Logo der Berliner Morgenpost
http://www.morgenpost.de/kolumne/stoelzl/article1023499/Eine_tuerkische_Berlinerin_und_ihre_Liebe_zu_Poesie.html
twitter Facebook StudiVZ/MeinVZ
Link in E-Mail oder Instant-Message einfügen close

Berliner Tagebuch

Eine türkische Berlinerin und ihre Liebe zu Poesie

Unter dem großen Kinotransparent, das für den "Buddenbrooks"-Film warb, fragte ich meine Begleiterin, ob sie schon drin gewesen sei? Noch nicht, aber ihre 17-jährige Tochter habe soeben das Buch gelesen.

Überhaupt Thomas Mann: Als sie vor 25 Jahren aus der Türkei zum Studium nach Deutschland kam, musste sie erst das deutsche Abitur machen. Die Lehrbücher für Deutsch handelten von banalen Alltagsdingen, nicht von Emotionen, die einem Mädchen wichtig sind. Auch konnte sie sich nicht mit der deutschen Sprache anfreunden, sie erschien ihr hart und grob. Aber es musste doch möglich sein, mit deutschen Wörtern ein Herz zu bewegen? Also fing sie an, Gedichte zu lesen. Ihr erstes war "Es war, als hätte der Himmel die Erde still geküsst" - Eichendorff.

Ich versuchte, das berühmte Gedicht weiter zusprechen, um vor der türkischen Dame die Ehre des deutschen Bildungsbürgertums hochzuhalten, aber ich war nicht so schnell wie Frau G., die flüssig weitermachte mit der Seele, die die Flügel ausbreitet, "als flöge sie nach Haus".

Nach Eichendorff kam Thomas Mann dran, der "Zauberberg". Ich sagte verblüfft: Ausgerechnet, das sei doch auch für deutsche Abiturienten sehr, sehr anspruchsvolle Lektüre, mit all den philosophischen Diskussionen! Ja, sie habe erst einmal fast nichts verstanden, aber trotzdem einfach - dreimal! - Satz für Satz gelesen, bis endlich der Punkt kam, oft erst auf der nächsten Seite! "Wenn man ein Problem lösen will, muss man immer ganz oben ansetzen", sagte Frau G., die nach dem Willen des türkischen Vaters erst "etwas Vernünftiges" studiert und praktiziert hat, Textilingenieurin im Ruhrgebiet. Heute arbeitet sie als Malerin und Galeristin, in einer Galerie, die einer großen Istanbuler Kunstfirma gehört - was man aber dem Ladenschild nicht ansehen kann. Sie hat auch einen deutsch-türkischen Kunstverein gegründet.

Wir sprachen über die Meldungen über die misslungene Integration der Türkischen. Was meint eine Türkin aus liberaler Istanbuler Familie dazu, die sich spielend zwischen den Kulturen bewegt und deren Töchter sich zuerst als "Berlinerinnen" definieren? Was muss eigentlich geschehen?

"Oben anfangen!" Nicht in Neukölln, nicht in Kreuzberg oder Wedding muss der Hebel ansetzen, sondern an den Prestige-Orten Berlins wie der Museumsinsel oder der Nationalgalerie. Ein Großereignis, wo sich deutsche Kultureliten und das arrivierte türkische Bürgertum Berlins auf Augenhöhe begegnen, das wäre es! Der Glanz werde abstrahlen in die kulturfernen türkischen Milieus. Denn: Wer Großes bewegen wolle, müsse auch große Räder drehen!

Bis morgen

Ihr

Christoph Stölzl

Anzeige
Anzeige