Die Woche im Rathaus

Die Not in den Berliner Schulen ist groß

Berlins Regierender Bürgermeister Müller braucht das im Wahlkampf nicht: Unruhe, weil es in den Schulen brodelt, sagt Gilbert Schomaker.

Schulklasse in Ganztagsschule

Schulklasse in Ganztagsschule

Foto: dpa

Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) konnte guter Dinge sein. Ihr Chef, der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD), hatte sie im kleinen Kreis gelobt. Nichts sei mehr davon zu spüren, dass am Schuljahresanfang Chaos an den Berliner Schulen herrsche. Das sei auch das Verdienst der Senatorin, versah Scheeres Vorgesetzter ihre Arbeit am Rande der SPD-Fraktionsklausur in Jena mit einem großen Lob. Doch wie schnell sich die Lage ändern kann, erlebte Scheeres diese Woche.

Gleich zwei schlechte Nachrichten machten die Runde im politischen Berlin. Da kam heraus, dass jeder neunte Schüler ohne Abschluss die Schule verlässt. Trotz teurer Programme und diverser Schulreformen verbessert sich die Lage kaum.

Und dann wurde auch noch öffentlich, dass Berlin 1000 Grundschullehrer braucht, aber an den Universitäten viel zu wenige ausbildet. Das mutet auch insofern merkwürdig an, als dass Scheeres ja nicht nur Bildungs-, sondern auch Wissenschaftssenatorin ist. Aber es geht dabei natürlich auch ums Geld. Sollen die Universitäten mehr ausbilden, wollen sie mehr Geld.

Scheeres verwies auf die steigenden Flüchtlingszahlen und Verhandlungen mit den Universitäten um mehr Studienplätze. Mehr Quereinsteiger sollen zudem die fehlenden Pädagogen ersetzen. Ihre Zahl soll von 220 auf 500 ansteigen. Quereinsteiger haben den Vorteil, dass sie auch die Welt aus der Sicht anderer Berufe kennen. Allerdings gibt es auch Nachteile. Die schulpolitische Sprecherin vom Koalitionspartner CDU, Hildegard Bentele, sprach diese Woche von "nicht richtig ausgebildeten" Lehrern. Sie warnte davor, dass das "pädagogische Niveau" weiter heruntergezogen wird. Ein "Schnellschuss aus Panik" sei das.

Die CDU lehnt eine weitere Aufstockung der Quereinsteiger ohne eine Bewertung der Arbeit der schon an den Schulen Tätigen ab. Dass Scheeres mehr Quereinsteiger als Pädagogen einsetzen will, ist also umstritten. Interessant ist da ein Vergleich: Bei den überlasteten Bürgerämtern sollen gerade nicht irgendwelche Mitarbeiter aus der Verwaltung aushelfen. Die vom Senat beschlossene Aufstockung soll durch Fachbeamte erreicht werden. Bei Berlins Schulen reichen dagegen Quereinsteiger mit pädagogischer Schnellausbildung – nun ja. Es ist so, als ob nach Monaten der Ruhe im Bildungsbereich auf einmal das Schlaglicht auf die Probleme fällt. Dass es steigende Schülerzahlen in Berlin gibt, dass Eltern, Schüler und Lehrer in Bezirken wie Pankow zu Hunderten auf die Straße gehen – das hat auch die Bildungssenatorin schon seit Langem wahrgenommen.

Zwar konnten 2000 Stellen an den Schulen neu geschaffen werden. Aber das Besetzen ist schwierig. Denn auch die anderen Bundesländer buhlen wegen der vielen Flüchtlingskinder um die jungen Lehrer. Die Not ist so groß, dass Brandenburg selbst auf Lehrer aus Polen setzt, um offene Stellen zu besetzen. Die beginnende Pensionierungswelle im öffentlichen Dienst verschärft das Problem noch einmal. Scheeres denkt jetzt sogar darüber nach, Pensionäre an die Schulen zurückzuholen.

Berlin steht also nicht allein da. Aber in der Hauptstadt – das weiß jede Politikerin und jeder Politiker, der den Posten übernimmt – wird der Schulsenator anders als in den Flächenländern für alle Probleme im Bildungsbereich haftbar gemacht.

Jetzt wird in diesem Jahr gewählt, danach wird der Senat neu besetzt. Scheeres macht sich Hoffnungen, ihre Politik als Senatorin fortsetzen zu können. Der zu Beginn des rot-schwarzen Senats versprochene Schulfrieden hatte lange gehalten. Doch wenn er nun brüchig wird, ist die Versetzung der Senatorin in den nächsten Senat gefährdet. Denn eines braucht Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller im aufziehenden Wahlkampf wahrlich nicht: Unruhe in den bürgerlichen Wählerschichten, weil es in den Schulen brodelt.

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