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Kommentar

Amerika: Sündenbock und Hoffnungsträger

Man könnte es den Gipfel der Ironie nennen: Angela Merkel und Nicolas Sarkozy haben noch einmal sehr deutlich gemacht, dass Amerika die Ursache allen Krisenübels sei (und unterschlagen, dass europäische Firmen kräftig mitgedreht haben am spekulativen Finanzrad).

Zu viel Gier, zu viel gepumptes Geld, zu viel Konsum - das war der anklagende Dreiklang, der den Amerikanern entgegenhallte. Man nimmt aber gerne mit, dass Amerika versucht, die Welt mit aller Kraft aus der Rezession zu holen - mit noch mehr fremdem Geld und noch mehr Konsumanreizen.

Alles ist anders: Der Globus erlebt das Ende einer Ära, in der die USA als Vorbild galten und der Welt selbstbewusst das eigene Erfolgsmodell anempfahlen. Gleichzeitig ist alles wie gehabt: Die Welt hofft, dass Amerika am Ende die Wirtschaftslokomotive spielt. Man selbst hält sich lieber vornehm zurück. Es ist das Sankt-Florians-Prinzip der internationalen Politik: Der andere zahlt, und man selbst profitiert dann auch noch davon. Auch in London wollten die Europäer dem amerikanischen Drängen nach mehr direkten Konjunkturhilfen nicht nachgeben, obwohl Amerikaner und Briten den Franzosen und den Deutschen weit entgegengekommen sind bei den Themen Finanzmarktregulierung und Austrocknen von Steuerparadiesen. Immerhin haben sich die wichtigsten Nationen der Welt aber geeinigt, das Budget des Internationalen Währungsfonds erheblich aufzustocken. Das hilft vor allem den Ländern, denen Zahlungsunfähigkeit droht.

Der Londoner Gipfel war einer jener tastenden Versuche, der Welt eine neue Ordnung zu geben. Die Krise und zwei Kriege drohen die Möglichkeiten der USA als führende Wirtschafts- wie als globale Ordnungsmacht zu überdehnen. Ein Nachfolgestaat, der bereit wäre, nicht nur Macht auszuüben, sondern auch die Kosten größerer Verantwortung zu übernehmen, ist aber weiter nicht in Sicht. Das Prinzip kollektiver Führung hat in London einigermaßen funktioniert, weil der enorme Problemdruck die Staatenlenker zusammengezwungen hat. Das wird sicher nicht so bleiben. Und dann? Schauen dann wieder alle nach Washington?

Die Krise hat die Amerikaner Demut gelehrt und in Barack Obama haben sie einen Präsidenten, der dies glaubwürdig verkörpert. Eine gute Gelegenheit, an alte amerikanische Traditionen anzuknüpfen. Es war historisch immer die Stärke der Amerikaner, nicht im Kommandoton zu befehlen, sondern die Interessen vieler Staaten zu einem Konsens zu bündeln, der allen nützt. Dazu sind die Chinesen nicht in der Lage, deren Elite noch stets zu isolationistisch und zugleich zu nationalistisch ist. Ebensowenig die Russen, deren strategisches Denken den Nullsummenspielen des 19. Jahrhunderts verhaftet ist. Wie Indien und Brasilien haben diese Länder auch noch lange mit ihren Entwicklungsproblemen zu schaffen. Und Europa ist zu alt geworden, als dass es noch weltpolitische Ambitionen hegen würde. Ja, Amerika schwächelt. Aus Mangel an guten Alternativen werden die Kraftlinien dieser Welt aber noch lange in Washington zusammenlaufen.

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