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24.01.12

Kommentar

Friedrich der Große ist mehr als Geschichte

Mit der Geschichte des eigenen Volks ist es wie mit der Familie: Man kann sie sich nicht aussuchen; man muss sie nehmen, wie sie ist. Im Guten wie im Bösen. Selbst nach Jahrhunderten. Der Preußenkönig Friedrich II., im 19. Jahrhundert zum Großen befördert, ist ein schönes Beispiel dafür. Ein Monarch mit zwei Gesichtern.

Als Philosoph eine Ausnahmeerscheinung schon zu Lebzeiten, der der Aufklärung, also den Prinzipien von Vernunft, Toleranz, Freiheit und Gerechtigkeit nicht nur das Wort redete. Er setzte sie - freilich in Grenzen - als erster Herrscher in Europa auch durch. Pflichterfüllung als preußisches Führungsprinzip kam hinzu und gipfelte im Anspruch des "Alten Fritz", erster Diener seines Staates zu sein.

Es gibt aber auch den anderen Friedrich; den ziemlich skrupellosen Machtpolitiker. Ein Feldherr und Schlachtenlenker, der weder Risiken scheute noch Menschenleben schonte, um aus dem Flickenteppich Preußen in den drei Schlesischen Kriegen eine europäische Großmacht neben Frankreich, Russland, Österreich und England zu formen. Diese Sucht nach Macht und Ruhm gehört ebenso zu Fridericus Rex und drückt die Ambivalenz im Charakter des bedeutendsten Königs Preußens aus, der uns bis heute wie kein anderer fasziniert.

Heute vor 300 Jahren erblickte er in Berlin das Licht der Welt. Über die Zeitläufe standen mal seine reformerischen Tugenden, mal seine kriegerischen Ambitionen im Zentrum der Betrachtungen. Weder das eine noch das andere für sich genommen wird ihm gerecht. Die verkrampften Urteile über den Monarchen schwanden denn auch noch während der Teilung Deutschlands, als die SED-Führung den lange Jahre verunglimpften Friedrich am Forum Fridericianum Unter den Linden wieder auf den Sockel hob. Seitdem ist er anerkanntes, zumindest respektiertes gesamtdeutschen Erbe.

Keiner, der im Herzen Berlins oder in Potsdams Schlössern und Gärten auf den Spuren des heutigen Geburtstagskönigs wandelt, kann sich der Faszination entziehen, die mit seiner Person und Geschichte verbunden ist. Zugleich sind es die von ihm vorgelebten Werte, die in unserer hedonistisch geprägten Welt eine Renaissance erleben. Pflichterfüllung, Bescheidenheit im Amt, dem Staate, was des Staates ist (aber auch nicht mehr), Toleranz - das sind Prinzipien, nach denen wieder Sehnsucht herrscht in der Gesellschaft. Zu Recht. Es ist kein Zufall, dass vielleicht etwas langweilige, aber verlässliche, pflichtbewusste Politiker wie Thomas de Maizière oder Angela Merkel mit den preußischen Tugenden in Verbindung gebracht werden und deshalb mehr Respekt und Vertrauen genießen als andere. Auch unserem Staatsoberhaupt sei empfohlen, sich ein bisschen mehr für den König zu interessieren, in dessen Bruders Haus er residiert.

Nur ein Drittel der Deutschen weiß noch, dass Friedrich der Große ein preußischer König war. Das wird sich am Ende dieses Jahres mit den Ausstellungen, Schauen und Lesungen ihm zu Ehren hoffentlich ändern. Wir haben in unserer Geschichte nicht so viele Könige, Kanzler oder Präsidenten, von denen wir auch heute noch etwas lernen können.

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