Kommentar
Petraeus braucht mehr Zeit in Afghanistan
Dienstag, 17. August 2010 02:33In einer Reihe von Interviews hat David Petraeus, amerikanischer Oberkommandierender für Afghanistan, den Rückzugstermin aus Afghanistan infrage gestellt. Ein weiteres Zeichen dafür, dass die US-Regierung den Juli 2011, den Präsident Barack Obama einst als Beginn des Rückzugs der US-Truppen definiert hatte, nicht mehr für realistisch hält.
Schon im Juni, als noch sein Vorgänger und damaliger Untergebener Stanley McChrystal die Mission in Afghanistan führte, hat Petraeus bei einer Anhörung vor dem Kongress seine Skepsis gegenüber einem verfrühten Abzug zu Protokoll gegeben. Nun hat er noch einmal einige unangenehme, aber offensichtliche Wahrheiten ausgesprochen: Die Alliierten haben sich in Afghanistan über Jahre hinweg nur treiben lassen, ohne eine wirkliche Strategie zu verfolgen. Die ist erst nach dem Amtsantritt Obamas entwickelt worden. Und erst jetzt, mit dem Abschluss der Truppenaufstockung, verfügen die Amerikaner über die Mittel, sie auch umzusetzen.
Gemessen daran war der von Obama ursprünglich gesetzte Zeitrahmen ohnehin unrealistisch. Deshalb ist es richtig, wenn Petraeus die kriegsmüde Öffentlichkeit in Amerika mit dem Gedanken vertraut macht, dass eine so anspruchsvolle Strategie, die militärische, politische, diplomatische und zivile Anstrengungen vereint, mehr Zeit braucht, um Früchte zu tragen. Zumal das Abzugsdatum im Moment das wichtigste Argument für die Afghanen ist, sich lieber doch nicht zu eindeutig auf die Seite der Alliierten zu stellen. Auch wenn immer noch eine überwältigende Mehrheit der Afghanen die Taliban ablehnt, so wagen viele es doch nicht, sich klar gegen die Radikalen zu stellen. Gerade in umkämpften Gebieten hält man sich Optionen offen. Denn das ist die alltägliche Asymmetrie dieses Krieges: Während afghanische Zivilisten wissen, dass die westlichen Alliierten nicht willentlich Unbewaffnete umbringen, selbst wenn sie mit den Taliban sympathisieren, so ist das auf der anderen Seite ganz anders. Wer in den Unruheregionen verdächtigt wird, mit den Alliierten zu kooperieren, kommt auf die Abschussliste. Viele Afghanen warten deshalb nur ab, selbst wenn sie sich vom Westen eine bessere Zukunft versprechen. "Ihr seid ja dann sowieso weg und lasst uns wieder allein", bekommen die Alliierten inzwischen ständig zu hören. Zeit ist für die westlichen Anstrengungen am Hindukusch deshalb eine der wertvollsten Ressourcen geworden. Und die will Petraeus noch einmal ausdehnen.
Der General weiß, dass Obama von ihm abhängig ist, weil der Präsident es sich nicht leisten kann, im Krieg noch einen Oberkommandierenden zu verlieren - zumal einen von solchem Kaliber. Deshalb setzt Petraeus sein ganzes politisches Gewicht ein, um zu bekommen, was notwendig ist, um den Krieg zu einem erfolgreichen Ende zu bringen. Das ist auch für die am Hindukusch engagierte Bundeswehr eine gute Nachricht.







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