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18.01.12

Kommentar

Katastrophe einer Boombranche

Das Drama vor der Insel Giglio hat die Albträume jedes Kreuzfahrttouristen wahr werden lassen. Wer jemals vor der gigantischen Wand einer dieser schwimmenden Ferienfarmen stand, hat über das Zusammenspiel von Wind und Physik nachgedacht: Können die Dinger wirklich nicht umkippen?

Wer von Deck an die Küste blickte, fragte sich bang, ob wirklich immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel ist und der Kommandant auf der Brücke integrer als ein Bundespräsident. Wer schließlich jemals tief im Bauch eines solchen Kolosses zu schlafen versuchte, der konnte sich kaum gegen eine grausliche Urangst sträuben: dass jeder, der hier unten wohnt, mindestens zehn, zwanzig Treppenabsätze hochhasten muss zu den Rettungsbooten, zusammen mit Tausenden panischer Mitreisender, die dasselbe Ziel haben. Was, wenn ein Senior auf den Rollator angewiesen ist? Was, wenn die Verständigung zwischen Personal und Passagier nicht ganz so reibungslos läuft wie bei der Übung? Und überhaupt: Kommt der TÜV hier gucken? Oder ist die Sicherheit kostenmäßig ebenso durchoptimiert wie jeder andere Handgriff in der Boomindustrie zur See?

Das Unglück der "Costa Concordia" bedient alle Passagierängste auf einmal. Überfordertes Personal, labile Wasserlage, Fluchtwege ohne große Chancen. Dass die Reederei alle Schuld beim Kapitän ablädt, ist billig. Wer hat den Mann denn eingestellt und ihm Menschenleben überantwortet? Wobei die Frage bislang unbeantwortet blieb, wo die anderen Offiziere steckten, die Einwände hätten äußern können gegen waghalsige Manöver?

Mag die Seereise sicherer sein als eine Tour mit dem Rad durch die Berliner Innenstadt, so gemahnt die Havarie der Traumfabrik zugleich daran, dass die Seefahrt auch im eher gutmütigen Mittelmeer nie frei ist von Risiken. Bei massivem menschlichem Versagen hilft manchen kein Rettungsboot, schon gar nicht denen, die mitten im Schiff stecken und sich zuerst um das Wohl der Reisenden zu kümmern haben - den Angestellten. Dass ausgerechnet der Schiffsführer entgegen allen seemännischen Gepflogenheiten offenbar besonders zügig von Bord ging, wirft ein trübes Licht auf einen Tourismuszweig, der zum Massenbetrieb wuchs.

Was früher die Busreise in ferne Länder, ist heute die Kreuzfahrt. Überaus preisbewusste Kunden treffen auf global agierende Unternehmen, die nur mit brutalem Kostenmanagement bestehen können: Jeder Passagier mehr, jeder genutzte Quadratmeter, jeder Hungerlohn pro Törn bedeutet Vorteile in einem knallharten Wettbewerb. Die Regeln dafür bewegen sich in einer seit jeher internationalisierten Branche traditionell auf dem Level der lockersten Ländergesetze. Wenn der tragische Fall der "Costa Concordia" einen Sinn hat, dann liegt er im Erinnern daran, dass die Seefahrt keine Spaßveranstaltung ist, sondern das Verantwortungsbewusstsein aller Beteiligten erfordert, auch der Passagiere: Wer nur nach Schnäppchen jagt, der riskiert, von einem Schnäppchenkapitän ins Unheil gesteuert zu werden.

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