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30.12.11

Kommentar

Von der Schulpflicht zum Bildungsvergnügen

Berlins neue Arbeits- und Integrationssenatorin Dilek Kolat spricht in einem ihrer ersten Interviews gleich ein brisantes Thema an: die Verantwortung der Eltern für eine gute Bildung. Mit dem Finger auf die Schulen zu zeigen und zu sagen, macht mal, das reicht nicht.

Die Sozialdemokratin fordert, dass Schulen mit Eltern Vereinbarungen über die Pflichten von Vätern und Müttern abschließen sollen, Pflichten, die eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollten: darauf zu achten, dass die Kinder regelmäßig und pünktlich zur Schule gehen oder die Hausaufgaben zu kontrollieren. Aber manchmal muss man offenbar auch die Erziehungsberechtigten an ihre Erziehungspflichten erinnern. Kolat vermeidet es dann aber, näher auf mögliche Konsequenzen einzugehen.

Heinz Buschkowsky, Bürgermeister von Neukölln, plädiert schon seit Jahren für "Vertragsstrafen" für Eltern, um im Bild zu bleiben. Wird regelmäßig die Schulpflicht verletzt, soll das Kindergeld gekürzt werden. Für Kolats Parteifreund Buschkowsky, der viel mit dem harten Leben in Neukölln zu tun hat, ist das Kindergeld Teil eines Vertrags der Gesellschaft, die den Familien Kindergeld als Ausgleich für die Kosten der Erziehung bezahlt. Wenn der Vertrag gebrochen wird, solle als Sanktion auch die Kürzung des Kindergelds möglich sein. Der Sozialdemokrat steht mit dieser Forderung nicht allein. Der parteilose Ex-Senator und Buchautor Jörg Dräger, der im CDU-Senat in Hamburg für die Bildung zuständig war, sieht ebenfalls in der Kürzung des Kindergelds eine Chance, ständige Schulpflichtverletzungen zu bestrafen. Rechtlich ist das bisher nicht möglich. Deswegen geht der Staat den Umweg über ein Bußgeld, das bei Schulschwänzen verhängt werden kann. Doch bei besonders hartnäckigen Fällen, wo auch bei den Eltern kein Einsehen herrscht, könnte eine Kürzung der Staatszuschüsse zum Leben etwa beim Kindergeld einen Erfolg zeigen.

Allerdings ist der bessere Weg der der Überzeugung. Schulpflicht wurde im 16. Jahrhundert eingeführt, damit die Kinder eine bessere Chance erhalten sollten, ihr Leben lebenswert zu gestalten. Wer rechnen, lesen und schreiben konnte, konnte teilhaben an der Welt, konnte aufsteigen - gesellschaftlich und auch wirtschaftlich. Das gilt bis heute: Ohne die deutsche Sprache, ohne Mathematikkenntnisse und ohne die Einhaltung gewisser Regeln, wie eben pünktlich und verlässlich zu sein, haben es auch heute Jugendliche schwer, einen Ausbildungsplatz zu finden. Wenn nicht nur die Kinder, sondern auch die Eltern das verstehen, würde deutlich, dass die Schulpflicht etwas Positives ist. Voraussetzung dafür ist, dass der Staat die Grundversorgung sicherstellt. Wenn Lehrer und Eltern die Kinder motivieren, dann kann die Schulpflicht auch zum Schulvergnügen werden.

Die neue Berliner Integrationssenatorin ist selbst ein Vorbild dafür: Dilek Kolat stammt aus der Türkei und konnte kaum Deutsch, als sie zur Schule kam. Auch in Mathe musste sie sich gegen die männliche Konkurrenz in der Oberstufe durchboxen. Dann wurde Dilek Kolat Bankerin - und nun ist sie Senatorin für Arbeit, Integration und Frauen.

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