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07.02.12

Kommentar

Rudi Assauer, der öffentliche Patient

Krankheiten, zumal unheilbare, sind eine höchstpersönliche Angelegenheit. Niemandem, außer dem Betroffenen, seinen Nächsten und den Medizinern, steht ein Urteil zu, schon gar keine Abwertung. Moralische Ferndiagnosen verbieten sich, Therapie-Ratschläge sind mit Vorsicht zu erteilen. Kranke stehen unter Schutz. Gut so.

Wenn Patienten allerdings auf ihre Privatheit verzichten, wenn sie eine niederschmetternde Diagnose womöglich gar benutzen, dann liegt die Sache anders. Der Fußball-Manager Rudi Assauer war Zeit seines Berufslebens immer großzügig mit intimen Details. Jetzt wird sein Leben als Alzheimer-Patient nach den klassischen Regeln des medialen Zugewinns publiziert: Buch, Titelstorys, Talkshow-Auftritte, am Dienstagabend eine ZDF-Dokumentation und alsbald sicher noch ein hübscher Job aus der Pharma-Ecke. Eilends wurde die PR-Maschinerie früher gezündet als geplant, der Krankheitsverkauf diktiert nun mal das Marketing. Schwer zu beurteilen, inwieweit Assauer Herr des Verfahrens ist. Unglücklich wirkt er nicht, schließlich ist er im Fernsehen.

Nein, verboten ist das alles nicht. Ja, das Publikum nimmt teil und kauft bereitwillig das Buch zum Siechtum und die Kräutertropfen gleich dazu. Natürlich darf jeder, der die Chance hat, ein paar Euro verdienen und ein therapeutisch sicher wertvolles Blitzlichtgewitter mitnehmen. Es hieße allerdings, den alten Medienfuchs und sein Team zu unterschätzen, würde man allein die herzerweichende Story vom verwirrten, gealterten Mann sehen, der immer so ein Herzensguter war und Schalke den Uefa-Cup schenkte. Nein, hier wird natürlich auch eine Vita weicher gezeichnet, als sie in Wirklichkeit ist. Bei allem Mitgefühl bleibt festzuhalten, dass der Fußball-Manager gleich zweimal im Unfrieden vom FC Schalke schied, dass er für eine sinistre Zockerbude warb oder seine einstige Partnerin Simone Thomalla öffentlich züchtigte. Die ewige Zigarre kann man für Kult halten, muss man aber nicht. Er ist ein Typ, aber kein Vorbild. Assauers Zuhause war stets die Bühne, und genau so geht er jetzt mit der Krankheit um - als Ego-Show.

Die wahren Helden des Alltags aber sind die Hunderttausende, die mit wenig Geld, wenig Platz und ohne promi-gestützte medizinische Versorgung ein ähnliches Schicksal meistern.

Vielen Alzheimer-Erkrankten mag der öffentliche Patient Assauer eine Stütze sein, weil er die Aufmerksamkeit auf die tückische Krankheit lenkt. Dennoch bleibt Beklommenheit, wann immer Prominente ihr Leiden ausbreiten: Schlingensiefs Krebs, die öffentliche Reha von Monica Lierhaus, Gaby Kösters Schlaganfall - wo verläuft die Grenze zwischen Mitgefühl und Voyeurismus? Wo fängt Pietät an, wo hört eiskaltes Marketing auf? Wie viel Autonomie darf man bei den Kranken vermuten? Hinzu kommt der ins Peinliche spielende Zeigestolz mancher Medienvertreter, verbunden mit schleimiger Betroffenheits-Dackelei. Wäre schön, wenn sich diese Menschen ebenso einfühlsam um die demente Dame aus ihrer Nachbarschaft kümmerten.

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