Kommentar
Revolutionen brauchen Jahrzehnte
Als vor einem Jahr die Volksaufstände in der arabischen Welt zu den ersten Tyrannenstürzen führten, weckte dies weltweit euphorische Erwartungen in den Anbruch eines neuen Zeitalters der Demokratie und des Rechts in dem von Autokratien bedrückten Nahen Osten. Heute aber bietet die Region ein erschreckendes Bild entfesselter Gewalt und explosiver Spannungen, die sich flugs in einem großen Nahost-Krieg entladen könnten.
In Syrien setzt das Regime Baschar al-Assad seinen mörderischen Feldzug gegen die eigene Bevölkerung fort. Längst geht es dabei um mehr als die Befreiung des Landes von einer grausamen Tyrannei. Stürzt Assad, verliert die Islamische Republik Iran ihren Vorposten in der arabischen Welt. Kein Wunder, dass iranische Revolutionsgarden dem Diktator beim Metzeln und Foltern zur Seite stehen.
Die arabischen Mächte, die vor dem Iran und seinen Atombewaffnungsplänen nicht weniger Furcht haben als Israel, wittern ihrerseits die Chance, dem gefährlichen Rivalen durch den Sturz Assads eine schwere strategische Niederlage zuzufügen. Doch je mehr es die Welle antidiktatorischer Erhebungen auf sich zurückrollen sieht, umso wilder und bedrohlicher wird das iranische Regime um sich schlagen - und sein Streben nach der Atombombe beschleunigen. Es wird zunehmend unwahrscheinlich, dass der Iran ohne militärische Konfrontation von seinen atomaren Plänen abzubringen ist.
In diesem Vorkriegsszenario setzt auch die Entwicklung postdiktatorischer arabischer Gesellschaften kein Zeichen der Hoffnung. Im ägyptischen Machtkampf zwischen dem sich zäh an seine Herrschaft klammernden Militär, der immer schärfer verfolgten säkularen Zivilgesellschaft und den geduldig auf ihre Stunde wartenden Muslimbrüdern droht das Land in unkontrollierten Gewaltexzessen zu versinken - und nähert sich der Schwelle zum "gescheiterten Staat". Indes geht seine wirtschaftliche Agonie weiter. Schon prophezeien Experten Ägypten eine Hungersnot.
Diese düsteren Aussichten lehren uns: In einer Region, in der Macht über viele Jahrzehnte auf Basis nackter Gewalt und nach dem Gesetz des Ruchlosesten und Stärksten verteilt wurde, können nicht über Nacht zivile Formen der politisch-gesellschaftlichen Auseinandersetzung entstehen. Es lohnt die Vergegenwärtigung der Tatsache, dass revolutionäre Umwälzungen in aller Regel viele Jahrzehnte voller blutiger Wirren in Anspruch genommen haben. Dabei war das zentrale Problem von Revolutionen stets, wie die in ihr entfesselte Gewalt eingefangen und institutionell begrenzt werden kann.
Die Besinnung auf das Denken in langen Linien der Geschichte kann helfen, an den gegenwärtigen Schrecken im Nahen Osten nicht zu verzweifeln - und sich, statt Visionen von einer idealen demokratischen Zukunft nachzuhängen, auf die beharrliche Bekämpfung schlimmster Inhumanität zu konzentrieren. Mag der Einfluss des Westens auf die unberechenbare Entwicklung im Nahen Osten aktuell begrenzt sein wie nie zuvor: Die im Westen materialisierten Werte von Freiheit, Menschenrechten und Selbstbestimmung haben ihre langfristige historische Strahlkraft nicht eingebüßt.
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