Berliner Tagebuch
Die Oper lebt auch in Jeans und Turnschuhen
Das kriegen wir hin?" "Das kriegen wir hin!" Wortwechsel zwischen Kirsten Harms und einem Techniker mit Walkie-Talkie. 40 Ritterrüstungen hängen an Seilen in die Tiefe. Sie sollen heraufschweben und ihre Blechbeine dann elegant aufsetzen.
Von Christoph Stölzl
Jetzt sieht das Ganze noch komisch aus, mehr sizilianisches Marionettentheater als Mittelalter-Mystik. Der Techniker schubst ein wackelndes Ritterbein zurecht. Da fährt der Boden nach unten. Überrascht rettet sich der Mann mit einem Sprung an den Rand. Das Auditorium lacht.
Prima Klima in der DO. Zwischen Bühne und Zuschauern fliegen die Bälle der Emotion hin und her wie in der Arena zu Verona.
Die Deutsche Oper hat zur öffentlichen Probe des "Tannhäuser" geladen. Kirsten Harms, die Intendantin, inszeniert selbst und demonstriert, wie eine Oper entsteht. Sie macht es lässig und ernsthaft zugleich. Da ist eine Leidenschaftliche, Hochkompetente, Detailversessene am Werk, die gleichwohl nicht verbiestert wirkt. Ganz offensichtlich mag Frau Harms ihr Publikum. Der Funke der Sympathie springt schon nach den ersten Worten über; 1600 Menschen schauen danach gebannt dabei zu, aus welchen Bausteinen ein zwingender Ablauf entsteht.
Der Korrepetitor rührt mit fliegenden Fingern die Tasten des Flügels, um Richard Wagners Riesenorchester anzudeuten. Podeste fahren auf und ab. Frau Harms: "Dass das immer so lange dauert, kommt daher, dass alles nur noch per Computer geht." Der Chor erscheint. In Alltagsgewändern, in Jeans und Turnschuhen, sehen die Choristen nicht anders aus als Passanten auf der Bismarckstraße. Aber dann singen sie! Machtvoll, raumfüllend - und in der Sekunde wechselt die Atmosphäre. Ist es nicht staunenswert, dass diese Menschen, scheinbar wie du und ich, einen Zauberschlüssel zum Himmlischen und Erhabenen besitzen, kaum machen sie den Mund auf?
Eintritt musste heute niemand bezahlen. Wer glaubt, der Nulltarif locke andere Menschen in die Bismarckstraße als sonst Abend für Abend, der irrt: Die gleiche Mischung aus gediegener Grauhaarigkeit und disziplinierter Jugend füllt den Raum. Opernfans kennen sich aus beim Objekt ihrer Begierde. Darum kann Kirsten Harms virtuos wechseln zwischen hochgesteckter Deutung ("Reinheitsekstase") und Sprachbildern, die jeder versteht: Im "Tannhäuser" stecke auch die alte, ewig neue "Tragödie der Geliebten: Weihnachten wird zu Hause gefeiert".
Auftritt der Solisten, Arbeit an jeder Geste der Begegnung von Tannhäuser und Elisabeth, kreatives Stop-and-go. Und schon sind 90 Minuten vorbei. "Öfter machen!", tönt es aus dem Publikum. Echte Theaterleute wissen: Das Publikum hat immer recht.
Bis morgen,
Ihr
Christoph Stölzl
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