Frau Leinemann schiebt durch die Stadt
Hoch lebe die Langeweile!
Das Lieblingswort unserer Tochter ist derzeit "langweilig". Es fällt mehrmals täglich. Sobald sie zwei Minuten irgendwo sitzt und in diesen 120 Sekunden antriebslos auf ihre Fußspitzen starrt, erinnert sie sich daran, wie dieses dumme Gefühl heißt, das sie jetzt in den Osterferien immer mal wieder blitzartig überkommt: Langeweile.
Dann sagt sie: "Mir ist so langweilig." Und dann, als Steigerung, dehnt sie das Wort, ihr ist nun "sooooooo langweilig".
Ihr kann überall langweilig sein. Auf dem Lieblingsspielplatz ist ihr langweilig, weil sie alle Türme schon hundertfach bestiegen hat und die Hangelstrecke schon dutzendfach gehangelt ist. Daheim ist ihr langweilig, weil ihr Bruder einen Freund besucht. Oder, wenn er da ist, weil er blöd ist und immer nur kämpfen will. Mit uns Eltern ist ihr langweilig, weil wir so langweilig erwachsen sind. Aber im Grunde ist ihr langweilig, weil sie findet, dass Langeweile ein ziemlich cooles Gefühl ist. Es macht sie schlagartig älter.
Das schöne an Kleinkindern ist ja, dass sie so ziemlich alles aufregend finden. Kleinkinder kann man in eine Pappschachtel setzen, und sie sind glücklich. Bei ihnen gilt nur das Kriterium: müde oder nicht müde. Nicht müde Kleinkinder finden alles aufregend - Rolltreppen, Mixer, automatische Türen, Fahrradschlösser. Mit einem müden Kleinkind dagegen können Sie im tollsten Tiergehege stehen, und jedes sich nähernde Schaf oder Zicklein wird zusammengebrüllt.
Das ist also nun vorbei. Unsere Tochter ist Schulkind, und sie betrachtet die Welt mit klaren Wertungen: langweilig oder nicht langweilig. So richtig klar wurde uns das an Ostern. Wir waren spontan in ein Hotel auf dem Land gefahren. Wo es lag? "Im Winkel zwischen der A2 und der A9", sagt mein Mann. Andere sagen Fläming. Dort saß sie dann nach der Ostereiersuche leicht wippend auf dem Hotelbett, umgeben von kleinen Ostergeschenken und teilte trocken mit: "Und was machen wir jetzt? Mir ist langweilig."
Nun verfielen mein Mann und ich in heftigen Aktivismus. Dem Kind ist langweilig, womöglich sogar beiden Kindern. Das soll nicht sein - dies ist doch unser Familiensuperosterausflug. Also setzten wir uns ins Auto, fuhren erst zu einer nahen Burg, wo ein extrem kommerzielles Mittelalterfest mit Ritterturnier stattfand und sich Massen an Bratwurst- und Bierständen vorbei schoben. Danach ging es zu einem netten Landgasthof, wo die Kinder Küken streicheln konnten. Und nicht genug, es folgte eine wunderbare Kutschfahrt über die Dörfer. Zwei Haflinger zogen die Kutsche, wir sahen Greifvögel und Rehe aus der Nähe und sogar einen toten Fuchs. Unser kleiner Sohn (müde/nicht müde) genoss es erst und schlief dann auf der ruckelnden Fahrt zufrieden ein. Aber unsere Tochter schwebte immer noch in Langeweilegefahr. Sie bestand auf Reiten. Also schenkten wir ihr noch eine halbe Stunde Pony.
Eine Stunde später war ihr wieder langweilig. Da wussten wir, es ist ein Fass ohne Boden. Aktionismus hilft nicht, es macht die Sache nur schlimmer. Sie genießt offenkundig das kraftvolle Gefühl der Langeweile. Nicht mehr in der Welt zu schaukeln wie in einer Kutsche, sondern sie zu rezensieren: Daumen hoch, Daumen runter. Man nennt das wohl Erwachsenwerden.
Gestern hockte sie in der Küche und langweilte sich. Da entdeckte sie ein Nest in der Krone eines Baums, daraus lugten die Schwanzfedern eines Raben. Der Vogel rührte sich nicht, saß ganz still - zwei Minuten, fünf, zehn. Meine Tochter fragte mich, ob der Rabe noch lebe. Ich sagte, ja, er brüte Eier aus. Dafür säße er stundenlang still auf den Eiern und wärme sie. Meine Tochter schaute fasziniert hin. "Ist dem Raben denn nicht langweilig?", fragte sie. Ihre eigene Langeweile hatte sie darüber ganz vergessen.
So war meine Kindheit. Was habe ich mich gelangweilt - an endlos langen Sonntagen ohne Ablenkung. In einer Welt ohne KIKA, ohne Computer, ohne Gameboy oder Handy. Und wenn die lähmende Langeweile mich schon fast erdrückt hatte, nachdem ich mehrfach durch Wohnung und Garten gestreift war, dann fiel mein Blick auf irgendeine Kleinigkeit, die mich faszinierte. Ich begann zu spielen. Wunderbar zu spielen.
Man muss die Langeweile nicht sofort abtöten. Man sollte ihr eine Chance geben. Sie ist ein kostbares Gut.
Nächste Woche rennt wieder Frl. Garbers durch die Stadt
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