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03.05.09

Frau Leinemann schiebt durch die Stadt

Mutter von vier Kindern? Geht ganz leicht

Was für ein Auftritt! Wir waren mit vier Kindern unterwegs. Und alle dachten, die Vier seien samt und sonders unsere. Optisch kam das wunderbar hin - der beste Freund meiner Tochter ist ein gutes Stück größer als sie und sieht ein, zwei Jahre älter aus (sieben oder acht), und sein kleiner Bruder, bester Freund unseres Sohnes, ist einen Kopf kleiner als der.

Die Vier stellten sich also wie die Orgelpfeifen nebeneinander, als wir letzten Sonntag das Wahllokal betraten. Dahinter wir, die stolzen Eltern.

Wir badeten in Respekt. Vier Kinder, heutzutage, alle Achtung - die Wahlhelfer standen stramm. Womöglich lag es daran, dass sie alle zur "Pro Reli"-Fraktion gehörten. Von unserer katholischen Schule weiß ich, wie selbstverständlich in diesem christlich-bürgerlichen Milieu viele Kinder sind. Die durchschnittsdeutsche Frau mit 1,37 Kindern ist hier klar in der Minderheit. Die meisten haben zwischen 2,0 und 4,0. Das führt dazu, dass besonders viele Sharans und Kangoo Familys vor der Schule vorfahren. Aber zurück zum Wahllokal.

Die Wahlhelferinnen waren zuckersüß. Sie strahlten "unsere" vier Kinder an. "Dann wollen wir mal sehen, ob euer Papa wirklich euer Papa ist", sagten sie lachend und nahmen Personalausweis und Wahlbenachrichtigung meines Mannes entgegen.

Ich musste sofort an DNA-Tests denken und an die unglaubliche Geschichte, die ich gerade aus dem Bekanntenkreis gehört hatte. Da besucht ein Neu-Vater zum ersten Mal seine Freundin im Krankenhaus - und was bringt er mit? Blumen? Nein, ein Wattestäbchen für den Gentest. Ist wirklich wahr. Die beiden hatten sich erst eine Woche gekannt, bevor sie schwanger wurde, aber trotzdem. Hätte der Mann denn nicht einfach ein wenig warten können? Inzwischen ist der Junge ein Jahr alt und seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten.

Natürlich habe ich nicht über Wattestäbchen gewitzelt. Wozu die Dinge komplizieren und Zweifel an unserer Großfamilie säen? Ich reichte also meinen Ausweis hinüber und legte meinen Arm um meinen richtigen und um meinen falschen Sohn. Dem Falschen wurde das aber zu bunt. Er sagte laut und deutlich: "Ich bin nur ein Besucherkind."

Da hatten wir nur noch drei Kinder.

Das Lächeln der Wahlhelferinnen fiel etwas knapper aus, war aber immer noch anerkennend. Wie haben sie früher auf meinen links-kämpferischen Grips-Theater-Kinderschallplatten gesungen: "Einer ist keiner. Zwei sind mehr als einer." Und drei sowieso. In saudi-arabisch-anmutender Formation gingen wir mit den Wahlzetteln zu den Wahlkabinen: Mein Mann und die drei Jungs stellten sich in die rechte Wahlkabine, meine Tochter und ich in die linke.

Wir hätten uns das mit den Wahlkabinen aber auch sparen können, denn was nun folgte, war eine saalöffentliche Diskussion von Kabine zu Kabine über den Wahlzettel. Der abgedruckte Gesetzestext überforderte uns. Dabei sah der Zettel so simpel aus: Ein Kreis mit einem "Ja", ein Kreis mit einem "Nein". Aber was hieß das? Wählten wir jetzt mit "Ja" Ethik und schafften mit "Nein" Religion ab? Oder umgekehrt?

Schon die Plakate der "Pro Reli"- und der "Pro Ethik"-Leute hatten mich verwirrt. Egal, was ich wählen würde, immer wählte ich "die Freiheit". Völlig durcheinander brachte mich das Endspurt-Plakat von "Pro Reli": "Freie Wahl ist meine Ethik." Wie bitte - was denn nun!? Und so war die ganze Kampagne für den Religionsunterricht an Berlins Schulen: unklar, verhalten, irgendwie mutlos.

Mag ja sein, dass ich von meiner Begriffsstutzigkeit ungerechterweise auf andere schließe. Und dennoch: Das stärkste Argument, das pro Religion plakatiert wurde, hieß immerzu: Freiheit. Freiheit der Wahl. Schön und gut. Aber wer will, dass seinen Kindern Religionsunterricht erteilt wird und dafür abstimmen geht, der tut das nicht um einer abstrakten Wahlfreiheit willen - der tut das, weil er Religion in der Schule positiv will. Aus Glauben.

Übrigens: Nächstes Wochenende leihe ich mir die beiden Jungs meiner Freundin wieder aus. Dann hat gar kein Wahllokal geöffnet? Macht nichts. Wir gehen ins Café Einstein. Wir machen bestimmt Eindruck.

Nächste Woche rennt wieder Frl. Garbers durch die Stadt

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