Kommentar
Ein einsamer Streik in krisenhafter Zeit
Mit den gängigen Vorstellungen eines Massenstreiks hat der Ausstand der Lufthansa-Piloten kaum etwas zu tun. Es ist der Arbeitskampf einer kleinen Elite, die aber durchaus eine Schlüsselfunktion in modernen Gesellschaften einnimmt.
Von Thomas Exner
Sie besitzt damit Macht, steht aber nichtsdestotrotz ohnmächtig dem rapiden Wandel ihres beruflichen Umfeldes gegenüber. Dieser Streik ist Teil eines Abschieds von einer lange genossenen Sonderrolle. Und es ist vor allem ein sehr einsamer Streik.
Sicherlich, der Ausstand der Ärzte war in der Öffentlichkeit ebenfalls nicht nur von Sympathien begleitet, und auch die dauerstreikenden Lokführer gingen den Menschen irgendwann auf die Nerven - aber selten zuvor ist ein Arbeitskampf auf eine so verbreitete Ablehnung getroffen wie jener der Piloten. In einer krisenhaften Zeit wirkt das Pochen der Flugzeugführer auf vor knapp 20 Jahren gegebene Zusagen beinahe zwangsläufig als maßlos - ja geradezu als Luxusproblem. Und auch beim übrigen, deutlich schlechter bezahlten Lufthansa-Personal dürfte sich die Solidarität angesichts der zahlreichen Privilegien der Piloten in engen Grenzen halten.
Natürlich sind die traumhaften Gehälter der Flugzeugführer der Kristallisationspunkt der öffentlichen Debatte. Das Einstiegsgehalt liegt bei 62 000 Euro - ältere Lufthansa-Kapitäne können mit Zuschlägen locker auf 200 000 Euro Jahresgehalt kommen. Trotzdem wäre es falsch, die Ablehnung des Streiks als bloßen Neidreflex abzutun. Der Kern des Unverständnisses liegt tiefer. Kaum eine andere Branche steht naturgemäß so für die Globalisierung und den damit einhergehend wachsenden Wettbewerbsdruck wie die Luftfahrt. Dass ein Unternehmen dieser Branche nicht weltweit bei allen Töchtern die gleichen Löhne zahlen kann, leuchtet den meisten Menschen ein. Viele haben zudem bereits selbst die Erfahrung gemacht, dass eine zunehmend globale Konkurrenz nicht ohne Folgen für die eigene Arbeit und das eigene Portemonnaie bleibt. Die Abwehrschlacht der Flugkapitäne wirkt daher umso anachronistischer.
Dass die Lufthansa-Führung dem Drängen der Pilotenvereinigung nicht nachgeben und von den einst gegebenen Versprechen abrücken möchte, ist vor diesem Hintergrund verständlich. Schließlich wurden die Zusagen zu einer Zeit gegeben, als Air Berlin, Ryanair oder Tuifly noch klein und unbekannt waren. Heute sind sie feste Größen im Markt.
Am Ende entscheiden ohnehin die Kunden und nicht das Lufthansa-Management über die künftigen Arbeitsbedingungen im Cockpit. Die aber sind ausgesprochen preisbewusst und haben schon in den vergangenen Jahren massenhaft Alternativen bei den Billig-Airlines gefunden. Das ausgebliebene Chaos an den Flughäfen während des nun ausgesetzten Streiks kann deshalb auch als Mahnung an die Lufthansa-Piloten verstanden werden: Wer zu lange an überkommenen Strukturen und Privilegien festhält, droht sich selbst überflüssig zu machen. Nicht zuletzt deshalb ist beispielsweise die ehedem stolze Alitalia heute nur noch ein Schatten ihrer selbst.
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