Kommentar
Assad zieht Syrien mit sich in den Abgrund
Nun ist klar, wie Syriens Präsident Baschar al-Assad die Blockade von Russen und Chinesen im UN-Sicherheitsrat verstanden hat: Als Lizenz zum Töten. Deshalb hat er die Stadt Homs für schweren Beschuss freigegeben.
Von Clemens Wergin
Gleichzeitig haben militante Oppositionskräfte offenbar Stellungen der Sicherheitskräfte in Aleppo in die Luft gesprengt, was ebenfalls viele Menschenleben gekostet hat. Das Land steht mitten in einem Bürgerkrieg.
Der Blick auf andere Revolutionen zeigt: Wenn die Gewalt des Regimes und die Gegengewalt aus Bürger-Notwehr ein gewisses Maß überschreiten, dann ist es hinterher umso schwieriger, das Rad wieder zurückzudrehen. Was das bedeutet, kann man derzeit in Libyen erleben, wo es der Regierung nicht gelingt, ihr Machtmonopol durchzusetzen. Die Milizkämpfer haben Leben und Gesundheit riskiert, sie haben Freunde und Verwandte auf dem Schlachtfeld verloren. Und sie haben den Machtrausch gespürt, den das Führen und Benutzen einer Waffe mit sich bringt. Auf diese Macht wollen sie ungern verzichten. Dazu haben sie zu viel erlebt und einen zu hohen Preis bezahlt.
Nun ist offensichtlich auch in Syrien der Moment verstrichen, an dem eine evolutionäre Entwicklung möglich gewesen wäre. Das Regime hat viel zu viel Blut vergossen. Und das Militär hat jegliche Legitimität verloren, anders als etwa in Tunesien und in Ägypten am Anfang der Revolution. Wer auch immer in Syrien die Oberhand behalten wird, es wird sehr blutig und sehr hässlich bleiben. Und China und Russland haben sich mitschuldig gemacht. Das Blut der Menschen von Homs klebt auch an ihren Fingern.
Assad leidet wie zuvor Muammar al-Gaddafi unter einer typischen Diktatorenkrankheit: Realitätsverlust. Wenn einem die Hofschranzen jahrelang erzählt haben, es sei alles prima im Land, die Bevölkerung liebe den Diktator und alles sei zum Besten bestellt, dann glaubt man das irgendwann tatsächlich. Zumal maßgebliche westliche Syrien-Experten mit an der Legende gestrickt haben, wonach Assad eigentlich sehr beliebt im Volk sei.
Tatsächlich ist es nur die Furcht, die ihn an der Macht hält. Die Angst derjenigen, die ihn zwar ablehnen, sich aber nicht in Lebensgefahr begeben wollen und deshalb passiv bleiben. Und die Angst der Minderheiten, die nun, da der Blutrausch entfacht ist, einen Zusammenbruch der staatlichen Ordnung fürchten. Weil sie zu Recht glauben, dann zum Ziel von Plünderungen und Vergeltungsaktionen durch die bisher unterdrückte sunnitische Mehrheit zu werden. Denn wenn ein Bürgerkrieg einmal in die Phase massenhafter blutiger Gewaltexzesse eingetreten ist, dann reißt er die dünne Decke der Zivilisation weg und kehrt das Schlimmste der menschlichen Natur nach außen.
Ein gänzlicher gesellschaftlicher Zusammenbruch Syriens könnte noch abgewendet werden, wenn Assad schnell zurücktreten und die Macht an eine Regierung der nationalen Einheit abgeben würde unter maßgeblicher Beteiligung der Opposition. Danach sieht es aber nicht aus, weil Assad - auch wegen der Unterstützung Moskaus und Pekings - die Hoffnungslosigkeit seiner Situation nicht wirklich erkannt hat. Wahrscheinlicher ist deshalb, dass Assad sein Land mit in den Abgrund zieht.
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