sich kreuzenden Wege der Familien Caulfield und vor allem Glass nachzuvollziehen und, quasi nebenbei, Salingers fiktive Stellvertreter aufspüren, um sich eine Autorbiografie zu basteln.

Über die sieben Glass-Kinder schrieb Salinger insgesamt sieben Storys, darunter "Franny" und "Zooey" und eine seiner berühmtesten, "Ein herrlicher Tag für Bananenfisch". Alles, was für den späteren Salinger typisch ist – eine peinlich genau durchgearbeitete Prosa, ein etwas manisches Interesse am Zen-Buddhismus, ein Hang zum Sermon und ein Hass auf alles Akademische – lässt sich an "Zooey" beobachten.

In "Bananenfisch" wiederum oder auch in der nicht minder berühmten Erzählung "Für Esmé – mit Liebe und Unrat" wird der Kriegsteilnehmer Salinger kenntlich, der am D-Day am Utah-Beach landete, die Schlacht um den Hürtgenwald und die Ardennenoffensive überlebte und vermutlich infolge seiner Erlebnisse dort einen psychischen Zusammenbruch erlitt. In "Bananenfisch" schießt sich der Kriegsteilnehmer Seymour Glass – frisch verheiratet und in seinen Flitterwochen – eine Kugel in den Kopf, nachdem er am Strand einem unschuldigen kleinen Mädchen begegnet ist.

In "Hapworth 16, 1924" schließlich ist es eben jener Seymour, der, zu diesem Zeitpunkt sieben Jahre alt, einen ellenlangen, teils hermetischen Brief an seine Familie schreibt. Glass zu Glass: der Kreis schließt sich; am Ende beleuchten die Sterne in Salingers Universum nur noch einander und sich selbst.

Nachher blieb die Übermittlung von Salinger-Nachrichten anderen überlassen. Eine Ex-Geliebte und seine Tochter Margaret beschrieben Salinger in ihren Büchern mal als Paranoiker und Essgestörten, mal als manischen Sinnsucher, der von Religion zu Religion haste, und mal als schroffen Egomanen, wozu Salinger schwieg, nobel oder verbiestert.

Er selbst sagte nur 1986 noch einmal im Prozess gegen seinen Biografen Hamilton aus und gab bei dieser Gelegenheit zu Protokoll, nach wie vor zu schreiben. "Ich arbeite mit Gestalten, und wenn die sich entwickeln, folge ich ihnen", sagte er; nur folgt er ihnen eben allein, eifersüchtig über sie wachend.

"Erzählt nie einem was", steht im "Fänger im Roggen", "denn sonst vermisst ihr alle mit der Zeit."

J.D. Salinger starb im Alter von 91 Jahren, am 28.01.2010, in New Hampshire.

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