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05.04.09

Frau Leinemann schiebt durch die Stadt

Liebe Eltern, stehen Sie auf und greifen Sie ein!

(für alle, die nach Tschernobyl geboren sind: GAU = Größter Anzunehmender Unfall). Unser Sohn, drei Jahre alt, stand minutenlang vollkommen unbeaufsichtigt am Rand des Bürgersteigs einer ziemlich befahrenen Straße und rang mit sich, ob er die Straße alleine überqueren sollte.

Wir hatten einen Beinahe-GAU Denn auf der anderen Seite liegt eine Eisdiele, und in dieser Eisdiele vermutete er seinen Vater. Doch sein Vater war, genau wie ich, auf dem nahe gelegenen, sehr vollen Spielplatz - wir suchten zunehmend verzweifelt unseren verloren gegangenen Sohn. So das Szenario.

Das Wichtigste zuerst: Es ist alles gut gegangen. Das verdanken wir unserem Sohn. Denn er ist tatsächlich - das ist jetzt die gute Nachricht - inzwischen so vernünftig zu wissen, er darf nicht alleine eine Straße überqueren. Allerdings rangen zwei Seelen in seiner Brust, denn seine Füße hielt es nur noch halb auf dem Bürgersteig. Die Fußspitzen ragten schon auf die Straße. Sie können sich vorstellen, wie dicht die Autos an ihm vorbeifuhren.

Jetzt die schlechte Nachricht: Es waren sehr viele Eltern mit ihren Kindern anwesend. Sie waren auf dem Spielplatz, sie saßen im Eiscafé und in dem benachbarten Café. Einige waren längst auf unseren Sohn, der offensichtlich ohne elterliche Aufsicht war, aufmerksam geworden. Doch niemand kam ihm zur Hilfe. Alle blieben seelenruhig sitzen, tranken weiter ihren Latte Macchiato, schleckten ihr Eis, spielten mit den eigenen Kindern. Wie lange er dort stand? Drei Minuten, vier oder vielleicht sogar fünf. Fünf Minuten, in denen ein kleiner Junge am Straßenrand steht und in jeder Sekunde in den laufenden Verkehr rennen könnte sind eine halbe Ewigkeit.

Natürlich, die Hauptschuld tragen wir. Wir haben unseren Sohn aus den Augen verloren. Das Ganze war, wie so häufig, ein Übergabeproblem. Auch in Kernkraftwerken, um bei Tschernobyl zu bleiben, weiß man, dass die risikoreichste Zeit immer die der Übergabe von Arbeiter A an Arbeiter B ist. Dann nimmt die Unkonzentriertheit zu. An diesem Tag tauchte mein Mann unerwartet früh auf dem Spielplatz auf. Die Kinder freuten sich sehr, ich entspannte mich und dachte, ab jetzt hat er ein Auge auf sie. Er dagegen fand, man sollte die Gesichter der Kinder dringend von den Schokoladeneisspuren reinigen und ging rüber zur Eisdiele, um Servietten zu holen. So fing das Malheur an: Mein Sohn sah ihn zur Eisdiele gehen, ich wähnte meinen Sohn bei meinem Mann, mein Mann glaubte ihn bei mir und dann verpassten sich auch noch alle Akteure auf ihren Wegen.

Einem Unglück geht in der Regel eine Reihe von blöden Zufällen voraus. Irgendwann war uns aufgefallen, dass weder der eine, noch der andere unseren Sohn in Obhut hat. Seine Schwester hatte ihn auch nicht gesehen. Und so begann die Suche. Anfangs noch entspannt, dann zunehmend hektisch - an der Hangelstange, hinter den Büschen, wo er sich so gerne versteckt, unter der Rutsche.

Erst als ich den Spielplatz durch den falschen Ausgang verließ, sah ich ihn am anderen Ende des Platzes stehen. Ein kleiner Kerl vor fließendem Verkehr. Mir rutschte das Herz in die Hose. Ich rannte so schnell ich konnte zu ihm hinüber, umfasste ihn von hinten und zog ihn von der Straße weg. Die Eltern im Eiscafé und im Café gegenüber beobachteten mich interessiert. Sicher hatten sie sich schon Gedanken gemacht, wie diese verantwortungslosen Eltern wohl ausschauen, die ihr Kind alleine am Straßenrand stehen lassen.

Liebe Eltern , falls Sie meinen Sohn irgendwann wieder einsam am Straßenrand herumlungern sehen, stehen Sie bitte von ihrem Platz auf und greifen Sie ein. Gehen Sie zu ihm hin, sprechen Sie ihn mit ruhiger Stimme an und bringen Sie ihn aus dem Gefahrenbereich. Keine Sorge: Ich empfinde das nicht als Eingriff in meine Privatsphäre. Im Gegenteil. Sie sind in so einem Moment überlebenswichtig. Ich wäre Ihnen ewig dankbar.

Sollte es allerdings nochmals zu einer ähnlichen Situation kommen, und ich sehe Sie alle wieder dumpf herumsitzen, anstatt sich eines verlorenen Dreijährigen anzunehmen, dann - es tut mir schrecklich leid - werde ich ausfällig werden. Denn es reicht nicht, sich immer nur um die eigenen Kinder zu kümmern. Ab und zu muss man auch ein Auge auf fremde Kinder haben, wenn die sich in einer riskanten Lage befinden. Wir sind die Erwachsenen. Wäre schön, wenn wir uns auch so verhalten.

Nächste Woche rennt wieder Frl. Garbers durch die Stadt

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