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Mein Tagebuch

"Gott kommt zum Zuge" - am Hauptbahnhof und in Wilmersdorf

Hauptbahnhof in der Osternacht. Die Stadtmission veranstaltet ihren traditionellen Gottesdienst. Kreischen der ICE-Bremsen, gemischt mit perlendem Gospelpiano, darüber eine inbrünstige Soul-Stimme, die die Fröhlichkeit des Gottesvolkes preist. Vor dem China-Restaurant ist ein Altar aufgebaut.

In den Bänken Zufallsgäste mit Rucksäcken und Koffern. Aber auch die Mühseligen und Beladenen, um die sich die Stadtmission kümmert. Ein Bärtiger hat eine Rotweinflasche zu seinen Füßen geparkt und spricht leise mit sich selbst. Pfarrer Filker, gleichsam von innen leuchtend, ergreift das Wort. Der Bahnhof als Rhetorik-Arsenal: "Gott kommt zum Zuge." Dürfen wir angesichts der Ereignisse in Welt und Kirche singen, wir wollten alle fröhlich sein?

Wäre ein "Trauer-Zug" nicht angemessener? Ist - Missbrauchsenthüllungen! - der "Hoffnungszug Kirche" nicht plötzlich gestoppt worden? Und was man von manchen Sozialdiensten hört. Könnte man nicht sagen: "Habt ihr den Verstand verloren? Sind denn alle Züge abgefahren?" Urphänomen Sünde.

Und dennoch die Oster-Botschaft. Seit 2000 Jahren "fahren Menschen darauf ab". "Gott kommt zum Zuge, so wie dieser ICE jetzt einfährt, und wir können umsteigen. Jesus hat uns erlöst, das Ticket ist für uns bezahlt." Dann Gebet für die Regierung und die Opposition, für unser Land, "dass kleine Schritte zu mehr Gerechtigkeit gegangen werden".

Szenenwechsel. Ostermontag, Hochmeister-Kirche in Wilmersdorf. Neoromanische Hülle von 1910, drinnen lichte Weite. Pfarrer Krätschell, im Talar, aber zuerst im Dienst der Musik, hebt die Geige ans Kinn, Oboe, Cembalo und Positiv (Orgel) setzen ein, und das Doppelkonzert Konzert c-Moll von J. S. Bach erklingt. Die beiden hellen Melodien verschwistern sich, schwingen sich in die Höhe wie die Seelen auf dem buntfarbigen modernen Bild in der Apsis. Predigt über Maria Magdalenas Begegnung mit dem auferstandenen Jesus, den sie für den Gärtner hält. Eine Frau darf das Unglaubliche als Erste erfahren. Die Ex-Sünderin wird die "Mutter des Auferstehungsglaubens":

"Wenn Kirche die Hüterin des Glaubens sein will, dann müssen Frauen genauso wie Männer diesen Glauben weitersagen dürfen. Eine Kirche, die nicht zulässt, dass Frauen in der Kirche genauso Dienst tun als Priesterinnen, widerspricht Jesus selbst."

Zweimal Berliner Protestantismus. Zweimal kämpferisch: mehr sozialpolitisch im Bahnhof, mehr theologisch in der Kirche. Aber eindrucksvoll beide Male.

Bis morgen

Ihr

Christoph Stölzl

christoph.stoelzl@morgenpost.de
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