Kommentar
Wer Berlin gestalten will, darf nicht nur verhindern
Donnerstag, 21. August 2008 02:30 - Von Isabell JürgensDie Berliner sind stolz auf das baugeschichtlich bedeutende Zentrum ihrer Stadt und reagieren zu Recht empfindlich, wenn dieses mit fensterlosen Betonklötzen zugebaut wird, als gelte es, aus dem Ruder gelaufenen amerikanischen Großstädten nachzueifern.
Die Schelte des Regierenden Bürgermeisters über die "massive Hässlichkeit" des neuen Alexanderplatzes kommt zwar reichlich spät, spricht aber vielen aus dem Herzen. Da ist es gut, dass seine Bausenatorin und Parteifreundin Ingeborg Junge-Reyer eine Gestaltungssatzung für die Historische Mitte erarbeiten lässt, die solchen Scheußlichkeiten künftig einen Riegel vorschieben soll.
Das war längst überfällig - trotzdem muss nun jeder Schnellschuss vermieden werden. Denn viele Details des Entwurfs sind zumindest fragwürdig und mitnichten ein Garant für eine anspruchsvolle Weiterentwicklung der Berliner Baukultur.
Bausünden wie der rosafarbene Betonbunker des "Alexa"-Kaufhauses wären zwar künftig zumindest in dem eng umrissenen Geltungsbereich - rund um Gendarmenmarkt, Unter den Linden, Museumsinsel und Schlossplatz - zu verhindern. Doch mit dem Verbot greller Farben, großflächiger Werbung, einer bestimmten Dachform und der Verbannung von Glasfassaden allein lässt sich längst noch keine gute Architektur herbeiverordnen.
Im Gegenteil: Allzu starre Bauvorschriften, die bis hin zur Wahl der zulässigen Baumaterialien und des Neigungswinkels der Dächer am liebsten jedes noch so geringe Detail bestimmen wollen, bergen die Gefahr in sich, dass uniforme Langeweile das Straßenbild der Stadt bestimmt. Großflächige Fassadenwerbung oder spiegelnde Glasfassaden aus dem historischen Zentrum zu verbannen, ist sicher sinnvoll. Warum aber ein gewölbtes Dach generell nicht möglich sein soll, ist nicht nachvollziehbar und bedarf zumindest der Diskussion.
Die Senatorin sollte rasch alle Details des Entwurfs öffentlich machen und die Inhalte noch einmal genauestens überprüfen. Es wäre ein enormer Rückschritt für die Baukultur Berlins, wenn künftig nur noch Kulissengebäude entstünden, die vordergründig die Kriterien der Gestaltungssatzung erfüllen, indem sie alte Bauformen kopieren. Neue architektonische Glanzlichter werden so jedenfalls kaum noch eine Chance haben.
Respekt vor der historischen Umgebung soll den neuen Gebäuden abgefordert werden. Eine richtige und wichtige Forderung. Doch diese ist nicht an der Einhaltung kleinteiliger Bauvorschriften ablesbar. Respekt kann auch im bewussten Kontrast bestehen. Und der muss auch in Berlins historischer Mitte möglich sein. Eine Gestaltungssatzung kann zwar helfen, das Schlimmste zu verhindern. Sie darf aber nicht zugleich das Beste unmöglich machen. 
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