28.09.13

50 Jahre Philharmonie

Beim Orchester begann alles mit einer Meuterei

Die Philharmoniker wählen sich Chefdirigenten und Mitglieder selbst. Die Macht des Kollektivs: Kontrabassist und Orchestervorstand Peter Riegelbauer erklärt das Selbstverständnis des Spitzenorchesters.

Von Volker Blech
Foto: Michael Trippel

Engagiert: Kontrabassist Peter Riegelbauer (Mitte hinten) im Konzert mit Sir Simon Rattle in der Berliner Philharmonie. In der von Hans Scharoun erbauten Philharmonie residiert das Spitzenorchester seit 50 Jahren
Engagiert: Kontrabassist Peter Riegelbauer (Mitte hinten) im Konzert mit Sir Simon Rattle in der Berliner Philharmonie. In der von Hans Scharoun erbauten Philharmonie residiert das Spitzenorchester seit 50 Jahren

Ihren Chefdirigenten wählen sie selbst, sie entscheiden, wer in ihren Reihen mitspielen darf: Sind die Berliner Philharmoniker mächtig? Bei der Frage runzelt Kontrabassist Peter Riegelbauer die Stirn. Das Wort Macht gefällt ihm gar nicht. Er benutzt das Wort Selbstbestimmung und erinnert an die Geschichte des Spitzenorchesters. "Das Ganze hängt mit der Gründung 1882 zusammen, was eine Befreiung von der Bilseschen Kapelle war", sagt Riegelbauer: "Die Gründung des Berliner Philharmonischen Orchesters war ein demokratischer Akt und genau genommen eine Meuterei der ausgebeuteten Musiker. Sie holten sich mit Hans von Bülow den seinerzeit modernsten Dirigenten." Das Selbstbewusstsein habe sich über die vielen Jahrzehnte hinweg erhalten, glaubt Riegelbauer, selbst wenn es vielen jungen Philharmonikern gar nicht mehr so bewusst ist.

Gründungskodex der Philharmoniker

Das "gegenseitige unverbrüchliche Zusammenhalten" gehört zum Gründungskodex der Philharmoniker. Heute residiert das Orchester, von dem viele Musikkenner glauben, das es das beste der Welt sei, in der vom Berliner Architekten Hans Scharoun errichteten Philharmonie, die im Oktober ihr 50-jähriges Bestehen feiert. Längst lassen sich die Musiker als eine Vereinigung von Virtuosen feiern. Über 128 Planstellen verfügt das Orchester, das ist viel für ein reines Konzertorchester. Fünf Stellen sind derzeit unbesetzt. In dieser Spielzeit sind fünf neue Philharmoniker hinzugekommen. Zuletzt stieß ein Chilene zu den ersten Geigen, die Philharmoniker sind ein außergewöhnlich international besetztes Orchester: 27 Nationalitäten sind vertreten.

Von demokratischer Strenge

"Eines der wichtigsten Elemente unserer Selbstverwaltung ist natürlich die Selbstrekrutierung", sagt Orchestervorstand Peter Riegelbauer: "Dass wir unsere eigenen Mitglieder wählen, ist ein wertvolles Gut." Es ist nicht einfach, ein Berliner Philharmoniker zu werden. Das Prozedere ist von demokratischer Strenge. Wenn ein Mitglied das Orchester beispielsweise für eine Solokarriere verlässt oder in den Ruhestand geht, erklärt Riegelbauer, dann wird die Stelle neu ausgeschrieben. Das erfolgt traditionell in "Das Orchester", einer Zeitschrift für die Orchesterszene. Alle jungen Musiker, die eine erste Stelle suchen, sich verbessern oder auch nur die Stadt wechseln wollen, studieren die Anzeigen der Orchester. Mittlerweile werden Stellen auch online ausgeschrieben.

>>>Das Special zu 50 Jahre Philharmonie finden Sie hier<<<

Die Bewerbungen bekommt dann die Fachgruppe im Orchester auf den Tisch. Kürzlich war eine Kontrabassstelle ausgeschrieben, es gibt elf Planstellen. Es kamen 160 Bewerbungen. "Die Szene hat sich verändert", sagt Riegelbauer, "Bewerbungen aus den USA oder Australien sind heute Normalität." Also haben sich die Kontrabassisten Listen erstellt, wer überhaupt in Frage käme. Die Einladung zum Probespiel sei schon die erste Mehrheitsentscheidung, sagt Riegelbauer, der selber seit 1981 zum Orchester gehört. 30 junge Musiker werden schließlich eingeladen, 20 bis 25 kommen am Ende, weil einige erkrankt sind oder nicht frei bekommen haben. Zum Hauptprobespiel kommt das ganze Orchester. "Es ist Ehrensache und Verpflichtung dabei zu sein", sagt Riegelbauer. Es wird auch als Dienst angerechnet.

Gewählt wird auf Knopfdruck

Die Bewerber müssen in der ersten Runde ein klassisches Stück spielen, um die Technik, die Intonation zu überprüfen. Geiger spielen etwa ein Mozart-Violinkonzert, Kontrabassisten das Dittersdorf-Konzert. Dann wird diskutiert, manchmal heftig, und abgestimmt. Neuerdings sogar elektronisch. "Das ist ein ähnliches Prinzip wie bei der Quizshow ,Wer wird Millionär?', wo auf Knopfdruck der Publikumsjoker ermittelt wird", erzählt Riegelbauer. In der zweiten Runde mit noch fünf Bewerbern wird ein Konzert nach freier Wahl verlangt. Schließlich wird abgestimmt, jeder Philharmoniker hat eine Stimme, auch Chefdirigent Sir Simon Rattle hat nur eine Stimme. Der Intendant ist nicht dabei.

Mittlerweile 20 Musikerinnen

Bei den Berliner Philharmonikern spielt der Bewerber nicht anonym hinter einem Vorhang. "Das hat bei uns keine Tradition", sagt Riegelbauer, "Wir wollen die Gesamtpersönlichkeit erleben, ansonsten könnte auch ein Band ablaufen." Das Vorspiel sei auch eine Performance. Nach der Wahl folgt eine bis zu zweijährige Probezeit, am Ende wird noch einmal abgestimmt. Die Berliner Philharmoniker hatten sich ähnlich wie die Wiener Philharmoniker lange Zeit gegenüber weiblichen Mitgliedern gesperrt. Mittlerweile gibt es 20 Philharmonikerinnen. "Musikerinnen sind unheimlich stark im Kommen", sagt Riegelbauer, "man braucht nur in die Musikhochschulen oder in die Jugendorchester zu schauen".

Shortlist mit Kandidaten

Was die Macht der Philharmoniker angeht, so ist sie in der Struktur zu finden. Formal gibt es einen Stiftungsvorstand, dem der Intendant Martin Hoffmann, der Chefdirigent Sir Simon sowie zwei Orchestervertreter angehören. Sie entscheiden über Programme, Solisten, Gastdirigenten. Die Philharmoniker haben eine Liste mit 30 bis 40 Dirigenten, die regelmäßig eingeladen werden. Das Orchester wählt sich neben Vorstand und Medienvorstand außerdem einen Fünferrat, der den Vorstand berät und Aufgaben übernimmt, so gibt es etwa einen Reiseleiter.

Demnächst haben die Philharmoniker wieder ein Kraftakt der Selbstverwaltung durchzustehen: Die Wahl des neuen Chefdirigenten, nachdem Sir Simon angekündigt hat, seinen Vertrag 2018 auslaufen zu lassen. "Wir haben eine Wahlordnung, aber es kann sein, dass wir eine neue entwerfen", so Riegelbauer: "Aber dann könnten wir schnell eine Shortlist zusammenstellen, auf der sechs oder sieben Namen stehen würden." Die Dirigenten werden vorher nicht angefragt. "Das macht man nicht", sagt Riegelbauer. Man gehe ja auch nicht zu einer möglichen Ehefrau und sagt ihr, wenn ich dich vielleicht fragen würde, ob du mich heiraten könntest, würdest du dann zusagen? "Die Wahl bleibt ein Risiko"", sagt Riegelbauer, "aber bislang ist es ja immer gut gegangen."

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Infizierte Pfleger Bentley darf leben - Hund hat kein Ebola
Sonnenfinsternis "Man muss das sehen, um es zu glauben!"
Terror in Kanada Überwachungskameras zeigen Angriff auf Parlament
Gasexplosion Explosion verwüstet ganze Straße in Ludwigshafen
Top Bildershows mehr
Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Trend

Die schönsten Fotobomben der Stars

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote